Stellvertreterkonflikte

Die Hambacher Forst-Situation ist eine Sache, die uns als Gesellschaft prägen wird, könnte man sagen, wenn man an so einen Mist glauben würde. Natürlich ist es unumstritten, dass dieser zivile Ungehorsam gegen geltendes Recht, obwohl eine Sache gesetzlich geschützt ist, trotzdem moralisch falsch ist und deshalb das Engagement der Zivilbevölkerung verdient, nur einer von vielen Stellvertreterkonflikten ist, der unsere Gesellschaft als solcher in letzter Zeit durchgeschüttelt hat.

Ich hatte die letzten Tage einen Text zum Thema § 219a StGB „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ vorbereitet und hatte vor ihn mit diesem schlechten „Witz“ einzuleiten: Da man eine Schwangerschaft in Deutschland Gott sei Dank besser abbrechen kann als einen türkischen Staatsbesuch – warte oder bin ich da falsch informiert? – habe mich dann aber dazu entschlossen, diesen Text aus vielen verschiedenen Gründen nicht zu veröffentlichen und einer davon war, weil ich mich nicht mehr mit dem Fallout oder besser gesagt den Repressalien beschäftigen wollte, die so eine Veröffentlichung hinter sich herziehen und jetzt gerade denke ich: Dann bin ich eben für manche Geldbörsen brandgefährlich und in ihren Augen gehört mein kleines Studentenblättchen mit allen Mitteln abgeschafft; who cares – ich bitte um Entschuldigung.

Wenn ich in letzter Zeit zunehmend zynisch erscheine, dann ist das so, weil ich zynisch geworden bin.

Wir können uns nicht hinstellen und uns für unsere Umweltpolitik feiern lassen und andere Nationen für ihre exzessive Umweltverschmutzung verurteilen und gleichzeitig einen uralten Wald in unserem eigenen Garten für ein Energiegewinnungsdings abholzen, das selber an sich veraltet und noch dazu umweltschädigend ist – und nur mal so am Rande ist es vielleicht keine gute Idee den Wald zu schützen, indem man ihn wochenlang mit Hundertschaften platttrampelt; aber manchmal muss man eben Kosten Nutzen abwägen, sogar im Naturschutz nehme ich an.

Oh, ich weiß gar nicht, ob ich diesen Vergleich nun bringen kann, aber vielleicht sehen Sie es nicht als schlechte Presse, sondern als Möglichkeit zur Verbesserung: „Das ist genau so ein Verhalten, wie wenn man als Landschaftsverband Für die Menschen! Für Westfalen-Lippe! auf den Flaggen geschrieben hat und dann die Putzfrauen – und männer nicht fair bezahlt und nur durch Drittfirmen beauftragt, weil es kostengünstiger ist.“

Was ich damit sagen will: Ja, es kostet manchmal etwas mehr Überwindung oder Energie oder was auch immer sich für die richtige Sache einzusetzen, aber am Ende lohnt es sich, weil alle was davon haben.

Ich weiß, mein Umfeld hasst mich bestimmt dafür, dass ich mich nur in extremen Situationen – wenn ich mich extrem langweile – einmische und meine Meinung kundtue, aber für mich sind das alles insgesamt nur kleine, verrostete Schrauben einer großen, schlecht konstruierten Maschine; für die kleinen, verrosteten Schrauben habe ich einfach keine Zeit, habe ich bis jetzt immer gesagt – die nehme ich mir jetzt.

Und wenn ihr den berechtigten Einwand bringt, warum ich nicht lieber meine Energie ins Romane schreiben stecke, dann kann ich nur so viel sagen: Euer Wunsch nach neuen Romanen von mir ist bis aufs weitere in die gleiche Kiste gestopft worden wie mein Wunsch mit meinem ersten Roman Geld zu verdienen und wenn ihr diesen Witz verstanden habt, dann seid ihr Teil des Problems – aber vielleicht sollte ich es einfach anders betrachten, als Ehre ansehen, dass andere Idioten auf meinen Mist reich werden – hint: Tue ich nicht! Es ist immer noch mein Werk und meine Idee und ich werde dagegen vorgehen!

So, wo waren wir? Achja, genau. Wenn ich vorher mal hier, mal da etwas geschrieben habe, schreibe ich jetzt nur noch; schließlich leben wir in einer Zeit, in der wir die Arbeit von Millionen von Menschen durch immer mehr Lächerlichkeiten rechtfertigen müssen, weil wir nicht genug Ressourcen haben, um ihnen vierundzwanzig Stunden sieben Tage die Woche die Wünsche zu erfüllen, die die Werbung ihnen eingepflanzt hat – das ist ein Problem, dem muss sich doch mal jemand annehmen.

Aber eigentlich fühle ich mich intellektuell unterfordert bei diesem Problem und kann nicht mehr diese Maskerade eines dummen Jungen aufrechterhalten, nur damit ich niemandem auf die Füße trete und würde am liebsten alles hinschmeißen und je öfter ich diese Worte sage bzw. schreibe, desto weniger Kraft haben sie, was irgendwie seltsam ist, weil es Worte sind, die sich auf meine Antriebslosigkeit und Kraftlosigkeit beziehen und ach – ich meine, versteht überhaupt irgendwer, was ich hier versuche umzusetzen? Ich … ach … genau deshalb mach ich doch diese Scheiße, dass ihr endlich die Absurdität von Sprüchen wie diesen hier begreift: „Sie haben zwar Fernsehen, aber es kostet 10 Euro mehr (mein Gott ist das frustrierend) um vom Bett aus umzuschalten.“

Ganz ehrlich, ich komm damit nicht mehr klar. Und mit dieser Realisation, die mit der Dreistigkeit eines Streamingdienstes im Amsterdamer Hotelzimmer seinen Höhepunkt gefunden hat und mich seitdem begleitet, versuche ich irgendwie durch den Alltag zu kommen, ohne dem nächstbesten Idioten die Fresse zu polieren – mir fallen immer mehr solcher absurden Dreistigkeiten auf, als könnten sie keine eigenen Serien oder Filme mehr schreiben.

Aber wir scheinen uns einfach damit abgefunden zu haben; wie heißt es noch in der neuen South Park Folge: ICH WILL, DASS IHR EUCH EMPÖRT!

Wir finden uns anscheinend damit ab, sieben Euro für eine Flasche, nein sorry für zwei Flaschen *expensive Beer* zu bezahlen, obwohl man im Laden um die Ecke den gleichen Mist für zwei Euro weniger oder für den gleichen Mist einfach mehr Mist kriegt und was soll ich sagen, ich hab in dieser Nacht im Amsterdamer Hotelzimmer noch dutzende Beispiele gefunden, die die Absurdität unserer Realität beschreiben würden, aber irgendwann war meine Hand vom Schreiben müde und ich ausgepowert und deshalb habe ich den Gedankengang an diesem Abend nicht mehr zu Ende geführt.

Jetzt will ich ihn mit nüchternem Verstand wieder aufgreifen. Denn diese ganze Sache macht für mich nur noch Sinn, ich kann dieser ganzen Situation nur noch etwas sinnvolles abgewinnen, wenn man Geld als schlechte Metapher begreift.

So wie damals Monopoly als Spiel eigentlich dazu gedient hat, den Menschen das Schlechte am Kapitalismus aufzuzeigen und sie es nun aber als Sonntagsnachmittagsbeschäftigung mit der Familie spielen, so hat das Prinzip von Geld bestimmt auch mal damit angefangen, dass sich zwei Egoisten nicht darauf einigen konnten, wer für wie viel Mehl die Ziege haben kann und ein dritter Typ stand daneben und ist irgendwann in den Streit eingestiegen und meinte nur schlichtend, auch um sich über die beiden lustig zu machen: „So kann das nicht weiter gehen. Hier, guckt mal. – – Warum sagen wir nicht einfach, deine Ziege ist drei Steine wert und Mehl ab einer gewissen Größe ein Stein, also zahlst du ihm drei Steine, dann seid ihr quitt.“ – und ein vierter Idiot stand wahrscheinlich daneben und meinte: „Das ist eine gute Idee. Ich hab hier einen Haufen Steine, die gebe ich euch für Ziegen und Mehl! – – Wer will seine Steine? Nur heute: Drei frische Steine zum Preis von einer Ziege!“

Was ich damit sagen will, wenn wir diese kleine, erfundene Geschichte über die Herkunft von Geld weiterdenken bis in unsere heutige Zeit: Geld war bis jetzt eine wunderbar verkorkste Metapher, um einen Teil der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass man arbeiten muss, um teilzunehmen. – – Im Umkehrschluss ist dann jeder, der nichts tut, um teilzunehmen, ein Schmarotzer und Versager. Super, damit haben wir auch gleich die Feindbilder der letzten Jahrzehnte erklärt.

Aber diese Metapher ist überholt, spätestens wenn man arbeitet und keine Entlohnung dafür kriegt und der aufmerksame Leser wird merken, worauf ich hinaus will. Es ist nämlich Arbeit, euch vorzumachen, wozu Sprache und Kunst in der Lage ist. Das ist, als würde man einem Baby spielerisch zeigen, dass es zwei Arme hat und zwei funktionierende Hände, um nach Gegenständen zu greifen – ich bin mir dieses hinkenden Vergleichs durchaus bewusst.

Aber ich will gerade nicht mehr arbeiten – also bedient euch, greift zu und nehmt so viel ihr tragen könnt, wenn ich dann jetzt auch in jeden Laden gehen darf und mich da einfach so bedienen darf ohne bezahlen zu müssen – ja, jetzt geht es wieder um dieses elende Thema „Der Wert von künstlerischer Arbeit“.

Lasst mich kostenlos in euren Hotels übernachten. Lasst mich kostenlos in euren Kneipen trinken. Lasst mich kostenlos in euren Läden einkaufen, dann mach ich wieder Sachpolitik, mische mich ein und gebe ungefragt meine Meinung zu Themen ab, zu denen ich laut irgendwelcher Experten am Besten die Klappe gehalten hätte, weil so einfach kann man das Problem doch nicht lösen – nun, vielleicht sollte man es so einfach lösen können und keinen Wald abholzen, der schon ein paar tausend Jahre existiert, nur um ein paar Jobs zu schaffen.

Tagebuch

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

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