Episode – Leaving the Table

„So langsam wird das zu einer reinen Farce.“, höre ich den einen Kollege schon vom Flur. „Ja, es ist einfach nur noch lächerlich – aber wir, als einfache Sachbearbeiter, können da leider nichts machen. Was meinst du, wie es aussieht, wenn wir da was versuchen? – – Stell dir mal vor, wir rufen bei einem dieser Leute an! – – Wir kommen doch nie über die Vorzimmerdame hinaus!“, „Ach, das ist doch alles scheiße.“, „Das kannst du laut sagen. – – Oh.“, unterhalten sie sich an meinem Schreibtisch, als ich von der Mittagspause wieder vom Bäcker zurückkomme. „Hey, sag mal. Wie spät ist es?“, steht er nun im Türrahmen gelehnt und spricht mich offensichtlich an.

„Fast halb zwei.“, schaue ich nur eben auf die Anzeige unten rechts auf meinem Bildschirm. „Hä? Aber das kann doch gar nicht sein, gerade war doch schon …“, lehnt er sich vor und schaut selber auf meinen Bildschirm. „Es ist kurz nach halb.“, korrigiert er meine Aussage und spielt noch immer mit seinem Schlüssel in der Hand. „Fast halb zwei kann vor halb zwei sein oder danach – das ist für mich mittlerweile dasselbe.“, drehe ich mich wieder mit meinem Schreibtischstuhl in Richtung Computer und schaue mir den nächsten Fall an.

„Ähm. – – Ja, ähm, so kann man das natürlich auch sehen.“, lässt er auf einmal seinen Schlüssel fallen, dass ich mich wieder etwas überrascht zu ihm umdrehe, er aber hebt ihn nur noch auf und stolpert den Flur entlang, stolpert fast in einen anderen Kollegen und verschwindet dann wahrscheinlich in sein Büro. – – Ich hab schon wieder Musik in den Ohren, um mich von dem ganzen Stimmengewitter auf dem Flur abzulenken und hoffe, mich so etwas darauf zu konzentrieren, was nun auf meinem Bildschirm passiert, schließlich bereite ich hier genug Leistungen vor, damit andere ihr Geld am Ende des Monats kriegen, da kann ich keine Fehler machen, hallt es zwischen meinen Ohren wie eine Durchhalteparole, als wäre da eine große Halle; nur eben eine große Halle, wie man sie aus den antiken Geschichten über die nordischen Gottheiten kennt, die jetzt verfallen und verlassen ist.

When you’re a hedgehog who can’t help but break every person that you meet …“, dröhnt es in meinen Ohren, als ich noch immer für andere Leute Geldleistungen vorbereite, Annotationen auf die Dokumente setze, um den Zahlweg zu dokumentieren und meinem Kollegen zur Freigabe rüber schiebe mit dem schlichten Kommentar: „Gibt du die eben frei? Hab dir gerade sieben Leistungssätze rüber geschoben.“ „Klar, kann ich machen. Du sag mal, kannst du …“, versteh ich nur noch, muss aber gegen die eigenen Tränen ankämpfen.

When you made your best plans, but somehow they just didn’t work ‚cause you were counting on your heroes not to go beserk.“ „Mh?“, nehme ich schließlich einen Kopfhörer raus: „Tschuldigung, hab nicht zugehört.“ „Ach, kein Problem. Ich hab gerade gemeint, dass wir was ausprobieren können. Wenn wir den Batch jetzt zum Monatsende nicht bedienen können, würde ja die Zahlung erst am 31ten des nächsten Monats aufs Konto des Leistungsberechtigten kommen und dann hätte ich eigentlich gerne mal ’ne Zahlung zum 15ten gehabt, aber wir können das ja mal mit dieser Zahlung simulieren, dafür müsstest du jetzt nur eine Zahlung zum 15ten verändern, statt zum 1ten des Monats und mein Gott, du wirkst so weggetreten. – – Langweile ich dich etwa?“ „Nein, überhaupt nicht.“, klinge ich etwas zu sarkastisch.

„Also hör mal. Vielleicht nicht jetzt, das kann ich verstehen, jetzt hast du gerade andere Sorgen, aber in spätestens zwei Wochen, wenn du wieder voll drin bist, wird dich das schon beschäftigen.“ „Es beschäftigt mich auch jetzt schon; so sehr, dass ich nachts schweißgebadet aufwache und nicht mehr ein noch aus weiß – ehrlich.“, mache ich wieder meine Witze, dass er nur skeptisch über den Bildschirm schaut, ich aber scheue den Blickkontakt, damit er meine vertränten Augen nicht sieht.

„Also, ich soll was umbuchen?“, räuspere ich mich, klinge ernster und kontrolliere meine Atmung. „Nicht umbuchen, nur den Zahlungszeitpunkt verändern von monatlich zum 1ten auf monatlich zum 15ten. – – Das hat die Bedeutung, dass Sachbearbeiter, so wie du jetzt, Leistungssätze einpflegen, wenn der Batch schon gelaufen ist. Und dann würde das Geld erst zum Ende des nächsten Monats ausgezahlt, sprich nach vier Wochen würden Mahnungen eingehen. Und um das zu verhindern, würden wir jetzt einfach mal den anderen Batchlauf ausprobieren, den zum 15ten. Dann können wir zukünftig den Sachbearbeitern raten, den Batch zum 15ten auszuwählen und somit keine Mahnungen mehr kassieren.“

„Mhm, ok. – – Danke. Hab ich dir zur Freigabe zurückgeschickt.“, hab ich ihm schon wieder nicht zugehört, bin auch schon wieder beim nächsten Leistungsberechtigten und jedes Mal, wenn ich ihm etwas zuschicke, macht sein Programm ein Level-Up-Sound zur Belohnung.

„Super. – – Dann schreib ich mir das nur noch auf, damit wir das kontrollieren können und ich kann dann auch zum 15ten bei der Finanzabteilung anrufen und …“ „Mhm.“, habe ich schon wieder die Kopfhörer drin und höre Frank Turner wieder put on your brave face, i need your brave face, so we will make it to the other side singen. „If we have to do this, let’s do it smiling.“, fange ich fast an zu heulen, greife nur noch zu meiner Zigarettenpackung und verschwinde nach draußen.

Nach Feierabend lese ich am Bahnhof die Anzeige durch und sehe, dass der eine Zug Verspätung hat und zwanzig Minuten später kommt und deshalb in fünf Minuten kommt und der andere Zug, der schon am Bahngleis steht, hat fünf Minuten Verspätung, würde so aber vorher fahren, fährt nach Plan aber später – keine Ahnung, was ich dazu sagen soll; ich stehe also am Bahngleis und warte auf den Zug, der nach Plan zwanzig Minuten Verspätung hat und sehe ihn nun einfahren, dass er wohl doch vor dem Anderen fährt.

„Jetzt kommen alle auf einmal hierhin auf unsere Seite.“, meint die eine zum Anderen. „Ja, das ist einfach nur lächerlich.“, antwortet sie und ich steige nur noch mit einem Grunzen ein und beobachte alle dabei, wie sie aus dem einen Zug aussteigen und zu meinem Zug rennen. Ein paar Sekunden später fährt er los und drinnen steht auf der Anzeige auf einmal nicht mehr die Endstation, sondern die nächste Haltestelle als Endstation, sodass wir beim nächsten Halt alle aussteigen müssen.

„Mein Gott, wie ich die deutsche Bahn hasse!“, flucht einer mal wieder. „Tschuldigung, ich kenne mich hier nicht aus, heißt dass, dass der Zug nicht mehr da und da hinfährt?“ „Ich hab nicht zugehört.“, steige ich nur aus und laufe an ihm vorbei.

Draußen fängt der Typ an Leute vollzulabern, die ihre Kopfhörer in den Ohren haben oder Bücher in den Händen halten und wird deshalb gekonnt ignoriert, bis auf eine, die neben mir steht: „Hier ist aber alles ganz schön nah am Wasser gebaut, oder?“ „Hä? Wie meinen Sie das?“, fragt sie nur patzig zurück. „Der nächste Zug fährt in 10 Minuten los.“, krächzt die Stimme aus den Lautsprechern, sodass er meint: „Na, ist hier nicht irgendwo ein Fluss und das Meer ist doch auch nicht weit weg, oder?“ – aber keiner hört ihm mehr zu.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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