Z2X18 Festival – Hinter den Kulissen

„Oh, schon so früh zurück? – – Und, wie war’s?“, fragt mein Kumpel, bei dem ich Gott sei Dank noch so spontan unterkommen konnte – so habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, alte Freunde wieder gesehen und konnte mir das coole Z2X-Festival geben, denke ich noch im Zug auf dem Weg von Berlin zurück nach Hause.

„Ach, Moment. – – Ich muss mal eben.“, verdrücke ich mich und als ich vom Klo wieder komme, fragt er: „Was war denn jetzt?“ „Wusstest du, dass die bei euren Trams die Ansage haben: Vorsicht, die Türen könnten sich automatisch öffnen?“ „War das nicht automatisch schließen?“, hat sich mein schlechtes Benehmen wohl auch schon zu ihm rumgesprochen.

„Ne, glaube nicht. Naja, ich hab noch Käsekuchen für dich mitgebracht – ich hoffe, er schmeckt dir. Da in der Tasche. – – Also, wo fange ich an? Gott, so viel geile Sachen gesehen! Die Sophie Passmann hat heute zum Beispiel in ihrer Frag-mich-alles-Runde ziemlich interessante Dinge gesagt. Sie behauptete nämlich, – falls ich es richtig zusammen kriege – dass unsere Eltern-Generation, die im Moment vielerorts was mit Journalismus machen, sich gerade nicht mit Ruhm bekleckert. Das sind dann so Typen, die damals mal ein Praktikum gemacht haben und dann irgendwie beim Journalismus hängen geblieben sind, durch Zufall die Karriereleiter hoch gestolpert sind und nun nicht so recht wissen, was sie da überhaupt tun und von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Sie hatte das Beispiel benutzt mit dem Gauland-Zitat Fliegenschiss in der Geschichte Deutschlands und – nein, warte – sie wurde gefragt, was ihre Meinung zu der Berichterstattung ist; so rum! Und sie meinte halt, dass man die Berichterstattung Gaulands immer mit einem Er behauptet, dass … anfangen sollte, sich also kritisch damit auseinander setzen sollte, statt es einfach nur zu zitieren; alles andere wäre schlechtes Handwerkszeug.“ „Also hast du was dazu gelernt?“, macht er die Ben Harper & Charlie Musselwhite-lastige Playlist aus, damit er sich auf unser Gespräch konzentrieren konnte.

„Stör ich eigentlich?“, lass ich mich in sein Sofa fallen. „Ne, wieso? Hab nur gerade ein paar Kreditkartenfirmen rausgesucht, die auf saubere Art und Weise mit meinem Geld umgehen.“, lehnt er sich erschöpft in seinem Schreibtischstuhl zurück, dass es knatscht. „Sauberes Geld? – – Ah, verstehe. Also Kriege, Waffen- und Drogenhandel, Umweltverschmutzung und Versklavung, Vertreibung und Ausbeutung?“ „Ach, da hat jemand auch das Känguru gelesen?“, tauschen wir wieder die üblichen Sprüche aus.

„Naja, sagen wir mal so, wenn man sich mal ein bisschen mit der Passmann beschäftigt, ihre vielen Beiträge und Auftritte mitverfolgt, stellt man irgendwann fest, dass sie zwar ziemlich kluge Dinge sagt, dass sie sich aber – ich meine, natürlich behandelt sie auch immer die gleichen Themen – anfängt zu wiederholen. Was nicht schlimm ist für die, die es noch nicht gehört haben, aber sie redet dabei mittlerweile in einem bestimmten Ducktus, der halt wie auswendig gelernt wirkt. – – Keine Frage steckt da eine Menge an Wissen hinter, aber es verkommt langsam zu einer Dauerschleife, die für sie wahrscheinlich auch nicht mehr lustig ist und dabei …“ „Ja, ich verstehe, worauf du hinaus willst.“, unterbricht er mich und holt den Kuchen aus der Verpackung.

„Und sonst?“ „Sonst hat das Festival verständlicherweise ihren Sponsoren eine Bühne geboten, um sich zu präsentieren und – da haben wir doch gestern Abend noch mit Elsa am Esstisch drüber geredet, erinnerst du dich noch?“, hacke ich nach. „Ähm.“, lehnt er sich nach vorne und stützt seinen Kopf auf seine Handflächen: „Ich glaub, für mich war das gestern ein Bier zu viel! Ich hab schon den ganzen Tag Kopfschmerzen und kann mich kaum noch konzentrieren.“ „Dass sowas recht teuer ist und dass sie vermutlich Sponsoren haben und …“ „Genau! – Und dass Die Zeit sowas wohl zur Marktforschung benutzt.“, steigt er wieder ein. „Daran musste ich denken, als der alte Knacker vorne auf der Bühne die Veranstaltung eröffnet hat und ein paar interessante Fakten aus den Anmeldungsstatistiken vorlas.“

Es wirkt, als wolle er etwas sagen, schweigt dann aber. „Ich war kurz in einem Workshop von dem Internetbrowser mit dem Tier im Logo.“ „Ach, genau – stört es dich, wenn ich die Musik wieder anmache?“ „Oh Gott, nein – bitte.“, läuft schon längst wieder broken hearts and broken dreams, turns out they weight the same.

„Und was haben die für geile Sachen gemacht in ihrem Workshop War das einer der Sponsoren?“ „Jo, haben über Internet-Sicherheit philosophiert und was für ein tolles non-profit Unternehmen sie wären, würden keine Daten weitergeben und“ „Ha – das stimmt gar nicht. Die haben jetzt auch neuerdings, wenn du einen neuen Tab aufmachst, diese individualisierten Werbefenster geschaltet!“, unterbricht er mich. „Echt? – – Na, wenn du das sagst. Ein interessanter Fakt, den ein Mitarbeiter vom non-profit-Browser raushaute, blieb mir im Halse stecken: Google hätte sich jetzt letztens Millionen MasterCard-Nutzerdaten gekauft, was sie leider durften und verfolgen so nun auch unser Kaufverhalten offline.“

„Ja, ich sag ja. – – Finde mal eine Kreditkarten-Firma, die nicht scheiße ist.“, flucht er und erzählt mir von seiner Tortur der letzten Stunden, während der Käsekuchen langsam auftaut.

„Und was gab’s sonst so?“, holt er uns zwei Bier und Teller, Besteck aus der Küche. „Sonst kannten mich mal wieder alle, obwohl sie so getan haben, als würden sie mich nicht kennen, was so langsam etwas nervig wird – ich hab einfach keine Gehirnzellen mehr übrig für diese Scheiße.“, stoßen wir an. „Wie meinst du das?“, kann er mir verständlicherweise schwer folgen.

„Da war zum Beispiel dieser Moment an der Bar, wo so ein Typ mit dem Barkeeper zusammen stand und die fingen über irgendwas an zu reden und der eine meinte auf einmal: Und Stefan? Was sagst du dazu?, und ich war erst einmal etwas perplex, dass der meinen Namen kannte, deshalb zeigte er auf mein Namensschild, ich hatte mein Namensschild zwar um, aber verkehrt herum, sodass du meinen Namen nicht lesen konntest und er drehte das dann einfach um und meinte kaltblütig: Da steht doch dein Name drauf. Und weil sein Namensschild aus der Hosentasche heraus hing, fragte ich ihn nun: Und du? Und er meinte darauf nur sowas wie: Ha!! – – Ich brauch eigentlich gar kein Namensschild, mich kennt hier sowieso jeder.“, ziehe ich endlich meine Schuhe aus und bring sie in den Flur.

„Dann zum Beispiel heute Morgen, da war ich viel zu früh dran und die Volontäre am Eingang waren noch dabei eingewiesen zu werden und ich halte den zwei Volontärinnen mein Ticket hin und die eine scannt das ein und guckt in den Computer, liest wahrscheinlich meinen Namen und macht so einen Laut wie Geil oder Wow, guckt auf mein Ticket, guckt mich fasziniert an, dass ich ein bisschen zurückschrecke und stutze, dann guckt die nochmal auf das Ticket, guckt mich nochmal an, fassungslos, und während die Andere das Namensschild ausdruckt, scannt sie noch drei Mal mein Ticket ein, wie automatisiert, dass ich mittlerweile mein fertig gebasteltes Namensschild habe und mich bei der Anderen bedankt habe und schon gehen will und dann gibt sie mir mein Ticket endlich wieder mit dem Kommentar Das brauchst du doch, oder? und ich bedanke mich nochmal; – oder am Anfang der Veranstaltung zur Eröffnung. Auf einmal hieß es: Würden alle auf der Tribüne zusammen rücken?, dass ich in der Mitte saß. Und während der Eröffnungsrede fängt der Eine doch glatt an mit: Und da in der Mitte, hinten auf der Tribüne sitzt unser geheimer Pop-Star. – – lange Pause, alle drehen sich um in meine Richtung.“, und jetzt achte ich auf den Songtext des Kansas-Liedes, das aus seinen alten Boxen dröhnt: what have the years of your life taught you to be …

„Und er erzählt schließlich von den zwei Kerlen, die da oben sitzen und vor einem oder zwei Jahren das Interrail-Ticket für Europa umgesetzt haben und dass sie doch mal eben aufstehen und winken sollen und ich weiß, dass ich jetzt wieder völlig paranoid klinge, und eigentlich hasse ich es ja auch, dich wieder damit voll zu labern, aber glaub mir, dann hat der auch noch angefangen provokativ seine Zettel fallen zu lassen, als er jeweils mit einem Zettel durch war. Und direkt nach ihm kam die Passmann auf die Bühne und der Tontechniker hat das Mikro für sie eingestellt, aber eben nicht korrekt und als sie daran herum fummelt, hat sie nur so einen leichten Spruch auf den Lippen wie: Tschuldigung, alte Poetry-Slam Krankheit. Das, was der da gerade mit den Zetteln gemacht hat, war übrigens im Jahr 2009 verbreitet unter den Slammern, nachdem man ein Statement gemacht hat, die Zettel einfach fallen zu lassen – alles ein kleiner Taschenspielertrick. – – Ich weiß, wie das jetzt wirkt und rüberkommen mag, aber … – ich hab den Käsekuchen übrigens von Jochen, ich hoffe, der schmeckt.“ „Ja, ähm, bestimmt. – – Der Bäcker hier um die Ecke? Also sonst macht der immer gute Backware.“, versucht er zu verarbeiten, was ich da gerade für eine Bombe habe platzen lassen.

„Aber jetzt ergibt das auch Sinn, was die Oma die ganze Zeit im Zug hierher gemeint hatte. Ich hatte dir doch von der sympathischen Oma erzählt, die mit ihrem Sohn unterwegs war und die haben mich halt auch erkannt und jedes Mal, wenn ich nur kurz eine Pause vom Schreiben gemacht habe, hat sie mich mit ihren Geschichten voll gelabert und meinte irgendwann: Und viel zu spät ist mir klar geworden, dass die Angst hatten mit mir zu arbeiten, weil mir ja wieder jede Minute das Rückrad brechen konnte – du musst wissen, die hatte Artrose oder so und deshalb spröde Knochen, aber die wollte, dass ich was ganz anderes daraus ziehe. Die hat nämlich immer wieder wiederholt: Die hatten einfach Angst mit mir zu arbeiten. Angst hatten die!, wiederholte sie immer eindringlicher, so als müsse ich unbedingt etwas verstehen. Und erst verstand ich nicht, worauf die hinaus wollte; jetzt weiß ich, was sie damit meinte. – – Die hatten Angst vor mir.

Ich meine, was habe ich denen getan? Was ist so schwer daran, kurz zu sagen, dass, wenn man ein Fan ist, der und der heute auch auf der Veranstaltung ist und nachher darüber schreiben wird; oder eine andere Lösung: Verschweigt es halt komplett und kommt später im kleinen Kreis auf mich zu und quatscht mich dann an!? – – Ob die sich das mit Eminem auf einem Musikfestival getraut hätten, bezweifele ich stark. Und dann sollen die sich halt auch nicht wundern, dass ich um zehn Uhr morgens meine Nerven mit einem Bier an der Bar beruhigen muss.“ „Ja, ähm … das hatte wahrscheinlich auch nichts damit zu tun, dass wir am Abend vorher etwas zu tief in die Gläser geguckt haben?“, versucht er noch immer das alles zu verarbeiten und macht deshalb diesen schlechten Witz, dann meint er auf einmal: „Krasses Lied, oder? Shine on you crazy diamond – die Klassiker gehen immer, oder?“, kommentiert er mein wildes Auf- und Ablaufen im Zimmer, ich beruhige mich langsam und setze mich schließlich wieder in den Schneidersitz aufs Sofa.

„Das Traurige ist, ich will nicht wieder so einen Text schreiben. Ich hab da kein Bock drauf, wieder alle Leute anzupissen; dafür war das Festival zu schön, genug coole Leute da und dutzende coole Ideen sind entstanden und nur weil … ach, scheiße … – – da fährt man extra nach Berlin, um die mal alle persönlich zu treffen, die sonst immer meine Texte in die höchsten Höhen loben, daraus so viel Inspiration ziehen und eigene tolle Dinge kreieren und dann treten die dir auf den Fuß und behandeln dich wie Luft.“, öffne ich mir ein zweites Bier und schneide schließlich den Käsekuchen an.

„Weißt du denn schon, wie du den Text aufziehen wirst?“, hält er seinen Teller hin und kriegt das erste Stück Käsekuchen. „Klar. – – Ich beginne mit der Fahrt in der Tram und der Ansage: Nächste Station Ostbahnhof. Vorsicht, die Türen könnten sich automatisch öffnen und dann versuche ich ein paar der geilen Gespräche gerecht zu werden, die ich mit so vielen wunderbaren Leuten geführt habe und beschreibe ein paar Workshops; – was natürlich kniffelig wird, dass ich nicht den Eindruck von dem Festival verzerre, was aber wahrscheinlich unweigerlich passiert, weil ich ja nur meine subjektive Sicht auf die Dinge beschreiben kann und ich war ja auch nur bei ein paar Workshops und Vorträgen.“

„Soll ich dich dann jetzt in Ruhe schreiben lassen?“ „Ne, passt schon. – – Ich hab das schon alles im Kopf, muss das nur noch runter schreiben. Dafür hab ich ja auf der Rückfahrt genug Zeit.“ „Falls dich nicht wieder eine alte Oma stört.“, lacht er. „Ach – die war super nett und der Sohn von ihr hat mir den Platz am Fenster mit dem ausklappbaren Tisch gelassen, sodass ich etwas schreiben konnte, was auch super war.“, hören wir jetzt jemanden mit dem Haustürschlüssel im Schloss herum wühlen; dass muss Elsa sein, die von der Arbeit wiederkommt.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: