Der Spieleabend

„Flat-Earth-Society, wahrscheinlich am Anfang auch nur ein paar Spaßvögel, die sich einen Scherz erlauben wollten und mittlerweile glauben das halt auch Leute. Es ist zu so einem verflixten Selbstläufer geworden.“

„Witzig, ich habe gestern noch mit Jan darüber geredet, dass ich gelesen habe, dass die Russen im Kiew-Krieg die Strategie verfolgt haben, dass … Mann, wie war das denn nochmal?“ „Soviel zu betrunkenem Gedächtnis und nüchternem Gedächtnis.“, macht er eine Andeutung auf einen meiner Witze von gerade. „Genau, warte – gib mir einen Moment. Ich hab’s gleich.“ „Brauchst du ein Bier?“, lacht er und will schon in seinem Rucksack nach seinem Sixpack greifen.

„Nein, geht schon. – – Also, die Russen verfolgen nun, nicht wie damals im kalten Krieg, die Strategie das westliche System einfach nur auszuhöhlen, sie wollen es aber nicht mehr ersetzen; was natürlich laut Jan totaler Blödsinn ist. Also nicht totaler Blödsinn, sondern nur eine von vielen kultursoziologischen Theorien, die besagt, dass die Russen unsere Informationskanäle mit noch mehr Informationen vollspammen wollen, worauf ich nur etwas skeptisch meinte, dass das doch bestimmt genauso effektiv wäre, als wenn wir versuchen würden die Russen mit Wodka unschädlich zu machen, – weil wir ja schon so mega viele Informationskanäle haben.“, führe ich den Gedanken von gestern Abend im vollen Bus nochmal aus.

„Wie besiegen wir die Russen? Indem wir sie mit billigem Wodka überschwemmen!“, lacht er und für eine Haltestelle schweigen wir uns an, aber es ist kein schlimmes Schweigen, sondern ein vertrautes Schweigen, dass man gut und gerne noch fünf Stunden durchgehalten hätte, ein Schweigen, dass man nur bei ganz bestimmten Personen ertragen kann – dabei fallen mir sogar gleich dutzende Themen ein, die ich mal wieder mit jemandem besprechen könnte.

Aber wo soll ich anfangen?

„Wie kamen wir da jetzt drauf?“ „Ähm, wegen der Spekulationen, dass die Russen an den Impfgegnern und die ungefähr vierzigtausend Masernfälle schuld sein sollen. – – Plakativ gesprochen.“ „Achja, stimmt.“, nickt er und fängt dann ein neues Thema an: „Ich war letztens auf einem Geburtstag in Frankfurt und da haben wir ein Boot gemietet, so ein Partyboot, und die Gastgeberin durfte zwischendurch das Steuer nehmen und natürlich haben wir ziemlich viel getrunken und sie konnte halt noch super fahren, aber als wir dann vom Boot runter sind, ist sie zusammen geklappt, war fix und fertig und ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schnell von null auf hundert vom Alkohol aus den Latschen gekippt ist. – – Ich meine, ich kenne das ja, dass man einfach nicht mehr kann und zwischendurch schon torkelt und so, aber das war wirklich von null auf hundert; die hat noch super das Boot gelenkt und ist halt zusammen geklappt, als sie das Steuer aus der Hand gegeben hat.“

„Krass, ich kenn das nur von wenn du die ganze Zeit irgendwo sitzt und säufst und dann aufstehst und dann umgehauen wirst davon, aber so, von null auf hundert, dass ist krass.“ „Das Witzige daran war ja, wir haben zwischendurch schon mal irgendwo einen Stopp gemacht zum Essen und als wir aus dem Restaurant raus waren, meinte irgendwer: Sind wir alle vollzählig? Hat jeder seinen Partner? Und ich so: Jo, wir können weiter. Ich hab ja irgendwen an meiner Seite. Auf geht’s! und irgendwer zählt durch und kommt auf elf Leute, was heißt, dass einer gefehlt hat und ich war die ganze Zeit am Drängeln und wollte weiter und auf einmal meinte einer: Ähm, Bastian; wo ist denn deine Freundin und die war halt noch auf dem Klo und ich hab halt die ganze Zeit getrieben und war derjenige, der los wollte – ultra peinlich.“, schüttelt er den Kopf und ich drücke unauffällig auf die Stopp-Taste beim Bus, weil unsere Haltestelle kommt, meine nur sowas wie: „Ja, oh Mann.“

Er spricht mich noch auf meinen Auftritt Ende September an und wie gerne er dabei sein will und dass er sich mega freut und zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon eine Achterbahnfahrt der Gefühle hinter mir und wollte gerade wieder alles hinschmeißen, weil, was ist das schon für ein Grund auf die Bühne zu gehen, nur um endlich mal seinen Namen irgendwo stehen zu sehen – ganz nach dem alten Motto: Ich springe durch immer größere, brennende Reifen – und naja, lange Rede kurzer Sinn, ich bin ihm das restliche Wochenende nicht von der Seite gewichen, hab alles gegessen, was er gegessen hat und bin ihm fast überall hinterher gelaufen wie so ein treudoofes Hündchen, weil ich dachte, etwas würde von seiner Einstellung auf mich überspringen und zum Ende, als ich mich mit den Worten am Sonntagabend von ihnen wieder verabschiedete: Es war ein innerliches Blumen pflücken; kam ich wieder zu dem Schluss, dass ich mich nicht so anstellen solle, die Lesung ist nicht für mich, sie ist für meine Fans. Um ihnen endlich ein Forum zu geben, um mich kennen zu lernen, um mit mir ins Gespräch zu kommen – und schon freute ich mich wieder darauf sie kennen zu lernen.

Natürlich werde ich bis dahin noch ein paar Mal diese Achterbahnfahrt der Gefühle durchmachen, etwas Panik schieben, mich freuen und zugleich denken, warum tue ich mir das überhaupt an; aber schlussendlich wird es bestimmt super, dass muss ich mir jetzt nicht mehr die ganze Zeit einreden, denn irgendwas von seiner Frohnatur ist wirklich hängen geblieben.

Wir werden von Philip nicht mal begrüßt, er macht nur die Tür auf und dreht sich schnurstracks wieder um, weil er wohl gerade was auf dem Herd stehen hat: „Guckt mal, was ich da mitgebracht habe. Hab ich gefunden; darf ich das behalten? – – Ich dachte mir, vielleicht brauchen wir sowas.“ „Ja, – ich hatte eigentlich keine Lust zu kommen, aber er hat mich unterwegs einfach aufgegabelt und mitgeschleift. Ich konnte nichts dagegen tun.“, begrüßt er Jan und Philip, die eigentlich mit dem Aufbau der neuen Karte beschäftigt sind, aber Philip ist in der Küche verschwunden und Jan macht gerade Musik bei Youtube: „Do i wanna know? – Stefan, kennst du das Lied?“

„Was machen wir heute eigentlich? Ich dachte ja, die Welt haben wir beim letzten Mal schon gerettet. – – Was ist heute die Mission?“, wirft Bastian seine Tasche in die Ecke. „Wie, die Welt gerettet?“, kontere ich und achte ein bisschen zu deutlich auf den Text des Liedes. „Ja, die Welt gerettet. Das kriegen die Menschen da draußen ja nie mit.“, höre ich Philip aus der Küche.

Leave them all behind ist zur Zeit eines meiner Lieblingslieder.“, nehme ich Jan schließlich die Tastatur weg und mach das Album von Billy Talent an, merke zu spät, dass sich die Stimmung während des Liedes im ganzen Raum verändert; von feucht-fröhlich auf bedrückt, als hätte ich die Gabe dieses Kindes aus diesem einen Märchen, dessen Name mir nicht einfällt, das ein Land regiert und die Stimmung des Kindes reflektiert das Wetter; wenn das Kind sauer ist, gibt es Gewitter und Tornados, wenn das Kind glücklich ist, scheint die Sonne und wenn das Kind weint, regnet es – geht mir gerade so durch den Kopf.

„Mach danach mal Why do you treat me like you do von ähm, … Gott, wie hieß der Kerl noch? War das Dylan? Ich hab letztens noch eine richtig gute Version gefunden, aber dann ist die leider geblockt worden.“, kommt von einem kleinlauten Bastian. „Hat das nicht ursprünglich ein Mädel gesungen?“, schaue ich ihn skeptisch an und begreife erst jetzt, was mein Liedervorschlag angerichtet hat. „Ne, aber über Soko bin ich erst auf ihn gekommen; finde seine Version aber irgendwie besser.“ „Leave them all behind hat mir übrigens Thomas letztens empfohlen, als ich letztes Wochenende zu ihm gefahren bin, um meine Batterien wieder aufzuladen.“, reden wir jetzt wieder zwischen den Songs der spontan gewählten Playlist und glätten den abrupten Stimmungswechsel, sortieren gemeinsam die Spielfiguren, trennen die Trolle von den Gnollen und den Orks, den Helden und den Drachen.

„Kennst du den Summoner von American Dad? – – Ich hab manchmal das Gefühl, dass die Macher einfach nur gute Musik unter die Leute bringen wollen. Erst der Typ von My Morning Jacket und dann Majestic.“, steht Philip mit einem selbstgebackenen Pflaumenkuchen im Türrahmen und unterbricht unser fleißiges Treiben, denn nun blicken wir alle auf den TV und verfolgen die Ereignisse aus der Szene von American Dad; ich aber bin mit meinen Gedanken wo ganz anders und denke mir nur, natürlich hat sie alles für ihn gemacht, ihn verteidigt, ihn angetrieben, sich für ihn eingesetzt, wenn kein anderer es getan hatte; aber die Folge American Dad geht ja noch weiter.

„Hey, Jan. Hast du das mitbekommen, dass die jetzt in Ungarn die Gender-Studies verbieten wollen?“ „Nicht verbieten, sondern das funding entziehen.“, korrigiert Jan Philip und mir platzt nur ganz gedankenverloren raus: „Ist das nicht das Gleiche?“ „Natürlich.“, gibt mir Bastian noch Recht. „Die wollen jetzt auf Teufel-komm-raus einen Präzedenzfall kreieren, damit die das in Zukunft immer so machen können.“, kriege ich Bruchstücke der Diskussion noch gerade so mit, stehe nun auf dem Balkon und atme tief durch, fühle mich noch immer durch den Fleischwolf gedreht und muss mich erinnern, dass das da drin nur meine Freunde sind und sie mir nichts böses wollen, ich endlich mal meine schwere Rüstung ablegen kann, nicht mehr zurück schießen muss, mich endlich ausruhen kann, lachen darf, Witze machen darf, Blödsinn labern darf.

Die letzten Wochen waren wirklich schlimm, haben mich an den Rand meiner Kräfte gebracht; es hätte nicht mehr viel gebraucht und ich wäre einfach irgendwo auf offener Straße umgekippt und jetzt unter Freunden zu sein, letztens bei Thomas, dann der Abend mit der guten Freundin im Kino, haben mir gut getan, mir aber auch gezeigt, dass ich noch einen langen Weg vor mir habe, bis ich wieder auf meinem alten Niveau bin.

Wenn ich das in eine Rollenspiel-Metapher packen soll, würde ich sagen: Ich hab mein Mana aufgebraucht, habe keine Manatränke mehr und meine Regeneration auf Mana ist durch irgendeinen scheiß Effekt geblockt; anders kann ich mir meine krass dummen Patzer nicht erklären.

„Also, die Mission jetzt ist ganz einfach zusammen gefasst. Ihr habt kein Gold mehr und habt euch entschlossen eine Bar zu überfallen, in der sich die von euch besiegten und gedemütigten Monster ausruhen, ihr dürft eure Figuren so platzieren, wie ihr wollt.“, erklärt Jan mit Feeling Good als Hintergrundrauschen das Anfangsszenario.

„Was die wohl denken müssen?“, „Nicht die schon wieder!“, „Darf ich wenigstens mein Bier austrinken?“, „Scheiße, und meine Frau hat noch gemeint: Bleib heute doch mal zu Hause.“, machen wir wieder unsere Witze.

„Können wir uns wirklich überall hinstellen?“, frage ich und stelle meine Figur auf eine Säule, worauf Bastian seine Diebin auf den Kopf eines Gnolls balanciert, während Philip noch seine neuen Zauberfähigkeiten laut vorliest: „Die Zauberin kann maximal drei Zauber ausrüsten und zwei Zauber gleichzeitig spielen. Zwei ihrer Zauber kann sie spielen, aber nur drei Zauber ausrüsten. Bis zu drei Zauber kann sie ausrüsten und zwei Zauber zur gleichen Zeit spielen, falls sie genug Mana hat.“, dass wir lachen.

„Wie viele Zauber kann sie gleichzeitig ausrüsten? Ich glaube, ich hab das noch nicht so richtig verstanden.“, lache ich und versuche zwischen meinen übertrieben dümmlichen Lachanfällen kurz Luft zu holen, dass sich Jan nur entschuldigen kann: „Ja, tut mir leid. – – Es war schon spät, als ich die Charakterbögen gemacht habe; okaaay?!“ „Und wie viel Mana verbraucht ihr Irrlicht?“, fragt Philip, als wir uns alle beruhigt haben. „Das steht da doch.“, meint Jan nur. „Aber nicht drei Mal.“, kichert Bastian.

„Ok, ok. – – Genug mit den Witzen. Kommen wir zu den Regeln.“, haut Jan als Spielleiter sinnbildlich mit der Faust auf den Tisch. „Regeln sind dazu da gebrochen zu werden.“, werfe ich als blöden Kommentar in die Runde, dass er nur meint: „Ja, und die zweite Regel lautet: Wir reden nicht über den Fight Club.“

„Das hört sich aber extrem nach The Boys are back in town an.“, kommentiert Philip die Musik, die gerade in seinem Rücken auf dem Fernseher abgespielt wird. „Ne, dass ist The Boys are back von Dropkick Murphy.“, muss ich ihn enttäuschen. „Na, aber das hört sich fast genauso an wie The Boys are back in town – zusammen Blödsinn machen, Spaß haben, saufen. Einfach feiern, dass man endlich wieder Zeit hat.“ „Ich finde The Boys are back in town auch besser, um ehrlich zu sein.“, meint Bastian und wir können ihm da natürlich nur zustimmen, weshalb wir nun im Anschluss nochmal Thin Lizzy hören müssen.

„Der Würfel brennt. Den musst du nochmal würfeln.“, weist mich Jan an. „Ach, Quatsch. Der brennt nicht. Ich kann den noch anfassen. – – Guck.“, ziehe ich es ins Absurde und irgendwer meint noch: „Krass, das ist ja ein ganz schöner Harry Potter-Move gewesen – mit brennenden Würfeln spielen.“, untermalt If i ever leave this world alive seine Aussage und zieht den Moment total ins kitschige.

Kurzgeschichte

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