Der Alltag

„Die Bundesliga hat ja jetzt wieder begonnen und heute Abend spielt Bayern München – was denkst du, sind die Chancen der anderen Mannschaften den Pokal diese Saison zu gewinnen?“, begrüßt mich die Stimme des lokalen Radiomoderators am Morgen auf dem Weg zur Arbeit.

„Also, ich versteh ja nicht viel vom Fußball, aber dass die Bayern wieder gewinnen werden, steht doch außer Frage.“, antwortet seine Kollegin über den einsetzenden Beats des nächsten Songs.

„Ok, aber jetzt noch eben schnell: Für welchen Verein könntest du dich denn begeistern?“ „Das kann ich dir so nicht sagen, tut mir leid.“; spricht sie ganz offensichtlich ein schlecht geschriebenes Skript nach. „Und was, wenn ich dir jetzt sage, es gäbe da jetzt eine Möglichkeit für jemanden wie dich sich für einen Verein zu entscheiden?“ „Gibt es denn eine Möglichkeit für jemanden wie mich sich für einen Verein zu entscheiden?“ „Ja, die gibt es. – – Schön, dass du gefragt hast. Ich hab hier nämlich ein Quiz, dass dir sagt, für welches Team du bist. Das machen wir gleich nach nur einem Song.“, wurde seine Ansage immer schneller, weil ein Lied von der Band A Great Big World schon im Hintergrund drängelt und langsam lauter wird.

Im Zug neben mir packt ein Kerl die Bild-Zeitung aus und schaut sich ungeniert die Seite mit den Brüsten an und ich überlege sowas zu twittern wie: „Alte, weiße Männer dürfen in der Öffentlichkeit die Bild-Zeitung lesen, wenn ich aber mal …“ – entscheide mich dann aber dagegen; für so einen Tweet bin ich auf jeden Fall zu nüchtern.

Auf der Arbeit bin ich fast der Erste, gehe den langen Flur entlang, schließe mein Büro auf, ziehe die Jalousien hoch, mache die Fenster auf und fahre den Rechner hoch und checke meine Mails, mache mich ans Arbeiten.

Die übliche Routine setzt ein, die Kollegen kommen, wünschen einen guten Morgen, stellen den Kaffee an, die Telefone klingeln, Fragen werden beantwortet, Telefonvermerke werden geschrieben, Anträge bearbeitet, Leistungen berechnet und irgendwann gucke ich auf die Uhr und wundere mich eigentlich schon nicht mehr, dass es auf einmal elf Uhr ist.

„Puh. – – Das bisschen Schriftstücke macht sich von allein, sagt mein Mann.“, lehne ich mich zurück und strecke mich, mache ein paar Rückenübungen im Sitzen und bemerke den Blick des Kollegen vom Schreibtisch gegenüber. „Wer hat das nochmal geschrieben?“, fragt er, worauf ich nur die Achseln zucken kann. „Ich weiß nur soviel, dass das ein Lied aus den 70igern war.“ „Meine Frau wüsste das jetzt.“, lehnt er sich auch zurück in seinem Schreibtischstuhl.

„War was, als ich weg war?“, steckt ein Kollege den Kopf in die Tür. „Ja, zwei Anrufe. – – Hab dir einen Zettel auf den Schreibtisch gelegt; achja, und der Gärtner hat angerufen. Er hat seine Arbeit getan.“ „Ah, cool. Danke!“, ist er auch schon wieder verschwunden. „Es war immer der Gärtner.“, rutscht es mir heraus. „Ha, genau! – Gibt es da nicht auch ein Lied drüber?“ „Wie? Über Es war immer der Gärtner gibt es ein Lied? Ich kenn das nur als Stereotype für Krimis aus Edgar Wallace und Agatha Christie-Zeiten.“, stehe ich auf und hole den frischen Ausdruck aus dem Drucker. „Doch, doch – wie hieß denn nochmal der Sänger? Verdammt, das liegt mir auf der Zunge. War das nicht Reinhard Mey? Kann das sein?“ „Ich weiß das wirklich nicht, tut mir leid.“, zucke ich nur die Schultern, lasse mich wieder in meinem Schreibtischstuhl fallen, unterschreibe das Schreiben an einen Leistungsberechtigten und stehe wieder auf, lege es in die Ablage.

„Sagt mal, wann kommt Dirk eigentlich aus dem Urlaub wieder?“, kommt passend die Hauspost vorbei und räumt die Ablage aus. „Meinst du, wegen Wasser bestellen? – – Ich glaube, nächste Woche. Ich hab auch schon nichts mehr. Hier, Stefan hat noch ein paar Kisten auf Vorrat.“ „Ja, wie ein Getränkemarkt hier. Für jeden Geschmack was dabei.“, lächelt sie mich an und er nur: „Wenn du lieb fragst, kannst du dir ja vielleicht was bei ihm schnorren?“ „Ähm, ja. Natürlich.“, meine ich nur etwas überrumpelt, als sie sich schon wieder zum nächsten Büro aufmacht und nur ein nett gemeintes Danke dalässt.

„Meinst du, dieses Film-Stereotyp des Gärtners als Mörder hat dazu geführt, dass der Job ein schlechtes Image bekommen hat? Oder dass der Beruf des Gärtners alle möglichen Psychopathen angelockt hat?“, frage ich mich mehr selbst, als ihn. „Du, keine Ahnung.“, muss er sich das Lachen verkneifen.

„Naja, ich mach mal eben eine Raucherpause.“, sammele ich meine Zigaretten ein und marschiere nach draußen, grüße ein paar Kollegen auf dem Flur, stemple aus und draußen an der frischen Luft atme ich ein paar Mal tief durch. Ich schlendere über den Rasen, beobachte ein paar Vögel, wie sie im Rasen nach Würmern picken und sich durch meine Anwesenheit nicht stören lassen, spüre den frischen Wind auf meiner Haut und den Rasen unter meinen Füßen nachgeben und überlege so für mich:

Das passt jetzt vielleicht nicht hier hin, aber es ist schon bemerkenswert, was ein Mensch alles aushalten kann und trotzdem noch jeden Morgen aufstehen, zur Arbeit gehen, seinen Job machen kann, um dann abends nach Feierabend einkaufen zu gehen und vor den Tiefkühlgerichten im Supermarkt zu stehen und auf einmal nicht mehr zu wissen, ob man zu Hause noch Essen hat oder nicht und zur Sicherheit lieber noch eine Lasagne kauft, ein paar Tüten Chips und eine Flasche Wein fürs Wochenende und insgeheim hofft man, dass irgendwas davon dieses unermesslich große Loch in der Brust füllen kann, wo vorher das Herz war.

„Und, guckst du nachher Fußball?“, frage ich meinen Kollegen, als ich mich wieder an meinen Schreibtisch setze. „Ne, du – Fußball interessiert mich nicht so sehr.“ „Mh. Ok.“, öffne ich also den nächsten Fall.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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