Die Abenteuer des kurz-vor-drei-Helden

„Hi, ich würde gerne eine Anzeige aufgeben.“, übt er eine feste Stimme. „Hi, kann ich hier eine Anzeige aufgeben?“, betont er das Hi noch einmal freundlicher. „Hi, na wie geht’s? Sag mal, kann ich hier eine Anzeige aufgeben?“, lächelt er verkrampft, begutachtet dabei sein Spiegelbild in der Glastür, um herauszufinden, ob er dabei irgendwelche seltsamen Grimassen macht und merkt erst jetzt, dass die Leute drinnen die letzten fünf Minuten zuschauen konnten und sich wohl mittlerweile denken: Was ist das denn für ein Spinner?

Es hilft auf jeden Fall nicht, dass er sein Sofa vor der Tür geparkt hat und seine übliche Superhelden-Kleidung trägt, obwohl es noch nicht kurz-vor-drei ist; aber was soll man machen, Superheldenbusiness verlangt nach Superhelden-Verkleidung.

„Aber vielleicht sollte ich mein Superhelden-Outfit so langsam auf den neuesten Stand bringen, nicht einmal mehr die Großen des Businesses tragen ihre Unterhosen über der Hose; dieser Look ist doch nur noch was für die netten Verrückten aus der Nachbarschaft.“, denkt er und marschiert schnurstracks an den ersten Schalter.

„Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“ „Ich würde gerne eine Aufzeige angeben. – – Ähm, nein – verdammt; eine Anzeige aufgeben. So.“, verhaspelt er sich natürlich trotz der Vorbereitung. „Okaay, also wie kann ich Ihnen dabei behilflich sein?“, hebt der Schalterarbeiter eine Augenbraue skeptisch in die Luft.

„Ich bin ein Superheld. Wahrscheinlich hast du schon von mir gehört. Ich bin der berühmte kurz-vor-drei-Held und ich …“ „Hey, warte. – – Bist du nicht der Spinner, der auf Twitter immer mega unlustig ungefragt seine Meinung über Dinge kundtut?!“, springt der Schalterarbeiter fast ungläubig von seinem Stuhl. „Ähm, ja. Toll, dass ich wenigstens für etwas bekannt bin. Und mega unlustig, würde ich jetzt auch nicht sagen. Ich hätte ja nur schon mehrmals fast die Welt gerettet, alle möglichen Banküberfälle aufgeklärt, dutzende Morde verhindert und mindestens einen Drachen getötet – ja, es gibt Drachen; du wärst erstaunt, wie meine Vermieterin werden kann, wenn ich einmal die Monatsmiete nicht …“ „Drrrr Drrr Drr Drachen? Banküberfälle? Morde? – – Fast die Welt gerettet?“, stottert der Schalterarbeiter vor Lachen. „Ja, wenn es um kurz-vor-drei passiert wäre, hätte ich das alles getan und noch viel mehr.“, stampft der kurz-vor-drei-Held wütend mit dem Fuß auf dem Boden – er hasst es sich immer wieder erklären zu müssen.

„Ah, dass ist zu gut. – – Warten Sie einen Augenblick, ich hol mal eben meinen Kollegen. Das muss der gesehen haben. – – Ja, Frank? Ja, du wirst nicht glauben, wer hier gerade … nein … nicht die Queen. Zum hundertsten Mal Frank, warum sollte die Queen in unsere Zeitungsfiliale kommen? Weil du sie mal eingeladen hast? – Ach, Frank. – – Nein, hör mal; dass … jetzt lass doch mal den Scheiß mit der Queen! – – Hallo, Frank? Frank? Das war doch nicht so gemeint! – – Mh, aufgelegt.“, hat er sich so wenigstens beruhigt und lacht den kurz-vor-drei-Helden nicht mehr aus.

„Also, ich würde gerne eine Anzeige aufgeben.“

Der Schalterarbeiter sitzt jetzt wieder aufrecht in seinem Stuhl, hat sich Stift und Zettel geschnappt und rattert eine imaginäre Liste von Anzeigen ab: „Das erwähnten Sie schon. – – Also wie kann ich Ihnen helfen? Wissen Sie schon, was in dieser Anzeige stehen soll? Ist es eine Traueranzeige? Haben Sie jemanden verloren? Ist es ein Geburtstagsgruß? – – Obwohl ich ja bezweifele, dass Sie in dem Aufzug auf irgendwelche Geburtstage eingeladen werden. – – Einen Moment, ich versuch es noch einmal bei Frank, der glaubt mir doch sonst nie.“ „Nein, versuchst du nicht! Ich hab nicht ewig Zeit!“, haut der kurz-vor-drei-Held dem Schalterarbeiter das Telefon aus der Hand. „Weil gleich kurz-vor-drei ist, oder wie?“, nickt der Schalterarbeiter mit dem Kopf auf die Wanduhr und kriegt sich wieder nicht mehr ein vor Lachen.

„Was ist denn hier los?“, fragt seine Kollegin. „Der junge Mann möchte – hahaha – eine – haahahah – Aufzeige – hahaha – anzeigen. – – Vermutlich hat er seinen Umhang irgendwo verloren und will jetzt eine Vermisstenanzeige schreiben.“, lacht er sich immer noch kaputt. „Bitte, kommen Sie doch mit mir. – – Ich muss mich für meinen Kollegen entschuldigen. Also, was kann ich für Sie tun?“ „Ich würde gerne eine Anzeige aufgeben. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Sidekick.“ „Oh, Sie sind im Superhelden-Business?“, bietet sie ihm einen Stuhl an: „Also, was soll Ihr Sidekick denn können?“ „Am besten auf dem Sofa sitzen können – lange. Und Bier schleppen. Feuerzeug sollte er oder sie auch immer dabei haben. Und kein Problem mit dreckigem Humor haben. Nichts gegen meinen Musikgeschmack haben und die gleichen Filme mögen.“ „Das klingt eher, als wären Sie auf der Suche nach einen guten Freund?!“ „Da, siehst du Frank! Das ist der Spinner!“, zieht der Schalterarbeiter auf einmal seinen Kollegen Frank ins Büro der Kollegin.

Die beachtet die beiden Kollegen aber gar nicht und Frank tangiert die Szene auch nur perifär: „Ja, und? Aber es ist nicht die Queen! – – Ich hab dir schon tausendmal gesagt, hol mich nur, wenn die Queen persönlich vor deinem Schalter steht. Ich kann nicht wegen jedem Spinner nach unten kommen.“

„Naja, sollte nicht jeder Sidekick ein guter Freund sein?“, schaut der kurz-vor-drei-Held Frank beim Wegstampfen hinterher.

Experiment

Stefan Schürrer View All →

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