Between me and the World

„Ich geh dann mal ins Kino. – – Bis später.“ „Wie, bis später? Halt, Stopp! Warte, welchen Film guckst du dir denn an?“ „Den neuen mit Denzel Washington The Equalizer 2.“ „Den kenn ich gar nicht. Ist der gut? Läuft denn noch Mission Impossible?“, läuft er mir hinterher.

„Ähm, ja. Glaube schon.“, bimmelt mein Handy. „Treffen wir uns vor dem Kino?“ „Jo.“ „Na dann, viel Spaß.“, wünscht er mir noch, lässt locker, wissend, dass ich schon mit den Gedanken woanders bin. „Ähm, danke.“, freue ich mich einfach mal wieder raus zu kommen. Unter Leute zu kommen. Raus aus meinem Elfenbeinturm der Gedanken, der verletzten Gefühle, der Welten, in die ich mich geflüchtet hatte, als in den letzten beiden Wochen die wirkliche Welt einfach zu hart wurde.

Ich habe genau zwei Optionen, hatte ich die ganze Zeit gedacht. Entweder gebe ich auf und höre auf, stecke den Kopf für immer in den Sand oder ich holstere meine Revolver und ziehe in den Krieg.

Als hätte ich es geahnt, hatte ich mir die letzten fünf Minuten von der Doctor Who Folge A good man goes to war als Referenz im Hinterkopf bewahrt, wie ein letztes Ass im Ärmel, sozusagen als Grundlage für eine neue Kurzgeschichte, falls ich mal in den Krieg ziehen müsste. Mir gefiel einfach, dass wir für einen kurzen Moment den wahren Doctor sahen, was ein bisschen gruselig wurde.

„Weißt du, ‚Well Soldier, how goes the day?‘, ist ein altes römisches Sprichwort, von einem General zum Anderen zur Begrüßung ausgesprochen.“, hatte Philip einmal angemerkt und Sarah hatte damals in Retrospektive argumentiert, dass dem Doctor in dieser ganzen Situation keine Schuld trifft. Im großen Ganzen ist es nicht die Schuld des Doctors, sondern der der Time Lords und sogar außerhalb davon hat er doch nur versucht Menschen zu bekämpfen, die anderen Menschen wehtaten – aber all das hatte ich schnell wieder verworfen.

„My life, which for three years has been a long way from being the greatest life there has ever been, just took a distinct and sudden turn for the worse. Now there are a few things i need to do.“, hallt aber noch immer dieser eine perfekt formulierte Satz aus Neil Gaimans American Gods in meinem Kopf und zieht seine Bahnen und ich habe irgendwo gehofft, dass er, wenn ich ihn aufschreibe, an Macht verliert und mir keine Kopfschmerzen mehr bereitet.

Aber als ich die Zigarette austrete, schwirrt er immer noch in meinem Kopf herum und lässt mich nicht abschalten. Ich habe die letzten Tage so viel darüber geschrieben, dass ich so langsam keine Lust mehr habe darüber zu schreiben. Ich starre die immer gleich bleibenden Worte an und hoffe auf eine andere Lösung; aber irgendwie komme ich mir vor wie … Gott sei Dank kommt sie gerade um die Ecke. „Hi.“, winkt sie verlegen und lehnt sich zu einer Umarmung rein. „Na – wirklich cool, dass du Zeit hattest.“, bewundere ich ihr König der Löwen T-Shirt. „Und sogar pünktlich.“, lächelt sie verkrampft und zeigt auf ihre Armbanduhr – „Soviel also dazu, Frauen sind immer unpünktlich.“, versucht sie sich an einem Witz, um die Atmosphäre aufzulockern.

„Kennst du eigentlich den ersten Teil?“, fällt mir auch nichts besseres ein. „Ne, noch gar nicht. Da du dich ja nicht festlegen wolltest, welchen Film wir sehen, hab ich einfach mal geguckt was läuft und mir durchgelesen, was für Filme laufen und mich für diesen entschieden. – – Wollen wir?“, macht sie mit dem Kopf eine einladende Bewegung in Richtung Treppe.

„Soll ich dir den ersten Teil kurz erklären? – – Vorausgesetzt, ich erinnere mich noch richtig daran!?“, frage ich und hetze ihr hinterher. „Gerne.“, hat sie scheinbar keinerlei Mühe am Treppensteigen, während ich mich in Rage rede: „Der erste Teil ist schnell zusammengefasst. Ein ehemaliger Auftragskiller für die Regierung ist untergetaucht, lebt ein bescheidenes Leben, arbeitet in einem Baumarkt und versucht nichts weiter, als über die Runden zu kommen. Abends sitzt er in einem Diner und macht Bekanntschaft mit einer Prostituierten. Er freundet sich mit ihr an und später, als sie Probleme mit ihrem Zuhälter hat, mischt er sich natürlich ein und zerlegt daraufhin ein ganzes Kartell. – – Fast so wie John Wick; kennst du den Film?“ „Ne, den kenn ich nicht. Aber wow, dann muss das ja ein ziemliches Chaos gewesen sein.“ „Naja, sie wollten ihn ja nicht in Ruhe lassen.“, habe ich Schnappatmung, als wir oben an der Kasse angekommen sind; fit bin ich nicht mehr.

Ich könnte noch die vielen Buchreferenzen erwähnen, die die Story mit einem ganzen Background an Informationen aufladen, aber sie scheint sich schon intensiver mit der Frage zu beschäftigen, ob sie Pepsi oder Cola möchte, während ich mir ein Bier bestelle und dabei gähne.

„Schlecht geschlafen?“ „Ach, hab gestern Nacht noch ein bisschen durchgezappt.“ „Ich dachte, du guckst kein Fernsehen mehr?“, bezahlen wir an der Kasse. „Bier aufmachen?“, fragt der Kassierer. „Nein, danke. Kann ich selber, aber nett von dir. – – Für bestimmte Sendungen schalte ich die Mattscheibe doch noch ein.“ „Geht mir genauso, manchmal läuft einfach ein guter Film oder eine richtig informative Sendung, die ich nicht verpassen will und dann setze ich mich noch vor den Fernseher. Aber oft genug setze ich mich nur dazu, wenn meine Eltern fernsehen und lese, damit ich nicht alleine lesen muss.“, plappert sie so drauflos.

„Oh, jetzt geht es wieder los!“, stupst sie mich an, als Denzel Washington in die Bude der Street-Gang einbricht, um Miles da wieder rauszuholen und lehnt sich schon erwartungsvoll in ihrem Sitz nach vorne.

„Do you want to kill? Then kill me! Kill me! Come on! Kill me! – See, you can’t do it! You don’t want to do to it! Trust me, you don’t want to go to war.“, hält Denzel Washington diese Rede auf der Leinwand, dass ich mich jetzt ebenfalls interessiert nach vorne lehne und fast das Popcorn fallen lasse.

„Ich fand den Film klasse! Auch wenn man den ersten Teil nicht gesehen hatte, kam man gut dahinter, wer wer ist.“, marschiert sie die Treppe runter. „Ja, war ja auch keine wirkliche Fortsetzung.“, bin ich wieder in Gedanken. „Naja, aber im ersten Teil gab es bestimmt ein paar Informationen zu Susan und seiner Frau.“, lässt sie nicht ab von dem Thema, dabei fand ich das Ende dieses Filmes etwas platt, etwas an den Haaren herbeigezogen und zu stümperhaft, zu schnell über die Bühne gebracht; doch ich habe gerade keine Lust mich mit ihr zu streiten, deshalb sage ich nur verträumt: „Im ersten Teil gab es dazu auch keine näheren Infos.“

„Soll ich dich noch nach Hause bringen?“, fragt sie jetzt liebevoll, auch weil sie merkt, dass ich wahrscheinlich froh bin über ein bisschen Gesellschaft.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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