Broken Crown

Eines war ihr aufgefallen: All seine Nachbarn sprengen den Rasen, haben blühende Gärten; nur er hat abgelegen von allen Anderen einen temperaturanfälligen Garten – falls man das, was auf seinem abgelegenen Grundstück passiert, als Garten bezeichnen kann, dann ist sein Garten vertrocknet.

Den ganzen Weg zu ihm hat sie gehofft, dass die vielen Geschichten, die ihr ihr Vater von ihm erzählt hat, nicht wahr sind oder nur irgendwelche Lagerfeueranekdoten sind, die vielleicht nur im Ansatz stimmen. Sie hatte sich natürlich auch selbst informiert und die Zeitungsartikel und Zeitzeugenberichte ließen ihn in keinem guten Licht stehen.

Er war laut den Berichten ein Mann, der ab einem gewissen Zeitpunkt für den Erfolg alles getan hätte. Der seine besten Freunde vor die Hunde gingen ließ. Der seine Mitmenschen verachtete. Der sich in der Nacht bei Vollmond in einen Werwolf verwandelte und dann Hauskatzen über die Straße jagte – ok, das Letzte war offensichtlich frei erfunden und ob die anderen Anschuldigungen stimmten oder doch nur von Leuten kamen, die neidisch waren auf seinen Erfolg; um das herauszufinden, dafür war sie ja jetzt hier.

Als sie ihr Auto am Feldweg abstellte, den Trampelpfad hinaufkam, stand er auf seiner Veranda und schaute mithilfe eines Teleskops in den Abendhimmel – wenn sie gewusst hätte, wie lange sie für den Weg gebraucht hätte, wäre sie früher losgefahren. Sie begrüßte ihn von Weitem mit einem ausgiebigen Winken, dass sie sich dämlich vorkam.

„Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben mit mir zu sprechen.“, putzte sie sich auf der Fußmatte schließlich die Schuhe ab. Go away, stand einladend darauf. „Du kannst von Glück reden, dass ich mit deinem Vater mal gut befreundet war; ansonsten hätte ich dich direkt abgeknallt, falls du es gewagt hättest unangemeldet einen Fuß auf meinen Grund und Boden zu setzen.“ „Sind Sie immer so gastfreundlich?“, fragte die junge Studentin und kramte in ihrer Jacke nach einem Notizblock.

Gerade hatte er ihr noch davon erzählt, dass man dieser Tage den Saturn bei guten Wetterverhältnissen mit einem hochwertigen Teleskop sehen könne und ob sie auch mal einen Blick riskieren wolle, jetzt war er so patzig.

„Schon mal was von einem Witz gehört? – – Aber mal ehrlich, wenn die Leute anfangen bei dir einzubrechen, deine unveröffentlichten Texte lesen, deine Briefe öffnen, deine Zeitschriften durchstöbern, sich nur noch den Mund zerreißen über dich, dann …“, kam er direkt zum Kernthema ihres Treffens.

Am Telefon hatte sie ihr Anliegen unterbreitet und obwohl jeder ihr abgeraten hatte zu ihm zu fahren, willigte er einem Interview für ihre Studentenzeitung ein. Am Telefon hatte er zwar alt, aber freundlich gewirkt, jetzt … so hatte sie ihn sich gar nicht vorgestellt, um ehrlich zu sein, aber wenn es wirklich stimmt, was sie sich über ihn erzählen, hätte wohl auch der gutherzigste Mensch irgendwann die Nase voll von Menschen.

Sie war mit seinen Kurzgeschichten aufgewachsen, für sie waren seine Kurzgeschichten ein moralischer Kompass, eine Gebrauchsanweisung gewesen, so voller Heiterkeit und Schmerz, dass man sich fragen konnte …

„Stimmt es, dass Sie einmal Backstage während einer Late Night Show gesagt haben sollen, dass Sie jetzt verstehen könnten, warum Hunter S. Thompson immer einen Viehtreiber dabei hatte, wenn er unter Leute ging?“ „Ach, weißt du – eigentlich wollte ich doch nur mal, … ja, alles beschreiben. Wie sich dieser Stoff anfühlt, wie sich die untergehende Sonne gerade zwischen den Blättern gebrochen hat, als du den Weg rauf zu meinem Haus gekommen bist und dieser Duft nach vertrocknetem Gras und altem Holz am Abend; aber dann kam dieser ganze, andere Scheiß und es wurde einfach nicht weniger, – weißt du?! Es hörte nicht mehr auf, es wurde immer mehr.“ „Wie meinen Sie das?“, warf sie ihre Jacke über einen Kleiderhaken. „Ich hätte aufhören sollen, als ich eines abends zu einer Sexarbeiterin gegangen bin und am nächsten Morgen dann wirklich Mädchen am Bahnsteig gestanden und deswegen geheult haben, stellte sich nämlich raus, irgendein Arschloch fand das wohl so interessant, was ich da mit wem wie getrieben habe, dass er mir folgen musste und dann hat sich das im ganzen Land verbreitet; natürlich wusste jeder davon, auch wenn es mir niemand ins Gesicht gesagt hätte – ab da hätte ich aufhören sollen, keine Kurzgeschichten mehr schreiben sollen. – – Das hätte mir schon eine Lehre sein sollen – eine Warnung.“ „Und wann begannen die Sticheleien im Alltag? Das Mobbing, dass sie schließlich zum Aufhören brachte?“, folgte sie ihm in die Küche.

„Oh, wie ich sehe, bist du gut vorbereitet. Wieso hast du denn dann überhaupt den weiten Weg hierher gemacht, wenn du eh schon alles weißt?“, blieb der alte Mann abrupt im Türrahmen stehen, dass sie fast in ihn reingelaufen wäre.

„Ähm, ich.“, stammelte sie deshalb jetzt nur und hob den Notizblock auf, der ihr bei diesem Beinahezusammensturz weggefallen war. „Ach, schon gut. Weißt du – das Schlimme ist ja, man gewöhnt sich so schnell an Dinge. Auf einmal war es völlig normal, wie der Gang zur Kirche für die Leute; die haben da gar nicht mehr drüber nachgedacht, was die anrichtet haben, glaube ich manchmal. Das wirklich Schlimme ist ja, es waren keine – wie sagt man heute? Einzelnen Trolle? – – Darüber hätte man ja noch hinweg kommen können. Es war leider das ganze Land, das bei diesem Käse mitgemacht hat. Auf einmal war ich der Böse, obwohl sie in meine Wohnung eingebrochen sind! Die in meinem Privatleben herum gewühlt haben, als hätte ich da irgendwo Gold vergraben gehabt; dabei war ich doch nur ein dummer Junge mit naiven Träumen. – – Manchmal glaube ich, die haben nur einen Grund gesucht mich fertig zu machen – tja, schlussendlich haben die es ja auch geschafft.“

Schwer zu glauben, dass ein Mann, der mal so schöne Sätze wie, „Das Universum ist gemacht, um es mit deinen eigenen Augen zu sehen.“, formuliert hat, nun so verbittert ist.

Während er sich auf seinen einzigen, hölzernen Küchenstuhl fallen ließ und sie so zum Stehen bleiben zwang, überlegte sie weiter: Aber wenn es wirklich stimmt, was er sagt, dann …

Weiß er eigentlich, was er mir bedeutet? Was er so vielen Menschen bedeutet hat? Dass uns seine Sätze manches Mal vor Lachen zum Weinen gebracht haben, wie viel es uns bedeutet hat, dass er uns unseren eigenen Schmerz erklärt hat? Dass er uns an seinem Humor teilhaben ließ? Mit seinen Worten für uns da war, wie kein anderer? Wir haben alle zu ihm aufgeschaut, haben immer erwartungsvoll darauf gewartet, dass er uns wieder mit seiner neuen Kurzgeschichte den Alltag ein bisschen versüßt. Wie viel hätte ich in den letzten Jahren nur dafür gegeben, wenn er mal wieder durch seine Texte zu mir gesprochen hätte und mir gezeigt hätte, dass ich nicht alleine bin mit meinem alltäglichen Wahnsinn und dass es wohl nicht so schlimm sein kann, am nächsten Morgen geht die Sonne trotzdem wieder auf, egal wie gut der Tag davor war …

Als seine Frau starb, starb sie auch für uns, als er sich mit seinem besten Freund wieder vertragen hatte, — obwohl sie doch eigentlich nicht gut für einander waren; ich meine, das sah ja wohl jeder, der nicht vollkommen auf den Kopf gefallen

„Weißt du, und dann gibt man und gibt so viel in seinen Texten und gibt so viel von sich preis und ach, ich weiß auch nicht. Immer, wenn man ihnen den kleinen Finger hingehalten hat, nahmen sie die ganze Hand und haben nichts mehr für mich übrig gelassen. – – Das ich mich abends oft genug in den Schlaf geweint habe, hat natürlich niemanden interessiert. Hauptsache, ich habe ihre Grenzüberschreitungen mit einem Lächeln hingenommen und einen kecken Spruch auf den Lippen gehabt.“, brabbelte der alte Mann vor sich hin und schüttete sich jetzt schon das dritte oder vierte Kurzenglas in den Rachen. „Stimmt es eigentlich, dass Sie, noch bevor Sie ihren ersten groß durchdachten Roman veröffentlichen konnten …“, hatte sie aber gerade gar nicht zugehört, ihr brannte eine andere Sache viel mehr unter den Fingernägeln; nicht nur die Beziehung zu seiner Frau, sondern eben auch …

„Fang doch damit nicht an.“, winkte er aber nur missmutig ab. „Dass sie schon auf zwei Kontinenten gelesen und gefeiert wurden? Wie kam es, dass sie nie öffentlich erwähnt wurden? Gab es da etwa wirklich mal ein Gesetz, dass es unter Strafe gestellt hat? Ich meine, es ist doch absurd!!! Jeder, der ab einem gewissen Grad die öffentliche Debatte mitgestaltet hat, muss doch schlussendlich genauer unter die Lupe genommen werden.“

„Ach, Liebes – wie lange hast du Zeit?“, machte er aber schon wieder sein Glas mit Wodka voll. „Ok, ähm. Dann was anderes“, sagte sie und hielt sich an dem anderen Thema fest: „Warum sind Sie denn damals zu einer Sexarbeiterin gegangen?“

Sie schob sich eine der leeren Obstkisten zum Tisch und setzte sich neben ihn darauf. „Ich weiß, – das klingt jetzt wahrscheinlich total doof – aber als es mit meiner Frau angefangen hatte ernster zu werden, war ich aus der Übung und dann ist da noch meine kaputte Hüfte gewesen, … nun, ich war einfach aus der Übung und wollte einfach gucken, ob ich es noch kann. Ich wollte mich einfach nicht bei ihr blamieren. – – Hätte ich aber geahnt, was ich damit anrichte, wäre ich nie zu einer Sexarbeiterin gegangen.“ „Danach haben Sie sich massiv aus dem öffentlichen Leben zurück gezogen, mit keiner mehr was angefangen, sind ungerne unter Menschen gegangen und haben sich nach meinen Unterlagen vor Menschenmengen gefürchtet.“, las sie aus ihren Notizen ab.

„Ach, das hab ich vorher auch schon ungerne gemacht. – Hör mal, es ist doch ganz einfach. Wenn du dir die Finger am Herd verbrennst, fasst du den Herd nicht mehr an. Das wissen schon Kinder. – – Ich bin eben ein Mensch, der sein Privatleben gerne für sich behält – wahrscheinlich, damit ich in meinen Texten umso ehrlicher sein kann. – – Was weiß ich.“, überlegte er laut. „Und dann sind Sie auch noch vier Mal umgezogen, weil man jedes Mal in ihr Schreibzimmer eingebrochen ist?“, checkte sie immer noch ihre Notizen, was ihn sichtlich nervte. „Hör mal, es hat nichts genützt. Sie haben jedes Mal meine Privatsphäre missachtet. Egal, wie sehr ich mich zurück gezogen habe, sie haben jeden meiner Rückzugsorte erobert und mich nicht in Ruhe gelassen.“

„Also, …“, wollte sie ihn da unterbrechen. „Mich regelrecht verfolgt, das Einzige, was ich tun konnte, war aufhören zu schreiben.“, wurde seine Stimme lauter.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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