Wilder Mind

Ich war gerade im Garten eine rauchen und habe den Wolken dabei zugesehen, wie sie sich langsam vor den Mond geschoben haben und musste aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund daran zurückdenken, dass ich, als ich beim letzten Mal mit einer Frau geschlafen habe, angefangen habe zu kichern. Nicht unbedingt laut zu lachen, aber zu kichern, weil ich ihre Performance einfach affig, aufgesetzt fand und natürlich hat sie zu Recht eingeschnappt gemeint: „Nicht lachen!“ – nicht nur deshalb denke ich manchmal, irgendwas stimmt nicht mit mir.

Auch, weil ich so Sachen meine wie: „Ich bin, glaube ich, schon immer Nihilist gewesen, wenn wir kein Kondom da haben, schlafen wir halt nicht miteinander.“, dass ich mittlerweile selbst voll und ganz davon überzeugt bin: Ich bin ein wirklich toller Fang und bestimmt ein klasse Liebhaber – und apparently in einer Sarkasmus-Schleife gefangen.

Wenn ihr aber wie ich durchs Leben gehen würdet und … jetzt weiß ich nicht, wie ich den Satz beenden soll – dabei ist es genau diese Fähigkeit von mir, die mich am Alltag langweilt; diese Fähigkeit, in einen Raum zu kommen und genau zu wissen, wie die Gespräche verlaufen werden und was mein Gegenüber sagen wird, wie er den Satz beenden wird, die mich so abgestumpft hat gegen das Schöne auf der Erde – was wahrscheinlich nur noch ein weiteres Zeichen dafür ist mal wieder Abwechslung in meinen Alltag zu bringen.

Dabei haben sich die ganze Zeit über aus tausenden Wörtern große Welten mit Ludwig II. Schlössern in meinem Kopf gebildet wie Tumore, dass diese schon fast drohen meinen Kopf platzen zu lassen und mir ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zaubern, endlich kann ich wieder schreiben und den Druck abbauen, sobald ich dann aber den Stift aufs Papier drücken will, diese Zauberwelten einfangen will und aufs Papier bannen möchte, alles ausformulieren möchte, trotzdem nicht kann.

Mich durchfährt dann immer in diesen Momenten von den Fingerspitzen bis in den Nacken ein kleiner Schock, der mich innehalten lässt. Ich halte inne und weiß nicht mehr weiter, ob ich den einen Weg einschlagen soll, also sowas behaupten soll wie: Ihr könnt gerne eure scheinheiligen Leben führen, aber nicht, wenn ich darin verwickelt sein soll oder zweitens behaupten soll, dass: Wie kannst du es wagen in diesem Zwielicht von Anmut sprechen? Ich spreche doch auch nicht von deinen Schwächen und am Ende gehe ich einen ganz anderen Weg, weil ich euch nicht zerreißen will.

Und dann gibt es wieder diese Momente, wenn im Hintergrund Kraftklub – Songs für Liam aus den Boxen des Radios dröhnt und sie mich küsst, die einfach perfekt sind.

Aber in letzter Zeit kommt es mir so vor, als hätte ich mir mit meinen veröffentlichten Worten und geschriebenen Sätzen nicht prächtige Schlösser, sondern eine Festung gebaut, die mich von euch trennt und dann komm ich mir vor wie ein Astronaut, der irgendwo zwischen Mond und Erde seine Bahnen zieht und nicht mehr weiß, wie das richtige Leben geht – vielleicht habe ich ja auch einfach schon einen Text zu viel geschrieben, wie ein Elektrogerät, dass seine Mindestgebrauchsgarantie überschritten hat und nicht mehr umgetauscht werden kann, genau jetzt aber den Geist aufgibt, deshalb keine Worte mehr findet, um dieses Phänomen zu beschreiben oder mit euch auf der Erde Kontakt aufzunehmen.

Wenn ihr im Zug neben mir sitzt, wenn ihr mir auf dem Flur entgegen kommt oder vor mir beim Bäcker in der Schlange steht, dann seid ihr nicht nur gefühlte Millionen von Lichtjahren entfernt, sondern ich denke auch noch genervt: Was kann der Mensch denn nun wieder von mir wollen? – – Dabei habt ihr so ein Funkeln in den Augen, wenn ihr von den Dingen sprecht, die euch begeistern.

Sei es der Kollege, der mir davon erzählt, dass beim Bowling ein Strike doch eigentlich nur reine Glückssache ist, es eine viel größere Bestätigung von Können ist, wenn noch zwei Pins auf der Bahn stehen geblieben sind und man mit dem letzten gezielten Wurf den einen Pin so trifft, dass dieser den Anderen auch noch umhaut und man so dann das Feld abräumt oder der andere Kumpel, der sich in der Pause Fortnite-Videos reingezogen hat, um darin besser zu werden und mich anfangs noch fragte, ob das ein Problem wäre und ich es nachvollziehen konnte, weil ich in der Zeit immer andere Artikel gelesen habe.

Die Tankstellenwärterin, die mir um zwei Uhr morgens anvertraut, dass sie erst seit ein paar Wochen in der Stadt lebt, zwei Jobs hat, um überhaupt über die Runden zu kommen oder der Busfahrer, der bei der nächsten Haltestelle anhält, um ein Missverständnis mit einem seiner Fahrgäste zu klären und sie dadurch zufrieden auseinander gehen, sich die Hand geben – dann denke ich immer, dass sind die Helden ihrer eigenen Geschichte.

Ich sollte sie und ihre Probleme ernster nehmen.

Tagebuch

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

1 Comment Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: