Bachmann-Preis 2018

Ich finde es einfach traurig, dass ihr nicht in der Lage seid selbst zu denken, oder seid ihr wirklich so sehr darauf angewiesen, dass ich euch vorkaue, was ihr zu denken habt? Das wäre sehr schade, denn all mein Bestreben zielt doch eigentlich darauf ab, dass ihr selber nachdenkt.

Mittlerweile sollte doch auch dem Letzten bewusst geworden sein, dass ich, wenn ich darüber spreche, dass mich jeder kennt, jeder über mich spricht, aber keiner mit mir spricht, ich nicht die Tatsache negligieren will, dass ich bekannt bin, sondern, dass, wenn ich so weiter mache wie bisher, anscheinend mein Name erst in den Zeitungen auftaucht, wenn ich gestorben bin – was eine wirklich verrückte Punch-Linie für einen schlechten Witz abgeben würde; deshalb ist es auch nicht als Witz gemeint.

Ok, um das zu erklären, muss ich wohl etwas ausholen. Ich bestelle mir und lese in letzter Zeit, seit mein Wohlbefinden anscheinend ein öffentliches Interesse geworden ist, viele Künstler-Biografien, auch um zu verstehen, was da gerade eigentlich abgeht.“ , sitze ich in der Mittagspause beim Bäcker, bis mir mein innerlicher Wecker Bescheid gibt, die fünfzehn Minuten Pause, die ich mir gegönnt habe, um meine Batterien wieder aufzuladen, sind rum.

Was für eine verrückte Welt, wo ich zu Hause Mutter wegen Steuersachen bezüglich meiner bevorstehenden Schriftsteller-Karriere befrage und so Sachen höre, dass das sich doch gar nicht lohnen würde für die 50ig Euro, die ich mit meinem Hobby machen würde und auf der anderen Seite meine dämlichen Tweets zum Bachmann-Preis, den wohl renommiertesten Literaturpreis Deutschlands, die halbe Literaturszene in Aufruhr versetzt und gebannt auf meinen nächsten Tweet warten lässt.“, schreibe ich Philip mit einem Augenzwinkern zum Feierabend und als ich ihm das schreibe, denke ich noch, Mutter wird mir diesen schlechten Witz verzeihen.

Wenn mich jemand aus der Presse gefragt hätte, was meine Twitter-Aktion während des diesjährigen Bachmann-Preises sollte, hätte ich mir wahrscheinlich irgendwas aus den Fingern saugen müssen wie: Mein Vorbild war schon immer Christoph Schlingensief mit seiner systemkritischen Aktionskunst – da ich aber nicht gefragt wurde, kann ich mir den intellektuellen Scheiß auch sparen.

Mir gehen gerade viele Gedanken durch den Kopf zum diesjährigen Bachmann-Preis und viele davon haben eigentlich nichts mit dem Bachmann-Preis zu tun.“, schreibe ich im vollen Stadtbus, während sich zwei Frauen über meinen Kopf hinweg unterhalten.

„Sach mal, Frieda. Ihr seid auch nur am Wäsche waschen, oder? Wie viele Häuser betreut ihr mittlerweile? – Caritas? Johanniter? Und uns, oder?“ „Ja, und die Schulen. Wir können wirklich nur hoffen, dass bald Schulferien sind und nicht mehr so viel Wäsche anfällt.“ „Weil dann weniger aus den Schulen kommt?“, fragt sie und lehnt sich quer über den Gang in meine Richtung. „Mehr als Waschen können wir wirklich nicht.“, ruft sie fast, um den aufheulenden Motor zu übertönen. „Was?“, fragt die Andere trotzdem.

„Darf ich mal?“, quetscht sich jetzt auch noch ein Junge durch den Gang.

Ich frage mich, ob es reiner Zufall ist, dass ich einen Abend nach der Bachmann-Preisverleihung über ein Video-Essay mit der Reader-Respone Theory gestolpert bin.

Um euch jetzt das Googeln zu ersparen, die Reader-Respone Theory ist eine von vielen Mechanismen, die Kritikern zur Verfügung stehen, um einen Text zu bewerten – hier, ich erkläre kurz, was ich noch aus meinem Studium über die Reader-Respone Theroy weiß: Wir können nie ganz sicher sein, was ein Text aussagen will, weil alles, was wir denken, was er aussagt, eine Schlussfolgerung unserer eigenen Interpretation ist. Wir schreiben sozusagen den Text, während wir ihn lesen, weil wir, während wir ihn lesen, unsere eigene Vergangenheit benutzen, um den Inhalt zu interpretieren.

Die Kritik an dieser Theory ist, wenn sie zutreffen sollte, simpel: Es ist unmöglich objektiv über Kunst zu reden –  nun, deshalb sind begabte Kritiker in diesem Jahr so wichtig gewesen.

Kritiker haben bei einem Wettbewerb wie diesem die schwierige Aufgabe ihre literarisch komplexen Werkzeuge für das Publikum leichtfüßig vor laufender Kamera anzuwenden und so dem Text immer etwas zu entlocken, was die Leser alleine nicht in Worte fassen konnten.“

„Hört auf, mich nach euren mickrigen Menschenstandards zu bewerten!“, rennt mich ein Kind mit Spielzeug-Superheldenfigur in der Hand fast um. „Aber du bist doch …“ „Nein, hab ich nicht! Ich hab nur so getan als ob!“ „Was? Doch klar hast du!“, streiten sie sich und rennen weiter, ohne ein kleines Entschuldigung oder Sorry an mich.

„Und jedes Mal, wenn ich ihm den Stock ein bisschen weiter weg lege, scheint er sich nur noch mehr zu strecken, um den Stock zu bekommen.“, steht eine stolze Mutter an der Kasse und redet noch mit einer anderen Mutter über ihren Hund, bezahlt dann.

„Das macht dann 12,50.“, meint die junge Kassiererin auf einmal. „Hast du auch 50ig Cent?“ „Nein.“ „Quittung?“ „Ja, bitte.“ „Ein schönes Wochenende noch.“ „Ja, ebenfalls.“, packe ich noch immer meine Einkaufe ein, bin in Gedanken, als sie sich streckt und mit einem verführerischen Lächeln meint: „Boah, ja. Das kann ich jetzt auch gebrauchen. Hab endlich Feierabend.“ „Mh?“ „Seit heute Morgen um sieben Uhr arbeite ich schon.“ „Ja?“, schaue ich sie gerade zum ersten Mal richtig an – für einen Moment liegt eine seltsame Spannung in der Luft. „Wow. Ja, dann noch ein schönes Wochenende.“, nicke ich ihr aber zu und packe meine Sachen zusammen – auch wenn ich gerade jemanden zum Reden gebraucht hätte, jemand, der mir Gesellschaft leistet, darf ich nicht vergessen, dass sie wahrscheinlich auch jede meiner Nachrichten mit ihrer besten Freundin analysiert, was ich damit wohl gemeint hätte, dass am nächsten Tag sogar die Nachbarstadt wieder weiß, was passiert ist.

„Ich habe das Gefühl, ich springe nur noch durch immer größere, brennende Reifen, um eure Anerkennung zu bekommen und ich habe da keine Lust mehr drauf. Wenn ihr mich nicht wertschätzt, dann habt ihr mich auch nicht verdient.“, tippe ich als letzte Zeile in den Texteditor meines Blogs und drücke ein letztes Mal auf Speichern.

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Stefan Schürrer View All →

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