Portugal vs. Uruguay

Sie unterhalten sich gerade darüber, wie lese ich eine WhatsApp-Nachricht, ohne dass andere lesen können, dass ich sie gelesen habe, während die Halbzeitshow von Portugal vs. Uruguay für die Tagesschau unterbrochen wird.

„Gott, ist das deprimierend.“, huscht mir nur anhand der Berichterstattungen heraus. Die AfD dies, Transit-Zonen das und weil Arnold meinen skeptischen Blick zum Fernseher mitbekommt, fängt er an die Berichterstattung zu kommentieren: „In aktuellen Umfragen hat die AfD übrigens wohl an die 60 Prozent.“

„Gott, können wir nicht ein bisschen Musik anmachen, das hält man ja nicht aus.“, richte ich das Wort an die verträumt in die Gegend guckende Bedienung – die begrüßt aber gerade die zwei neuen Gäste mit einem Was darf’s sein?

„Ist ja noch gar nichts los hier. – – Wohl letzte Mal das falsche Foto gemacht und rumgezeigt.“, lässt sich der Erste an der Theke auf einen Barhocker fallen und sein Kollege setzt sich neben ihn, hat seit er durch die Kneipentür durch ist die Augen auf einen der Flachbildschirme und fragt trotzdem wie in Trance: „Wie steht’s? Hab ich was verpasst?“

„Er hätte dich ja wenigstens mal fragen können, ob er den Spruch haben darf. Du solltest Tantieme nehmen oder sowas in der Art!“, meint sein Kumpel nach dem zweiten Bier zu ihm. „Falls der damit irgendwann mal Geld macht, steh ich auf jeden Fall bei ihm auf der Matte, da kannst’e aber sowas von ausgehen. – – Nein, Spaß beiseite.“, ext er sein Bier.

Nachdem ich mir letztens die lustige Weisheit einer alten, verschrobenen Dame anhören durfte: Man wird nur für die Arbeit bezahlt, die man leistet – hätte ich dann jetzt gerne meine Millionen Euro für meine Texte, damit ich das meiste davon dann wieder investieren kann, um eine andere, eine bessere Gesellschaft aufzubauen, ohne verschrobene Damen mit Weisheiten aus dem 19ten Jahrhundert. – – DANN kann ich dem Typen an der Bar auch seine Tantiemen auszahlen.

„Ziemlich cool – ich war letztens bei einem Theater-Menschen und hab ihm ein Theaterstück angeboten und er meinte nur: Das ist gut, aber auf der Bühne dauert das nur zehn Minuten. – – Hast du noch was anderes? Und dann hab ich mit ihm einen Lesungstermin abgemacht. Ist das nicht cool?“, schwafele ich wieder, dass sie unschlüssig lachen und mich fragen, worum das Theaterstück denn gehen würde und ob ich es noch zu Ende schreiben würde und

– nein, mal im Ernst; mittlerweile hoffe ich einfach nur noch darauf, dass ich, wenn ich irgendwann am Hungerstuch nagen sollte, meine wenigen Bewunderer für mich dann wenigstens da sein werden wie damals bei Patty Smith, die nach einer aufregenden Karriere in den 60igern und 70igern fast am Armutslimit gelebt hat und in den 80igern wieder groß rauskam, nachdem einige Freunde ihr ein paar Auftritte besorgt hatten.

„Auf Tom!“, stoßen wir mit der neuen Runde Captian Gestern an und die ganze Kneipe jubelt, weil irgendwer das Ausgleichstor geschossen hat. „Hier, das bekommst du noch dazu, weil du Captian Gestern bestellt hast.“, steht auf einmal die Bedienung hinter ihm mit Werbegeschenken, dass ihm nicht ganz geheuer ist; soviel kenne ich ihn dann doch noch.

„Guck mal, der Mann da.“, zeigt Tom unauffällig nach draußen zu einem alten Mann mit Stock, der gerade in ein Taxi einsteigen will und deshalb den Stock an die Taxifahrerin abgibt. „Der ist schon ganz schön betrunken, oder?“ „Und jetzt nimmt sie den Stock und haut ihm damit auf den Arsch.“, antworte ich nur und natürlich passiert genau das.

„So langsam komm ich mir vor wie in einem schlechten Film.“, schüttelt er sich und lacht verlegen. „Ich geh mal eben nach draußen, eine rauchen.“, meine ich nur und beide – sowohl Tom, als auch Arnold – kommen mir hinterher gedackelt und lassen mir keine Ruhe. „Eigentlich hab ich ein bisschen Hunger.“, fängt  Arnold an und ich nicke nur nach links und meine: „Da gibt es Pizza.“

„Der ist mittlerweile zu einem meiner Lieblings-Italiener geworden – musst nur aufpassen, wenn du sagst: Ein bisschen scharf – dann macht er viel scharf.“, drückt der Typ von der Theke seine Zigarette im Aschenbecher aus, nickt mir zu und verschwindet wieder nach drinnen, also gehen wir noch eben rüber und bestellen uns eine Pizza, um etwas warmes im Magen zu haben.

„Hast du jetzt eigentlich endlich Deus Ex durch? Kann ich die Story spoilern oder willst du es wirklich noch durchzocken?“, dreht es sich bei Tom heute schon zum dritten Mal um dieses Thema. „Ach, komm – hau raus. Ich kann mir nicht immer Urlaub nehmen, um endlich mal ein paar interessante Games zu zocken.“, stecke ich mir draußen vor der Pizzeria die nächste Zigarette an, während ein paar Leute an uns vorbei laufen und verlegen tuscheln, als hätten sie gerade irgendwas aufregendes erlebt und wollten es für sich behalten, aber eben auch miteinander teilen oder so; – ist mir mittlerweile auch egal, was sie wirklich in dem Moment getuschelt haben und vielleicht sollte ich Tom zuhören, wenn er die Deus Ex-Story zusammenfasst: „… um eine AI, die entwickelt wurde, um der Menschheit zu helfen und irgendwann begreift, der Menschheit ist nicht mehr zu helfen und die Menschheit auslöschen will, aber eine zweite Persönlichkeit entwickelt und gegen ihre eigentlichen Interessen arbeitet und du bist als Spieler in diesem ganzen Chaos – wirklich grob zusammengefasst – und versuchst mithilfe deiner biotechnischen Cyper-Erweiterungen den roten Faden nicht zu verlieren und am Ende verschmelzen die Persönlichkeiten der AI irgendwann wieder miteinander und dir bleibt als Spieler nur noch die Wahl, entweder schließe ich mich der AI an und werde assimilieret oder sterbe.“

„Darum geht es? Klingt interessant.“, ist Arnolds Kommentar dazu nur und weil der Pizza-Bote mir die Pizza durch das Fenster anreicht und fragt, ob wir noch Servietten dazu wollen, bin ich erst einmal völlig durcheinander, dass Arnold freundlich Danke sagt und einen Haufen Servietten mitnimmt.

Drinnen setzen wir uns wieder an unseren Tisch und essen die Pizza, nippen an unseren Getränken und irgendwie bleibt jetzt die kleine Geschichte von Tom unkommentiert in der Luft stehen.

„Ich hab letztens bei Wisecrack ein cooles Video über Satire vs. Parodie gesehen am Beispiel von Watchmen und One Punch Man und eigentlich kritisieren ja beide die Welt. Eines vergöttert eigentlich das Genre, das es parodiert und das Andere würde das ganze Genre am liebsten gerne verbrennen. In Watchmen zum Beispiel ist die Idee, dass ein einziger Mann so viel Power hat wie der blaue Dr. Manhatten, einfach gefährlich; aber gleichzeitig fördert es auch eine Art Indifferenz. Dr. Manhatten langweilt sich über alles, weil er eben alles kann. Er kann sich nicht mehr für die Menschen in seiner Umgebung interessieren und stumpft ab.“, antworte ich und beide, Arnold und Tom gucken skeptisch.

„Und was wäre South Park dann?“, fragt Arnold direkt. „Ich glaube, South Park, die Serie, ist Satire und die Spiele sind Parodie.“ „Geht es hier nicht immer um bloße Semantik?“, ist Tom in seinem Captian Gestern Glas versunken.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: