Upside Down

„Vielleicht sollte ich so langsam einsehen, dass ich mich gerade einfach nicht schon wieder in ein leeres Bett legen möchte. – – Ich sollte trotzdem nach dem nächsten Drink den Stift weglegen und mich meines Schicksals ergeben. Alles, was hier nach kommt, kann doch nur noch Mist werden.“, lasse ich mir die letzten geschriebenen Sätze nochmal durch den Kopf gehen, stecke mir draußen die nächste Zigarette an und höre den anderen, betrunkenen Gästen nur mit einem Ohr zu. „Und wenn der Witz ein Reh wär, dann wärst du der Scheinwerfer, dass es sich in den Wald verzieht.“ „Oder stehen bleibt?“, mische ich mich trotzdem ein und verbessere ihn.

„Oh!“, kommt nur zurück, denn sein Kumpel, der von drinnen mit zwei neuen, vollen Biergläsern an den Raucherstehtisch kommt, fragt direkt, was denn nun schon wieder los sei und dass man uns ja keine zwei Minuten aus den Augen lassen kann.

„Euch kann man auch keine zwei Minuten aus den Augen lassen, wie?“, macht ihn sein anderer Freund deshalb nur nach, der mit der krummen Reh-Metapher, und bekommt dafür direkt einen Schwinger verpasst und ich merke schon wieder, wie mein Gehirn von Höcksken aufs Stöcksken springt, Verbindungen sucht, die wahrscheinlich nie da waren, die ich aber trotzdem suche, über die ich mich kurz wundern würde; wie einer, der bei einer ihm erzählten, nicht lustigen Geschichte trotzdem kurz freundlich lächelt. Wie einer, der sich trotz allem überlegt wie er die Verbindungen schlussendlich trotzdem irgendwie in der nächsten Kurzgeschichte verwenden könnte, eben wie ein gut durchtrainierter Hochleistungssportler; – wie ein NFL-Spieler zum Beispiel.

Ich glaube, es war Bill Burr, der diesen Witz auf der Bühne gebracht hatte, dass man sich gar nicht groß beschweren kann/wundern sollte, wenn einer dieser NFL-Spieler mal wieder abseits des Spielfeldes mit Gewaltausbrüchen auffällt – sie tun halt das, wofür sie bezahlt/gefeiert werden, nur eben abseits des Spielfeldes; das wäre das einzige Problem.

Da fällt mir noch eine andere Szene ein, die ich schon seit Monaten unbedingt aufs Papier bringen wollte, wo mir nur das richtige Framing fehlte. In Uns verbrennt die Nacht von Craig Kee Strete gibt es eine wunderschöne Beschreibung eines Bandauftrittes, der Protagonist ist ihr Roadie und er wundert sich schon, wie sie nachher den Auftritt über die Bühne bringen sollen, so betrunken wie sie sind und in den Seilen hängen und nur Blödsinn bauen, aber als sie dann auf der Bühne sind, geben sie 100 Prozent. Sie leben für genau diesen Moment auf der Bühne, dann geben sie nämlich alles, vorher strengen sie sich einfach nicht an, lassen sich wie ein loses Blatt vom Wind treiben – auch wenn diese spirituell angehauchte Beschreibung jetzt so gar nicht zum restlichen Ton des Buches …

„Alter, genau! – – Das passt auch viel besser!“, lacht er immer noch, so als hätte er es erst jetzt verstanden. „Tja, du hast die Vorarbeit geleistet; ich hab nur noch eins und eins zusammen gezählt.“, drücke ich die Zigarette aus und setze mich drinnen wieder an meinen Platz, krame in meiner Tasche und schlage das Notizbuch wieder auf, versuche da jetzt wieder anzusetzen, wo ich vor dem ganzen Mist der letzten Tage aufgehört hatte: „Was ich mich frage, können Radiomoderatoren ihre Lieder selbst bestimmen, wenn sie On Air sind, wie in Radio Rock Revolution, oder sind die an bestimmte Programmlisten gebunden?“, und streiche alles nochmal durch – sowas kann ich nicht mehr schreiben, ich hatte doch versprochen sowas zu lassen.

Ich kann aber leider nicht mehr leugnen, dass sich meine Gedanken nur noch um dieses eine Thema drehen und wenn ich jetzt versuche nicht darüber zu schreiben, dann schreibe ich bestimmt nur wieder Texte darüber, dass ich nicht darüber schreiben darf und sowas ist zwar unterhaltsam auf einer Meta-Ebene, aber mehr auch nicht – so komm ich doch nicht vom Fleck.

„Willst du noch?“, nimmt sie mir das leere Glas aus der Hand. „Ich muss nach Hause.“, krame ich als Antwort mein Portmonee aus der Hose und als die Tür ins Schloss fällt, dröhnt es nur noch leise die Straße herunter, ich weiß auch gar nicht mehr, was heute Abend alles gespielt wurde, aber manches Mal ist mir das Herz in der Brust stehen geblieben anhand der passenden Songtexte.

Wenn ich ehrlich sein soll, will ich doch nur jemanden, der halbwegs verstehen kann, wie ich mich fühle, und an meiner Seite bleibt, egal was kommt; der mit mir über den Scherbenhaufen lachen kann und mir dann hilft, ihn wegzumachen. Jemanden, für den ich auch da sein kann; die nicht genervt ist von meiner Zuneigung.

Wieso sollte ich auch mehr verlangen, als jeder andere Mensch auf Erden? Mein Gott, – ich muss wirklich nach Hause, auch wenn ich keine Ahnung habe, wo mein zu Hause ist – metaphysisch gesprochen.

Mann, wie alles anders aussieht in der Nacht. Ich laufe wohl jeden gottverdammten Tag nach der Arbeit hier lang, mittlerweile schon fast auf Autopilot, aber trotzdem erschrecke ich mich jedes Mal, wie anders doch die Welt mitten in der Nacht aussieht.

Der Spielzeugladen auf dem Markt hat jetzt auch dicht gemacht. Ich weiß noch, wie ich vor ein paar Wochen stutzig wurde, weil die Regale leergefegt waren und in der Scheibe ein Zettel hing: Alles muss raus – natürlich hab ich drinnen dann erst mal direkt nachgefragt, was los sei, schließlich habe ich hier schon als Kleinkind mit der Nase an der Scheibe geklebt und mir die tollsten Dinge gewünscht und als mir die Verkäuferin erzählte, dass sie leider in Rente gehen würde, keine Nachfolger hat und deshalb den Laden dicht macht, huschte mir nur ein ehrliches Schade über die Lippen, dass sie mir mit einem weinenden und lachenden Auge zustimmen musste.

Dann hatte mir meine Mutter noch einen Zeitungsartikel ausgeschnitten, ein paar Tage später, in dem es um den Verkauf einer Buchhandlung ging. Auch dieser Besitzer wollte in Rente und hatte keinen Nachfolger und fragte jetzt nach Leuten, die den Laden übernehmen wollten. Ich verkniff mir diesmal nicht die Frage nach dem Warum hast du mir das jetzt gezeigt? – und erhielt nur ein: „Ich dachte, das interessiert dich.“

Für einen kurzen Augenblick sind mir wirklich Vergleiche mit Black Books gekommen, wie cool das doch wäre, ich und mein eigener verschrobener Buchladen und dass mir mittlerweile wahrscheinlich keine Tür mehr verschlossen bleiben würde, doch dann dachte ich an die ganze Arbeit und zuckte nur mit den Schultern und wusste eigentlich schon irgendwo tief in mir drin, dass ich auch diese Tätigkeit nach zwei Wochen hassen würde, wie Rick Sanchez seinen teuflischen Laden gehasst hat und ihn dann irgendwann kurzerhand abgebrannt hat und auch wenn ich diese Buchhandlung besitzen würde, würde ich trotzdem jeden Morgen aufstehen müssen und mich zur Arbeit quälen und mich abends in ein leeres Bett legen müssen.

Kurzgeschichte

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