Heidelberger Literaturcamp 18

„Und wenn ich das dann irgendwann mal fertig habe, weiß ich auch noch nicht, ob ich es dann veröffentlichen werde.“, fängt die Doktorandin ein neues Thema an. „Aber wir würden es gerne lesen.“ „Genau. Schickst du uns das wenigstens?“ „Jaja, kann ich machen; aber falls ich das dann veröffentliche, dann kündige ich das nicht groß an, sondern geb das dann nur euch und einer Arbeitskollegin von mir, weil die schon gesagt hat, dass die da Interesse dran hat und es unbedingt lesen will.“ „Oder du machst nur einen Facebook-Post.“, meint die Andere, die mir gestern Gin Tonic angeboten hatte und mir dadurch den Nachmittag gerettet hat.

„Ich hab da gar nicht die Zeit weder die Nerven noch die Lust zu mich bei irgendwelchen Leuten anzubiedern.“, antwortet sie ohne Punkt und Komma und wird dann ruhiger, was selten ist. Ich kenne sie zwar erst seit gestern Mittag, aber seitdem hat sie mir schon mehrere Koteletts ans Ohr gelabert – versteht mich nicht falsch, es ist immer ein gut durchgebratenes Kotelett mit leckerer Fleischsoße und insgesamt ein sehr schmackhaftes Kotelett, aber eben ein Kotelett.

Ich müsste lügen, wenn ich jetzt nicht ein Pharmazie-Studium bestehen könnte dank ihrer ausführlichen Ausführungen und lustigen Anekdoten.

„Ja, das geht mir genauso. – Schreiben ist ja nur eins der Hobbys, die man hat.“, meint die Stillere von den Dreien. „Ich will auch nicht, dass meine Freunde oder meine Familie wissen, was ich da schreibe.“, höre ich die Wortreichste wieder warmlaufen und jedes Mal wandert mein Kopf von Einer zur Anderen zur Nächsten, ziehe an meiner letzten Zigarette und bin froh, mal fünf Minuten zu stehen.

Seit zwei Tagen saß ich eigentlich nur durchweg, entweder sieben Stunden im Zug oder in den Sessions, wobei ich mich da auch hätte beteiligen können, … „Deshalb hab ich mir ja auch ein Pseudonym ausgedacht.“, meint die mit dem Gin-Tonic und mir rutscht nur raus: „Also ist das gar nicht dein richtiger Name?“

„Doch, doch. – – Das schon, aber ich schreibe unter einem Pseudonym.“, ist es jetzt schon die dritte Person an diesem Wochenende, die zu mir meinte, sie würde unter einem Pseudonym schreiben. Ich habe der Ersten schon geantwortet, dass es doch diesen Mythos gibt, dass ein Lord Shakespeares Werke geschrieben haben soll und naja, wenn ich Hamlet geschrieben hätte, dann würde ich auch wollen, dass mein verdammter Name auf Hamlet steht; aber vielleicht bin ich da auch einfach ein bisschen radikaler. Mir wurden dieses Wochenende schon die unterschiedlichsten Gründe genannt, warum man ein Pseudonym verwenden will und alle schienen verständlich, deshalb habe ich jetzt auch meine für manche arrogant wirkende Kritik runter geschluckt.

„Das mit dem Anbiedern hast du schön gesagt. Das ist das richtige Wort. Ich will mich gar nicht mehr groß verstellen oder darstellen.“, erwähne ich nach reichlicher Überlegung aber und sie runzelt deshalb kurz die Stirn und lächelt dann. „Ja, genau; ein Facebook-Post und dann war’s das. Entweder kaufen sie deinen Scheiß oder eben nicht.“, redet die Gin-Tonic-Frau währenddessen auf die Stillste ein. „Es reicht ja schon, dass die Leute in der Region den Scheiß gut finden, den du machst. Einfach in die lokale Buchhandlung gehen mit 10 Büchern oder so und fragen, ob du die da ausstellen kannst, für’n Zehner pro Buch verkaufen.“, fängt die Gin-Lady wieder an zu brainstormen.

„Dann musst du aber auch erst mal eine lokale Buchhandlung haben.“, erwähnt die Stillste der Dreien nur. „Dann fährst du eben zur nächsten Großstadt, wenn dein Kaff zu klein dafür ist.“, meint die Gin-Tonic-Lady direkt, aber die Stille war da auf der richtigen Fährte, ich hatte nämlich genau das Gleiche gedacht: „Du kannst aber nicht einfach in eine große Buchhandelskette und da deine Bücher ausstellen. Die nehmen deine Bücher bestimmt nicht, Firmenpolitik oder so’n Mist.“ „Mh.“, sieht sie jetzt das Problem.

Die Doktorandin redet wieder so wunderbar wie ein Wasserfall über irgendein spannendes Thema, aber sie haben mich mal wieder gedanklich verloren. Ich bin gedanklich schon wieder wo ganz anders, bewundere einfach diese vielen klugen Köpfe auf einem Haufen.

Vor der Abfahrt habe ich noch in mein Notizbuch geschrieben, dass es in meinem Leben wohl irgendwann einen Punkt gab, wo ich aufgehört habe fremde Menschen nach der Bedeutung ihrer Tattoos zu befragen. „Einfach, weil es sich nicht gehört.“, hasse ich als Begründung, ist aber leider mittlerweile fest verankert in meinem alltäglichen Denken – vielleicht brauchte ich einfach wieder eine Portion Entdeckergeist, am besten intravenös, frisch gepresst, vor Ort in Flaschen verpackt und an meinen Tropf gehängt.

Denn so wie es war, hätte ich mir bestimmt nicht den nächsten Darwin-Award geholt, sondern wäre an meinem Schreibtisch einen lächerlichen Herzinfakt-Tod gestorben, weil ich mich einmal zu oft über die Dummheit des Systems aufrege.

Im IC nach Heidelberg  hatte ich mich noch abgelenkt, war nervös, was es mir bringen wird, was mich erwartet, hatte deshalb im Internet gesurft und ein GIF gesehen, wo auf einem Autotransporter mehrere Autos wie das Ghostbusters-Mobile, der Scubby-Doo-Van, das Batmobile, der Jurrasic Park Jepp, Lightning McQueen, der Delorean und Andere auf der Autobahn unterwegs waren und als Überschrift stand drüber: Egal, wo die hinfahren, ich will auch dahin!

„Ganz ehrlich, vielleicht begründe ich ja ein neues Genre mit meiner Geschichte.“ „Also mir gefällt die Idee total. Ich hab nicht alles mitbekommen, aber das, was ich mitbekommen habe, gefiel mir.“, stellt sich eine Vierte zu uns. „Naja, es geht um ein Mädchen, dass sich nach der Schule immer bei World of Warcraft einloggt und ab diesem Moment geht es dann um die Spielfigur, die sie spielt. Und für die ist es kein Spiel, sondern ihr echtes Leben. – – Und dann gibt es so coole Dinge, dass die Spielfigur einfach ins Koma gefallen ist, weil der Strom ausgefallen ist.“, erzählt die Gin-Lady euphorisch. „Ganz ehrlich, heutzutage gibt es so viel mit Cyber-Punk dahinter. Mach doch einfach was mit Punk. Steam Punk?“, die Doktorandin. „Aber es ist ja auch eine Love-Interest-Story, wenn ich das jetzt richtig verstanden habe. Die Figur verliebt sich in einen Spieler und die Schüler treffen sich dann auch in der wirklichen Welt und verlieben sich und erleben dann gemeinsam Abenteuer.“, meint die Stillere auf einmal, dass ich sie kurz im Augenwinkel betrachte, dann richte ich meinen Blick wieder auf die Bierzeltgarnitur, auf den Pool und wie sich die tiefstehende Sonne auf das Wasser bricht und das Kinderlachen im Pool noch verstärkt, ein paar kleine Kinderfüße tapsen Barfuß durch den Matsch und erkunden für einige Augenblicke unbeobachtet die Gegend, bis die Kinderbetreuung mit einem großen Schritt hinter ihnen steht und sie mit Schwung hochhebt, dass sie lachen und es bald als neues Spiel verstehen und sich noch mehr freuen; aus dem Augenwinkel habe ich immer noch die Stillere im Blick, frage mich, was sie wohl zu dieser Szene sagen würde – wahrscheinlich fände sie es zu kitschig – bis jetzt hatte sie zwar nur wenig, aber verdammt kluge Sachen gesagt und „Was guckst du?“, stichelt sie in Richtung Gin-Lady. „Ich bewundere nur deine Schönheit.“, „Schleimer.“, faucht sie keck und mir huscht ein erwischtes Lächeln über die Lippen.

„Romance-Cyper-Punk?“, „Cyper-Love-Punk?“, „Sci-Romance-Punk?“ „Punk-Sci-Fi-Romance?“, reden sie noch immer durcheinander. „Punk-Rock?“, werfe ich in die Unterhaltung ein, dass alle lachen. „Beachtet mich nicht weiter. – – Ich wollte nur mal wieder was sagen.“, zucke ich entschuldigend die Schultern und bediene mich mit einem erst vorher fragenden Blick an den Zigaretten der Gin-Lady.

„Hey, sagt mal. Ich bin hier zufällig vorbeigekommen und hab das hier gesehen und mich gefragt, was gibt es denn hier so spannendes?“, bremst einer mit seinem Fahrrad hinter unserer kleinen Gruppe lässig, dass wir uns nicht überrumpelt fühlen, aber überrascht sind, er musste zwischen den geparkten Autos hergekommen sein. „Ähm.“, stockt die Doktorandin, sodass die Stillere meint: „Das hier ist ein Barcamp; ein Literaturcamp, wo sich Autoren, Verleger, Journalisten, insgesamt Leute aus der Buchbranche treffen und sich über bestimmte Themen austauschen, netzwerken.“ „Oh, cool. – – Und wie kann man da mitmachen?“ „Indem du dir ein Ticket kaufst!“, platzt es der Gin-Lady freundlich raus.

„Und wie mach ich das?“, rückt er seine Basball-Cap nochmal gerade. „Jedes Jahr zu Neujahr gegen Null Uhr kannst du dir Karten kaufen.“, hat irgendwer wahrscheinlich geantwortet, ich hab schon nicht mehr zugehört. „oh, dann muss ich wohl nächstes Jahr wiederkommen.“ „Ist auch schon fast vorbei.“, meine ich nur noch. „Genau. Das hat gestern angefangen und endet bald in ein paar Stunden.“, erklärt die Stillere wieder ausführlicher. „Oh, ok. Danke – dann würd ich mal sagen, man sieht sich.“, dreht er sich auf seinem Fahrrad um und fährt gen Sonnenuntergang.

„Wie kann man hier zufällig vorbei fahren und das dann sehen?“ „Keine Ahnung.“, zucke ich unschuldig mit den Schultern. „Wahrscheinlich wegen den Tweets.“, überlegt die Stillere. „Wegen der Tweets.“, korrigiere ich sie nebensächlich. „Ja! Wie oft ich das auch schon falsch gemacht habe. Dabei heißt es immer: nicht wegen dir, sondern deinetwegen. – – Alles für Bastian Sick!“, plappert die Doktorandin wieder und wirft ihre Arme in die Luft, dass ich nur stutzen kann. „Ja, der Autor von Dem Genetiv ist dem Dativ sein Tod. Der heißt Bastian Sick. Ich hab mir das vor längerer Zeit mal durchgelesen, eigentlich eine Schande, dass ich das trotzdem immer wieder vergesse.“, schüttelt sie jetzt nachdenklich den Kopf.

„Ach, ich kann zwar großspurig andere verbessern, aber mach es selbst andauernd falsch.“, lache ich verlegen und alle Drei lachen erleichtert mit. „Haben wir uns eigentlich schon auf Twitter?“, packt die Gin-Lady mein zerknittertes Namensschild, um meinen Twitter-Account zu finden. „Ja, das Ding ist etwas unleserlich.“, entschuldige ich mich, buchstabiere deshalb den Account-Namen. „Ah, Doppel-R gar nicht hinten? Dann bist du gar kein Dortmund-Fan?“, tauschen sie vielsagende Blicke aus. „Ähm, nein.“, bin ich kurz irritiert, auch wenn auf einmal alles klar wird. „Wir sind sozusagen die Gin-Truppe.“, lacht die Gin-Lady. „Der Gin-Fanclub!“, albern sie herum.

„Nach der Session von Benjamin weiß ich jetzt auch, das ich noch einiges richtig machen kann.“, lache ich trotzdem nervös. „Oh, jetzt hab ich einen Ohrwurm.“, lacht die Gin-Lady und haut mir wie eine große Schwester verspielt auf den Oberarm. „Hä?“ „Na, almost heaven. West Virgina.“, singt sie jetzt den ganzen Text und die Stillere nur fasziniert: „Ich könnte das nicht. Ich find das beeindruckend, wenn Leute den Song einfach so singen können. Ich bräuchte da wenigstens immer die Grundmelodie als Playback.“

Und die Doktorandin: „Ich kann das immer, ich muss ja auch. Auf Fasching mach ich das auch immer.“, und so geht es noch ein bisschen; nur schade, dass ich in der Hektik vergessen hatte nach dem Twitter-Account der Doktorandin zu fragen, sie fing nämlich noch von einem Autorenstammtisch an und dass sie immer viel Spaß dabei hätten und es wirkte so, als wolle sie mich dazu einladen und, …

Unterwegs Veranstaltung

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

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