Italienische Märchen Teil 2

„Wie geht denn jetzt die Geschichte mit der Ziege aus?“, lege ich das Kochbuch beiseite. „Das Märchen.“, korrigiert mich seine Schwester und Thomas fängt an zu erzählen: „Die drei Söhne mussten ja notgedrungen in die Welt hinaus ziehen und haben da dann ihr Schicksal gesucht. Der erste Sohn hat eine Ausbildung bei einem Tischler gemacht und hat zum erfolgreichen Abschluss der Ausbildung ein Tischlein bekommen, dass sich von selbst gedeckt hat, wenn man Tischlein, deck dich! gesagt hat.“

„Willst du eigentlich übrigens auch Tee?“, fragt er sie, während sie die Eier mit einem Schneebesen schaumig schlägt und dabei absichtlich mit dem Rücken zu mir gedreht steht, als wolle sie mich jetzt testen.

Er schenkt sich und mir Grünen Tee ein, welchen er schon vor ein paar Wochen als DIE gesunde Kaffee-Variante angepriesen hat. „Das trinken die auch in Gammler, Zen und hohe Berge! – – Schlägt nicht so auf den Magen wie Kaffee!“, hatte er versucht mir den Grünen Tee schmackhaft zu machen und da ich schon einige Arbeitskollegen kannte, die sich immer Blätter des Grünen Tees in einem Beutel aufgießen, war ich nicht abgeneigt ihn zu probieren.

Sie dreht das Radio etwas lauter, sodass ich wieder zurück in die Wirklichkeit komme: „Maybe we can make a deal, maybe together we can get somewhere anyplace is better …“ „Ich liebe diesen Song!“, wippt sie mit dem Fuß und schenkt mir ein Lächeln.

„Der zweite Sohn wird glaube ich Müller und bekommt einen Esel, der alles zu Gold machen kann, wenn man ihn streichelt.“ „Nein, nein! Du musst seinen Schwanz hochheben, dann scheißt er Gold!“, lacht sie. „Stimmt. So war das.“, lacht er jetzt auch. „Und der dritte bekommt einen magischen Sack, in dem ein Knüppel drin ist, der alle Leute verhaut; nicht wahr?“, werfe ich in die Runde. „Ich weiß nur nicht mehr, wie die Geschichte ausgeht.“, nippe ich an dem Tee und verbrenne mich fast, dass ich pusten muss und Luft hole, sie auspuste und mit den Händen Fächer bilde, die mir kältere Luft zuwedeln sollen.

„Warm?“ „Kalter Tee schmeckt ja auch scheiße.“, lache ich. „Die zwei Söhne mit dem Tischlein und dem Esel werden von einem Herbergenbesitzer abgezogen und als der dritte Sohn vorbeikommt, verhaut er die Herbergenbesitzer mit dem Knüppel im Sack und alle kehren reich und glücklich zurück nach Hause.“ „Selbst die Ziege?“ „Selbst die Ziege, denn darum ging die Geschichte ja eigentlich.“, lacht seine Schwester und holt sich Mehl aus der Abstellkammer, gießt das Mehl in eine Art Reibe und zerstäubt so das feine Mehl noch mehr.

„Und was machst du da jetzt?“, frage ich interessiert. „Was wird das hier? Habt ihr Kochstunden bei mir?“ „Ich bin nur interessiert und guck mir halt gerne ein paar Tricks ab.“, antworte ich ehrlich, während Thomas schon mit dem Tee und seiner Tasse in der Hand aus der Küche geht.

„Ich mach das Mehl so kleiner, sodass es im Teig nachher mehr aufgeht – aber lasst mich jetzt ruhig alleine. Ist ja nicht so, als müsste es gleich ans Aufräumen und Abwasch machen gehen.“, sind ihre letzten Worte an uns, denn wir schlurfen schon wieder die Treppe hoch.

„Kann es eigentlich sein, dass ich mit deiner Schwester immer über Märchen rede, wenn ich hier bin? Mir kommt es so langsam vor, als würden wir immer und immer wieder die gleiche Unterhaltung führen.“, lasse ich mich in den Sessel fallen und tausche Teetasse gegen Bierflasche. The papers said Ed always played from the heart he got an agent and a Roadie namend Bart they made a record and it went in the charts the sky was the limit läuft immer noch die Best of Tom Petty CD.

„Weiß nicht – vielleicht in einem Parallel-Universum.“, lacht er. „Ha! Bestimmt passiert das gleich erst und wir gehen gleich erst runter und nerven deine Schwester beim Kuchenbacken und du so: Wovon redet der? Sag ich lieber irgendwas von Parallel-Universen, damit der Ruhe gibt.“ „Alter!“, schüttelt er nur noch den Kopf. „Ok, dann bin ich mal wieder ernster.“, sehe ich ihn immer noch tief in Gedanken über den Parkplatz des Supermarktes neben mir her schlendern, während ich ihm von meiner Zugfahrt erzähle, und kurz vor dem Supermarkteingang hält er kurz inne, schüttelt sich und dreht sich zu den Einkaufswagen um, nuschelt noch sowas wie: „Ich hol uns mal lieber einen Wagen, – soviel können wir nicht tragen.“

Irgendwie mag ich ihn dafür, andererseits erhoffe ich mir von meinem engen Umfeld, dass sie sich diese verdammten Doppeldeutigkeiten endlich mal sparen würden. Ich reagiere nur noch allergisch auf sowas, kann die Leute dann nicht mehr ernst nehmen; vor allem, seit ich das letzte Moin Moin von Rocketbeans gesehen habe, wo Simon und Budi über Burn Out geredet haben und sich über ihre Erfahrungen ausgetauscht haben ständig in der Öffentlichkeit zu stehen und ach, … ich sag ja immer, man merkt erst was man in seinem Leben vermisst, wenn man sieht, wie es eigentlich gehen kann; aber eigentlich wünsche ich mir nur mal Freunde, die genug Eier in der Hose haben, um offen raus zu sagen: „Du machst da gerade ziemlichen Mist.“

„Ich verkneife mir mittlerweile so einige Themen beim Schreiben, weil ich die Befürchtung habe, es läuft wie bei dem Roman 1984, dass die falschen Leute aus der Geschichte lernen und den scheiß dann nicht vermeiden, sondern nachmachen – ach, was soll ich sagen, eigentlich verkneife ich mir einige Themen bloß zu denken!“, lasse ich eine Bombe platzen.

„Oh! Die CIA-Gehirnwellenanalyse!“, platzt es ihm nur noch heraus. „Ja, demnächst siehst du mich nur noch mit einem Alu-Hut durch die Gegend rennen. Soweit ist es schon gekommen.“

„Und was wären das für Themen?“, nippt er nun an seinem Tee und nippt und nippt und nippt, als wolle er sich eine Denkpause gönnen. „Dass diese verrückten Verschwörungstheoretiker über die Gleichschaltung der Medien doch irgendwie Recht hatten. Anders kann ich mir doch nicht die letzte Die Anstalt-Folge vor der Sommerpause erklären mit ihrem Bericht über die Pressevielfalt. Mir kommt es so vor, als ob wir uns in unseren politischen Lagern gegenseitig zerfleischen, während der Neoliberalismus uns und die Erde kaputt macht.“

„Der Kuchen ist fertig.“, steckt sie ihren Kopf ins Zimmer. „Oh, oder seid ihr gerade beschäftigt?“

Kurzgeschichte

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