Italienische Märchen Teil 1

„Ich bin ja leider nicht so ein fünf Sterne Koch wie Philip; deshalb, falls du irgendwas spezielles essen willst, sag Bescheid. Wir müssen gleich eh nochmal einkaufen.“, fährt er vorsichtig um die Kurve, die Anlage im Auto ist still, auch sonst scheint er sich absichtlich entgegen seiner Romanfigur zu verhalten; ganz so, als wolle er mir zeigen: Ich kann auch anders.

„Hab Philip schon lange nicht mehr gesehen.“, um seine Anspielung auf den letzten großen Text direkt zu entkräften – fast zu lange. „Oh, wie kommt’s?“, klingt er dementsprechend fast mitleidig, überrascht und hält auf zwei große Parklücken zu. „Mh.“, zucke ich aber nur mit den Schultern.

„Ja, hat ja auch jeder seinen eigenen Alltag. Da hat man dann wenig Zeit mal wieder was auf die Beine zu stellen. – – Nur schade irgendwie, oder?“, quasselt er wieder vor sich hin, parkt den Wagen und fragt noch, ob er gerade steht, ob er richtig eingeparkt hat, ich solle doch mal eben nachgucken. „Ja, passt schon. – – Alles gut“, steige ich einfach aus ohne nachzugucken.

„Vorhin im Zug haben sich doch echt zwei Typen darüber unterhalten, wer alles einen Führerschein haben sollte und wer nicht. Ganz nach dem Motto, dass sie den und den nicht auf der Straße sehen wollen würden, aber wenn sie mal überlegen würden, was schon alles eine Zulassung bekommen hat und auf der Straße fährt, da wollten sie gar nicht drüber nachdenken; sie diskutierten lautstark, wer mit welcher Einschränkung eine Fahrerlaubnis bekommen sollte oder eben nicht. – – Am liebsten hätte ich denen an den Kopf geworfen: Am besten fängt man bei euch beiden an und nimmt euch den Lappen als erstes wieder weg, um die Straßen wieder sicherer zu machen; hab es aber gelassen.“ „Man erlebt ganz schön viel auf Zugfahrten, wie?“, schlurft er neben mir her über den Parkplatz, holt eben einen Einkaufswagen.

„Mama, darf ich das da?“, rennt ein Kind zu den Joghurts und wird von der harten Hand der Mutter zurück gehalten. „Wir haben zu Hause noch genug. Und jetzt komm.“, zieht sie ihr Kind den Flur entlang. Ansonsten begegnen uns noch ältere Damen mit ihren Töchtern, die einmal in der Woche mit dem Auto mit ihnen einkaufen fahren, weil sie alleine doch nicht so viel schleppen können und junge Pärchen, gut eingespielte Verheiratete und Teenager, die sich für den Freitag Abend mit Schnaps eindecken, alles begleitet vom Supermarkt-Gedudel.

„So; jetzt noch eben tanken, dann können wir nach Hause.“, biegt er auf die Tankstellenauffahrt ein. „Eine Sache weniger, um die ich mir Sorgen machen muss.“ „Ja, in der Stadt zu wohnen hat auch seine Vorteile. – – Man ist auf kein Auto angewiesen.“, kommentiert er flapsig und steigt auch schon aus, geht ums Auto rum und macht diese Tankstellensachen, die man macht, um das Auto zu betanken.

„Wollen Sie Ihrer Liebsten ein Geschenk machen?“, ist noch an der Zapfsäule zu lesen, die restliche Werbung zum Blumenkauf wurde mit einem Hinweis in Comic Sans überklebt: „Bitte nehmen sie aus aktuellem Anlass aus Rücksicht auf unser Kassenpersonal beim Betreten des Kassenraumes ihren Motorradhelm/ Sturmmaske ab.“

Während er tankt, mache ich aus Langeweile das Autoradio an. Er hat gerade Creed – human clay im CD-Laufwerk, der 10te Track der CD beginnt gerade, als ich mich abschnalle, mein Fenster runter mache und absichtlich einmal tief den Benzingeruch einatme. Ich fühle mich glatt in meine Kindheit zurückversetzt, wenn wir mit dem Auto auf langen Wochenend-Trips zu den Museen der Umgebung unterwegs waren und auf dem Rückweg nochmal schnell tanken mussten und rangefahren sind und Mutter fragte, ob wir Durst hätten oder noch was kleines zu essen wollten, weil unsere mitgebrachten Rationen aufgebraucht waren und Vater dann immer meinte, wir wären ja bald zu Hause, das mache er jetzt nicht, wir müssten uns halt noch etwas gedulden; du kannst ja wohl eben zwei Trinkpäckchen mitbringen, meinte Mama immer und Papa brummelte nur etwas von wegen Jaja und kam dann mit zwei Trinkpäckchen, Süßem und einer Apfelschorle für Mama und einem Wasser für sich wieder.

„With Arms wide open i’ll show you everything … oh yeah with arms wide open … wide open.“, biegt Thomas jetzt auf seine Einfahrt ein. Die restliche Fahrt sind wir seltsam still gewesen, haben nur darüber gesprochen, dass er bald mal einen Motorrad-Führerschein machen will und ihm das Risiko dabei durchaus bewusst ist, es genau deshalb ja machen würde und solche Sachen und ich meinte nur noch verträumt mit Blick auf die Landschaft, mir gefiele diese Aussicht, es habe etwas beruhigendes.

Wir bauen noch immer schweigend die Verstärker auf, stimmen die Gitarren und spielen dann etwas, bei mir ist es aber erst ein ungeschicktes Klimpern, was man nicht mal als Warmspielen bezeichnen kann, sodass er mir zeigt, was sie im Moment von der Band einproben. Tom Pettys – Free fallin‘ ist einer der Songs, den er mir auch direkt auf der Gitarre zeigt; für seine Schwester nur nicht so pralle, wie er meint.

„Ist jetzt nicht so fair ihr gegenüber, weil der Song viel Gesang hat, da sozusagen drauf angewiesen ist, sie deshalb übelst gefordert wird.“, entschuldigt er sich fast.

„Du konntest schon immer gut schnell Sachen begreifen, hast immer schnell neue Sachen drauf gehabt; du bist einfach nur stink faul – das sag ich dir immer wieder. Du könntest ein ganz passabler Gitarrist werden.“, stellt er nun die Gitarre beiseite und lässt mich noch ein paar Durchläufe spielen, bis er die Musikanlage aufdreht: Best of Tom Petty, jetzt: Learning To Fly.

„Hier. Das Interview wollte ich dir noch zeigen.“, hält er mir auch schon eine Gitarrenzeitschrift unter die Nase, noch bevor ich richtig sitze. „Eine 1-Mann Band?“, überfliege ich die Überschrift. „Jo, er war erst in einer richtigen Band, mit vier oder fünf Leuten. Die hat sich aber leider aufgelöst und dann hat er nur noch ein Duo gemacht mit einem und sein Bandkollege hat dann auch hingeschmissen und jetzt macht er alleine 120 Auftritte im Jahr. Hier, er spielt sogar Schlagzeug und Gitarre zur gleichen Zeit.“, zeigt er fasziniert auf das Titelbild, wo die 1-Mann Band mit der Gitarre in der Hand hinter einem Schlagzeug steht und an der Gitarre hat er einen Drumstick geklebt, mit dem er einfach das Schlagzeug bedient, indem er die Gitarre vorne runter haut; es sieht total lächerlich aus.

„Der meint auch in dem Interview, dass er es hasst, dass heute immer sofort eine Antwort verlangt wird. Diese digitale Zeit, in der man nicht einmal nachdenken kann.“, fasst er mir die besten Stellen des Interviews zusammen, sodass ich sie nicht selber lesen muss. „Ach, mir geht das auch alles gegen den Strich. Dann soll man auch noch komplexe Inhalte in 140 oder 260 Zeichen zusammenfassen – ich beneide ja alle, die das können.“, brumme ich nur.

„Ich spiel übrigens wieder PayDay 2.“, fängt er ein neues Thema an. „Aber es ist verdammt schwer, wenn man online irgendwelche Punkte sammeln will und keine feste Gruppe hat, mit der man spielen kann. Und dann kommst du mit random Leuten zusammen und die sind alle beschissen. Am Anfang ist jeder beschissen, selbst man selbst. Und niemand will mit dir spielen. Blöd wird es dann, wenn man alleine Missionen anfängt, um nicht mehr beschissen zu sein und man niedergeschlagen wird und die dummen Bots nur neben einem stehen und einen nicht wieder aufhelfen. Dann liegt man da und verblutet am Boden und man kann wieder von vorne anfangen.“, reicht er mir das nächste Bier.

I won’t back down begleitet nun eine Reihe von Spielezusammenfassungen und ich setze dem ganzen wieder die Krone auf durch einen schlechten Witz, irgendwas von wegen: „Neuer Hund, alte Tricks.“

„Wie Stuckrad-Barre in seinem Buch meinte: Irgendwann wussten wir, wie Harald Schmidt seine Witze schrieb.“, kommentiert er die Angelegenheit nur und drückt mir direkt ein neues Bier in die Hand. „Ach, der gute Harald, der Schmidty, der Harald Schmidty. – – Wusstest du, dass Böhmi von Harald Schmidt entdeckt wurde?“, kontere ich mit meinem Halbwissen.

„Sollen wir mal nach unten gehen und was essen?“, bevor du mir noch von zwei Bier betrunken wirst. „Gerne.“ „Geh ruhig schon mal vor. – – Ich stell so lange den Tee an.“, verschwindet er in die Küche.

Unten angekommen treffe ich auf seine Schwester in der Familienküche, sie ist barfuß und tanzt nach einem nur ihr bewussten Rhythmus durch die enge Küche und sucht sich die Zutaten zusammen für einen Rotweinkuchen. „Hi. Hast du Hunger?“, fragt sie und kramt gerade in der untersten Schublade nach dem passenden Kuchenblech und weil sie anfangen will mich zu bedienen, meine ich nur: „Ich kenn mich hier mittlerweile gut aus, danke.“

„Und? Was habt ihr die ganze Zeit da oben gemacht?“, fragt sie, während ich mir ein Brot schmiere. „Haben Dallas Buyers Club gesehen.“ „Oh, den Film kenn ich.“, unterbricht sie mich. „Das beste an dem Film war ja wohl: Wann sind Sie Experte in Aids geworden? Gestern. In der Bib.“, bringe ich sie zum Lachen. „Stimmt. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“, kippt sie die Eier ins Mehl und dabei fällt ihr etwas Eierschale auf den Boden, sodass sie sich vor mir bücken muss und kurz frage ich mich, wie lange man den knackigen Po von der Schwester seines Bandkollegen anstarren darf, bevor man seltsam wirkt und meine nur geistesabwesend: „Ansonsten fand ich den richtig gut.“ „Irgendwie passend, findest du nicht?“, kichert sie nur. „Warum?“ „Na, weil es da auch um einen Cowboy geht, der alles tut, um seinen Traum zu verwirklichen. Thomas hat erzählt, du hast jetzt eine Seite, wo man dich unterstützen kann?“

„Ich finde es ja so krass, dass ihm zwischenzeitlich nur ein verdammtes X vom Staat an der richtigen Stelle gefehlt hat, damit er sich ein legales Geschäft aufbauen kann.“, kommt Thomas ins Zimmer.

„Willst du wirklich nicht noch mehr essen? Reicht dir ein Brot?“, fragt er mich und wundert sich über die komische Atmosphäre. „Passt schon.“, zucke ich verlegen die Schultern und murmle gedankenverloren an dem Brot herum. „Ich war vorhin bei Oma.“, fängt seine Schwester an. „Und die meinte die ganze Zeit, jetzt iss doch mal einer das Brot, bevor es schlecht wird. Und ich meinte, ja, dann iss es doch. Und sie so, ne hab keinen Hunger. Und nach dem Mittagsschlaf meinte sie dann, ihr gebt mir auch nie was zu essen. Ich verhungere hier noch.“ „Mäh.“, macht Thomas eine Ziege nach. „Und dann meinte ich nur, ja dann iss doch das Brot auf. Und sie so, gute Idee.“, lacht sie, weil ihr Bruder wieder eine Ziege nachmacht.

„Ich glaube, dass musst du erklären.“, geht sie kurz in den Abstellraum. „Also da gab es doch mal dieses Märchen von der Ziege, die immer zum Füttern in den Wald gebracht wurde und wenn sie rauskam, dann meinte sie: Sprang über Stock und Stein, hatte aber kein Grün weit und breit – oder so.“ „Kannst du mir mal eben helfen? Wo steht denn der Wein?“, fragt sie aus dem Abstellraum. „Kenn ich gar nicht.“, überlege ich nur laut und höre die Beiden tuscheln. „Der Wein steht auf Kinderhöhe, wie im Supermarkt die Süßigkeiten.“, kommt Thomas wieder in die Küche, grinst und hält die Hand auf Po/Hüfthöhe – so in etwa – und bietet mir sogleich eine Handvoll Süßigkeiten an, da er meinen erschrockenen Blick bemerkt.

„Und der Vater schmeißt den Jungen dann raus, weil er die Ziege nicht gefüttert hat. Und am nächsten Tag geht der zweite Sohn mit der Ziege in den Wald und.“ „Ich kanns mir denken.“, lese ich im Kochbuch das Rezept nach, um mich abzulenken.

„Der dritte Sohn geht auch mit der Ziege raus und wird dann vom Vater rausgeworfen, bis der Vater dann selber mit der Ziege rausgeht und“ „Schlachtet sie dann? – – Ich hab gehört, die originalen Märchen, also die, die die Gebrüder Grimm aufgeschrieben und für die breite Masse tauglich gemacht haben, sollen richtig brutal gewesen sein. Dornröschen soll ja im Schlaf vergewaltigt worden sein, statt durch den Kuss eines Prinzen wachgeküsst zu werden.“, prahle ich. „Das stimmt. Das mit dem Dornröschen weiß ich jetzt nicht, aber dass es da Mord und Totschlag, Vergewaltigungen und Kindstod gab, ist ja weit bekannt. – – Was viele ja nicht wissen, die Gebrüder Grimm sind nicht auf den Dörfern umhergezogen, haben sich die Geschichten von Bauern erzählen lassen, sondern die meisten Märchen, die ursprünglich aus dem Französischen kamen, die wiederum aus dem Italienischen übersetzt wurden und arabische Wurzeln haben, stammten von einer Adeligen. Die Gebrüder Grimm verkehrten ja in den Kreisen adeliger Fräulein und ließen sich die Märchen von ihnen erzählen.“, erklärt sie und ich bin froh, sie nicht unterbrochen zu haben mit meinem Halbwissen, sonst hätte ich mich noch blamiert.

„Wieder was gelernt.“, nicke ich nur anerkennend.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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