Ab jetzt machen sich alle strafbar, die davon wussten

„Und hast du jemanden zum Tode verurteilt?“, komme ich ins Zimmer, schon auf dem Flur habe ich von weitem seine Schöffenstimme gehört. Verlegenes Lachen, dann nur ein ertapptes: „Was machst du denn hier?“ „Ich wollte nur was abgeben – hast du nicht einen Gerichtstermin?“, frage ich nochmal, diesmal direkter.

„Hehe – nein ähm …“, stammelt er immer noch verlegen, völlig überfordert. „Also ja, hatte ich – woran hast du das erkannt?“ „Du hattest heute Morgen ein gutes Hemd an, hab dich in der Bahn gesehen. Jedes Mal, wenn ich dich in einem guten Hemd sehe, weiß ich: Er hat einen wichtigen Gerichtstermin.“ „Ja, oder?“, lacht er jetzt befreiend, wie geplant.

„Also, ähm … leider mussten wir heute einen Antrag von einer Betroffenen ablehnen und sie verließ den Gerichtssaal mit dem Kommentar: Ok, dann fahr ich gleich vor den nächsten Baum.“ „Wow.“, unterbreche ich ihn überrascht, damit habe ich einfach nicht gerechnet. „Sowas darf man nicht auf die leichte Schulter nehmen.“, kommt von seinem Kollegen. „Ja, natürlich.“, antwortet dieser schnell. „Wir haben es auch gleich in die Akte aufgenommen. Ich meine, was kann man da tun? Von den Männern im Saal kam dann nur: Ja, ok und die Frauen: Oh Gott – aber wir können da ja nichts tun.“, rechtfertigt er sich.

„Und du? Was machst du jetzt mit deinem angebrochenen Tag?“, richtet der Kollege das Wort an mich. „Ich treffe mich mit einem Freund in der Stadt.“ „Warte, dann komm ich mit. Ich muss auch in Richtung Stadt.“ „Ja, dann können wir ja ein Stück zusammen gehen.“, antworte ich erleichtert, froh nicht alleine zu sein.

„Hey, wo bist du? Ich steh vor deiner Tür.“, schreibe ich ihm übers Smartphone. „Einkaufen. Bin gleich da.“, und als er endlich da ist, kommt so ein dummer Spruch von wegen: „Komm’se rein, könn’se rausschauen.“ – was schon ironisch ist, da er seine Wohnung im Keller hat. Als er die Einkäufe wegräumt, entschuldigt er sich: „Tut mir leid für das Chaos, aber da es nur du bist, hab ich gedacht, what the heck?“ „Nach dem Motto, ist ja nur Stefan. Lohnt sich sowieso nicht?“, bediene ich mich am mitgebrachten Eis. Mir ist es aber eigentlich auch egal, dass hier dreckiges Geschirr herumsteht, dass er seine Einkaufstasche einfach in die Ecke wirft auf einen undefinierbaren Haufen Plastiktüten und die Einkäufe im Kühlschrank übereinander stapelt, es sieht aus, als ob hier echte Menschen leben und verdammt, ich hab sowas einfach vermisst.

„Hast du noch gut hergefunden? Ich weiß ja, dass du bis jetzt nur ein – zwei Mal hier warst. Ich hätte dir auch die neue Adresse nochmal schicken können.“ „Ach. Kein Problem. Ich bin ja jetzt hier.“, spielt er auf unsere Whatsapp-Unterhaltung an, in der ich wahrscheinlich etwas verloren wirkte. „Ich war ja nicht alleine.“, entschärfe ich seine Bedenken. „Uh! Lustige Geschichte. Der Typ sprach mich vorhin auf Trumps Friedensnobelpreis an und ich erwähnte dann nur, dass man ja nicht so viel braucht, um nominiert zu werden. Es müssen nur soundso viele Abgeordnete eines Parlamentes beim Friedensnobelpreiskommitee eine Nominierung aussprechen und darauf meinte er nur sowas wie, dass das wahrscheinlich als positive Belohnung angedacht war. Jedes Mal, wenn Trump zufällig etwas gut macht, wird er belohnt. Konditionierung. Positives Verhalten bestärken und negatives Verhalten bestrafen und dann fragte er mich doch glatt, ob mir hier irgendwas bekannt vorkommen würde. – – Als ob ich sowas nicht durchschauen würde. Ich meinte dann nur, ich find den Weg von hier auch alleine und bin ohne ihn weiter gezogen.“

„Ha! – – Also.“, will er anfangen, aber weiß wahrscheinlich nicht wo: „Aber hat Trump den Friedensnobelpreis wirklich für die Deeskalation des Korea-Konflikts verdient?“, helfe ich ihm deshalb auf die Sprünge; ich lasse die Leute dieser Tage mit ihrem Blödsinn viel zu leicht davon kommen. Vielleicht hat mich die Zeit im Büro abgestumpft, vielleicht ist es der alltägliche Wahnsinn, der mich mürbe gemacht hat, vielleicht sind es auch einfach nicht die Anderen, sondern mein Feuer erlischt so langsam, ich werde einfach alt.

„Ich glaube sogar, Trump hat da keinen großen Anteil dran gehabt.“, nimmt er zwei Biere aus dem 6-Pack, öffnet beide und reicht mir eines, sodass ich nun Eis in der einen und Bier in der anderen Hand habe und je länger er erzählt, desto mehr fange ich an ihm zu glauben. „Der neu gewählte südkoreanische Präsident ist nämlich voll der Friedensvertreter. Bevor er als Präsident gewählt wurde, war er Anwalt für Menschenrechte und wurde sogar von der Uni geworfen, ins Gefängnis gesteckt, weil er damals gegen ein Militärding protestiert hatte. Ich kann dir gleich ja mal seine Wiki-Page zeigen. Da steht alles interessante drin – nicht unbedingt die deutsche, die englische Seite ist da ausführlicher.“, stößt er mit meinem statisch in der Hand gehaltenen Bier an, sodass ich nur am Eis lecke und ihm in sein Zimmer folge, was auch voller Leben ist, D&D-Regelbände stapeln sich auf seinem Tisch neben Pizzakartons mit Pizzaresten, Büchern aus der Bib und leeren Bierflaschen.

„Ähm, muss nicht. Mich interessiert sowas nur noch perifär.“, dafür hab ich im Moment genug eigene Probleme. „Ok, ähm … wie du meinst. – – So, du wolltest meine Deadpool-Comics haben, hast du gesagt?“, fragt er um zum Tagesgeschäft über zu gehen. „Genau. Ich würde die mir ja selber kaufen, aber.“ „Yeah, i know.“, unterbricht er mich. „Ich find das immer so klasse, wenn mich Bettler auf der Straße ansprechen und nach etwas Kleingeld fragen und dann gibt man ihnen was, obwohl man genau weiß, dass man selbst blank …“ „Geht doch jedem so, wir haben es alle nicht dicke. – – Kannst dich gerne umgucken, kannst auch noch mehr mitnehmen. Ich hab auch den legendären Maus-Comic.“, fängt er schon wieder an mir alles mögliche aufschwatzen zu wollen.

„Wie ich sehe, guckst du immer noch Rick and Morty?“, zeige ich auf seinen Bildschirm. „70ig neue Episoden sollen kommen! – – Ich finde es zwar schade, dass sie die dritte Staffel episodenhaft gemacht haben, aber mit der Folge“, macht er jetzt Episode 7 von Season 3 an: „The Ricklantis Mixup haben sie wirklich einen großen Hit geleistet. Alle, mit denen ich gesprochen habe, waren der Meinung, sie war klasse. Sie hat die Story wirklich vorangebracht. – – Ich wünsche mir wirklich mehr davon.“ „Tja, ist aber kein beschissenes Wunschkonzert. Du kannst nicht einfach zu Dan Harmon fahren und ihn darum bitten andere Folgen zu schreiben.“, werfe ich den Eisstiel in den Mülleimer. „Naja, man kann ihn auf ein Bier einladen, betrunken machen und versuchen ihn zu überzeugen.“, zwinkert er mir zu.

„Oh, wie ich sehe, hast du auch John Wick.“, gehe ich seine Blu-Ray-Sammlung durch. „Wusstest du, dass er.“, „Ja, er hat drei Leute mit einem Bleistift getötet!“, will ich ihn schon wieder mit meinem Wissen nerven, er beendet aber das Zitat, lehnt sich deshalb zufrieden in seinem Schreibtischstuhl zurück. „Hast du gehört, sie drehen jetzt den dritten Teil?“, macht er sein Bier in einem Zug leer. „Ne, ich hab noch nicht mal den zweiten Teil gesehen. Worum geht es da denn? Lohnt er sich? Haben sie diesmal seine Katze getötet? Seine Privatsphäre gestört?“ „Der zweite Teil hat sogar eine halbwegs interessante Story, wie ich finde.“ „Ja, aber du guckst Christopher Nolan-Filme ja auch nicht, weil du die Schauspieler magst.“, kontere ich. „Ja, – das stimmt. Da hast du wohl Recht. John Wick guckst du wegen des Gun-Fu.“, lacht er und sieht, dass ich die Hülle genauer begutachte, hält deshalb erst einmal die Klappe.

„Du hast ja auch die Spiderman-Trilogie.“, stelle ich John Wick wieder weg. „Die alten Peter Parker Filme mit Toby Macguire waren gar nicht mal so schlecht.“, verteidigt er seine Sammlung. „Nein, ich gebe dir da völlig Recht. Im dritten Teil haben sie wunderbar das Motiv des Größenwahnsinns beschrieben, wie ich finde. Ich hab da letztens einen Video-Essay zu gesehen, Venom verstärkt ja die Eigenschaften des Wirtes und da sich Peter Parker am Ende des zweiten Films völlig als Spidey identifiziert, steigt ihm sein Erfolg in den Kopf und das noch vor der Begegnung mit Venom. Es ist wirklich schön mit anzusehen, wie er erst so richtig auf die Fresse fliegen muss und sich erst wieder seiner Menschlichkeit bewusst werden muss, bevor er Venom und die Sandkreatur mit dem Goblin zusammen bekämpfen und seine Freundin retten kann – wenn ich so darüber nachdenke, war das Video-Essay besser als der Film.“, kratze ich mich am Hinterkopf.

„Apropos Essay. Arbeitest du im Moment an irgendwas oder hast du nach dem ganzen Mist die Schnauze voll davon? – – Ich meine, ich könnte das gut verstehen, wenn du einfach alles hinschmeißen würdest. Erst die Sache mit deinem Manuskript, dann die Sache mit deinen Accounts, du hast ja gar keine Zufluchtsorte mehr. Ich könnte es voll verstehen, wenn du dich an allen rächen willst und sie so mit in den Abgrund ziehen würdest – ich würde sowas gerne lesen.“, lacht er jetzt verlegen und reicht mir das nächste Bier.

„Ach, ich will doch keine Abrechnung schreiben. – – Wozu auch? – – Lohnt sich doch sowieso nicht, die Idioten werden es nie lernen. – – Aber sowas versuche ich gerade in einem neuen Text zu verarbeiten. Der Arbeitstitel heißt: Ab jetzt machen sich alle strafbar, die davon wussten und nichts getan haben!“ „Wow, starker Titel.“, öffnet er sein Bier mit einem lauten Plopp.

„Es geht im Groben darum, dass ein Schriftsteller selbst von seinem engsten Umfeld beklaut und belogen wird, er deshalb schon anfängt seine Sachen in eine Schublade zu sperren, seine Tagebucheinträge zu verschlüsseln. Warum sie dies tun, muss ich noch ausarbeiten, ob es aus Angst geschieht darin aufzutauchen oder weil er halt sonst nichts von sich preis gibt, – i don’t know yet.“ „Weißt du, das ist wirklich interessant. Kennst du zufällig dieses Nummern-Rätsel, was Grundschulkinder sofort lösen können, aber Erwachsene scheitern daran? Da steht dann zum Beispiel: … ach, keine Ahnung. Gelesen wirkt es besser. Der Trick daran ist, die Kreise zu zählen. 8 hat zwei Kreise, 6 einen und so kommst du dann auf das Ergebnis.“ „Ja, kenn ich. Hast du von dem Künstler gehört, der einen Auftrag gekriegt hatte ein Kinderbuch zu illustrieren und eine Schatzkarte darin versteckte? Das Kinderbuch wurde direkt zum Verkaufsschlager und es wurde nur gelöst, weil einer mit der Kindheitsfreundin des Malers befreundet war und sie ihm Tipps gegeben hatte, wo dieser sich immer rumgetrieben hatte.“ „Wow, klingt spannend. Und wie geht die Geschichte weiter?“ „Achja, also deshalb schließt er seine Manuskripte und Ideen weg, doch auch da wird eingebrochen und die Leute, die eingebrochen sind, sind völlig perplex, weil es in der Geschichte um einen geht, der ein Loch in der Brust hat und dadurch all seine Gefühle herauspurzeln und einfach so auf die Straße fallen. Erst sind die Leute angewidert davon, dann feiern sie es, haben sich daran gewöhnt und sehen es als bald Selbstverständlichkeit an, bis es dem Kerl zu viel wird, er seine Brust verbarrikadiert, sodass einige in der Nacht einfach einbrechen und in seiner Brust herumwühlen. Daraufhin stürzt er sich von der nächsten Brücke.“ „Wow.“, hat er die Rick and Morty Folge während der Geschichte irgendwann pausiert, um sich besser auf die Einzelheiten konzentrieren zu können.

„Am Ende kommt es aber anders als erwartet; denn der Schriftsteller wird wegen seinen in dem Text geäußerten Gedanken weggesperrt, man untersucht ihn und alles und niemand glaubt ihm, dass er ihnen nur eine Lektion erteilen wollte.“ „Hehehehe – ja, kann ich mir vorstellen.“, gesteht er und macht die nächste Folge Rick and Morty an, sodass ich mich zu ihm an den Schreibtisch setze und das nächste Bier in die Hand gedrückt bekomme mit dem Kommentar: „Bist du sicher, dass die Leute sowas lesen wollen?“

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

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