Rafiki – Friend

Irgendwie kommt sie auf Kinderfilme zu sprechen.

„Ich mag ja König der Löwen, einer meiner Lieblingsfilme, musst du wissen. Die Szene mit Rafiki, wo er Simba erklärt: Es ist in der Vergangenheit. Ja, die Vergangenheit kann weh tun, aber so wie ich das sehe, kannst du entweder versuchen davonzulaufen oder daraus zu lernen.“, isst sie heute mal nichts, nur ich beiße in diese zarten Hähnchenfilet-Streifen.

„Ich finde es ehrlich gesagt klasse, dass sie bei König der Löwen Shakespeares Hamlet verarbeitet haben.“, fange ich wieder an und tunke das auf die Gabel aufgespießte Fleisch in das Joghurt-Dressing. „Ja?“ „Ja, klar. – – Ich meine, Onkel bringt Vater um, um König zu werden, Sohn sieht Geist seines Vaters und rächt den Vatermord, nachdem er sich eine Zeit lang mit einem Erdmännchen und einem Warzenschwein von Käfern im Dschungel ernährt hat – ein Shakespeare-Klassiker!“, versuche ich wieder witzig zu sein, weil ich Angst habe, sonst hört sie mir irgendwann nicht mehr zu.

„Ich glaube, DAS ist jetzt nicht in Hamlet passiert, aber ich verstehe, was du meinst.“, lacht sie trotzdem. „Ich meine, die Simpsons sind doch ein gutes Beispiel. Immer, wenn ich heute einen Klassiker in der Hand habe, dann wundere ich mich kurz, gab es da nicht sogar mal ’ne Simpsons-Folge zu. Die haben es nämlich geschafft, diese schwere Themen, mit denen die Macher groß geworden sind, kindgerecht zu verarbeiten und so schon den Kindern dieses Wissen zu vermitteln. Deshalb sind wir wahrscheinlich auch weiter als unsere Eltern. Ich bin davon überzeugt, dass erstens Geschichten eine immense Kraft haben auf Kinder und dass zweitens die Gesellschaft davon nur profitieren kann, wenn man die wichtigen Erkenntnisse einer Generation kindgerecht verpackt und den Kindern so schon von klein auf vortischt.“

„Ja? Also ich mochte ja damals unglaublich gerne die Teletubbies. Dipsy, Laa-Laa, Po, and Tinky Winky.“, erzählt sie jetzt, als wolle sie sagen, wo liegt da der erzieherische Wert. „Nun, da wären wir wieder bei der gleichen Argumentation, die du vorhin gebracht hattest. Ich würde nämlich sagen, die Teletubbies waren ein Graus in der Kinderunterhaltung, so wie du heutzutage die meisten Kinderserien grausam findest, fand ich die Teletubbies grausam.“ „Mhm. Ja, stimmt. Da hast du vermutlich Recht. Da hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Der berühmte Generationenunterschied.“, spielt sie auf unsere sieben Jahre zwischen uns an.

„Aber, und das darfst du nicht vergessen. Es gab damals, genauso wie heute, auch gute Kinderserien, die wirklich gute Arbeit geleistet haben in der Entwicklung von Werten, Moral und dem ganzen Mist und gleichzeitig gute Unterhaltung waren.“, will ich schon zu Beispielen ausholen, aber plötzlich steht der Kellner neben uns und fragt: „Darf es noch was sein?“, dass ich völlig aus dem Konzept gebracht bin.

„Ich hasse es, so überrumpelt zu werden.“, flüstere ich ihr zu. „Genauso vorhin, als ich schon in Gedanken beim Treffen mit dir war, standen auf einmal meine Freunde vor der Tür und wollten mit mir anstoßen. Total nette Geste, aber so ganz ohne Vorwarnung war das schon blöd.“ „Du hättest sie auch mitbringen können.“, ist sie mal wieder viel klüger als ich. „Mh, ja. Da hab ich ehrlich gesagt gar nicht drüber nachgedacht. Egal, ich treffe mich dann morgen mit ihnen.“, spieße ich den nächsten Hähnchenfilet-Streifen auf und kratze den letzten Rest Dip aus dem kleinen Töpfchen.

„Weißt du, meine Ausbilderin ist schon seltsam. Da hab ich dir schon von erzählt. – – Manchmal frage ich mich wirklich, wie sie von einem Moment auf den Anderen so verschieden sein kann. Als ob zwei verschiedene Personen in ihr wohnen, im einen Moment kann sie super streng sein und folgt den Regeln und im nächsten Moment ist sie so fröhlich und kann Lachen wie sonst was. – – Letztens, da war ich in ihrem Büro und da hatte sie gerade ein Gespräch mit einer Vorgesetzten und ich saß dann da und wartete darauf, dass sie auflegt und sich um mich kümmert und in der Zeit habe ich mir ihre Familienfotos auf dem Schreibtisch angeguckt.“ „Man kann nicht weggucken, hab ich nicht Recht?“, unterbreche ich sie. „Ja! Genau, man will ja nicht neugierig sein, aber wenn sie so auf dem Schreibtisch stehen, und ich hatte einfach nichts besseres zu tun. Ich meine, soll ich die ganze Zeit Löcher in die Luft gucken? – – Und hab mich gewundert, weil sie da einfach eine ganz andere Person drauf war. Sie strahlte richtig beim Segeln und Schnorcheln und wenn du sie im Büro siehst, dann glaubst du nicht, was sie noch so alles kann.“, fängt sie beeindruckt an und dreht ihren Strohhalm im Cocktailglas, so als wolle sie mich nicht angucken.

„Wahrscheinlich spielt sie einfach nur zwei Rollen. Sie ist deine Ausbildern und muss dir die Wichtigkeit von irgendwelchen Regeln erklären, ohne die es nicht geht und am liebsten würde sie selbst wahrscheinlich auf die Regeln verzichten.“, erkläre ich dürftig. „Nein, du verstehst nicht. Ich meine, man hört ja so Geschichten und die kann privat richtig abgehen, aber dann siehst du sie auf dem Flur im Büro oder triffst sie im Meeting und sie ist einfach nur da. Als hätte sie nie auch nur eine Minute daran gedacht, mal auch nur eine Partyeinladung schief anzugucken.“, schaut sie endlich hoch vom Boden ihres alkoholfreien Cocktails.

„‚Tschuldigung. Darf ich mal?“, entschuldigt sich der Kellner und grätscht dazwischen, sammelt die leeren Getränke ein, stellt uns neue hin und macht Striche auf den Untersetzern, obwohl er sich die Bestellung vorhin in seinen kleinen Kassencomputer eingetragen hatte und nachher beim Bezahlen trotzdem nochmal fragen wird, wer was hatte.

„Wo waren wir gerade?“, fragt sie. „Weißt du, da möchte ich ansetzen. Ich bin der Meinung, und da gehe ich ganz konform mit dir, man sollte Kinder nicht bevormunden und auch nicht in Watte packen und ihnen auch mal eine Figur vorsetzen, die stirbt. Sowas brauchen sie, um die Realität zu verstehen. In Harry Potter sterben schließlich auch Menschen.“ „Ich dachte, das Thema hätten wir beendet.“, antwortet sie mir nur und spielt mit dem neuen Strohhalm herum, diesmal ausgelassen, zufriedener. „Ich war noch nicht fertig. Ich bin nämlich der Meinung, Kinder können so viel von richtig gut geschriebenen Kinderbüchern lernen, dass ich es fast als eine Herausforderung sehe, bald mal ein Kinderbuch zu schreiben.“, Erich Kästner hatte schließlich vor seinen Kinderbüchern auch die übliche Sturm und Drang-Phase hinter sich gelassen, hatte die üblichen Studentenparty-Geschichten geschrieben; wieso soll ich das nicht auch können?

Und weil sie nichts weiter sagt, sondern nur einen großen Schluck aus dem Cocktail-Glas nimmt und mich dabei mit diesem fragenden Blick fesselt, erkläre ich weiter: „Kinder sind noch empfänglich für Botschaften, Erwachsene kann man nur schockieren, um sie aus ihrer Filter-Blase herauszuholen. – – Ich möchte einfach nur genug Geld verdienen, damit ich ausreichend Ruhe habe, um mein Kinderbuch zu schreiben.“, gestehe ich. „Es ist schön Träume zu haben.“, kommt nur von ihr wie von einer Lehrerin, die dem x-ten Jungen erklärt, dass er gerne Astronaut werden kann, wenn er will, es aber keine einfache Sache wird.
„Ich habe auch schon seit gut einem Jahrzehnt diese Idee für eine Kinderbuchgeschichte im Kopf. Es war einmal …“

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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