Die Open Air Festival-Sause

Wenigstens laufen hier keine Typen rum, die ein Peace, Love, Respekt, Vegan-Mode T-Shirt-Ding an haben und dann in eine Bratwurst reinbeißen, war mein erster Gedanke, als ich mit Arnold auf dem Open-Air-Festival ankam und wir unsere Fahrräder abschlossen. Mein zweiter Gedanke war, das ergibt einen guten Artikel, wenn ich unsere Kindheit mit der Kindheit von denen vergleiche, die hier auf diesem etwas anderen Straßenfest zwischen den Stehtischen rumtoben dürfen, während die Eltern am Bierstand stehen und sich unterhalten.

„Ist bestimmt deren Highlight der Woche.“, meint Arnold bezüglich der Kinder. „So wie unser’s.“, platzt es mir heraus und direkt hinterher: „Das ist schon ein bisschen traurig, oder?“, worauf er sich nur umdreht und Pommes holen geht.

„Und, was denkst du gerade?“, fragt mich Michael, als er meinen forschenden Blick zu den drei Tribünen bemerkt. „Mir fällt da gerade der Song von The Screenshots ein, Vor der Bühne ist noch Platz.“ „Ja, vor der Bühne ist noch Platz. – – Hat ja auch gerade erst angefangen.“, „Aber ich dachte, die erste Band wäre gerade schon fertig?“ „Die Band kenn ich gar nicht!“, kommentiert Tom als Einziger richtig und fängt an, bei uns die Kurzenbecher vollzumachen. Er dreht sich um und befüllt die Becher der Anderen, in der Zeit gucken wir uns nur an, zucken mit den Schultern und machen die Kurzen in einem Zug leer, dass er, als er sich wieder zu uns umdreht, unsere Kurzenbecher ohne zu fragen noch einmal befüllt, sodass wir nun endlich gemeinsam anstoßen können.

„Wann wollte Hendrik nochmal kommen?“, guckt Michael auf die Uhr. „Keine Ahnung, so gegen acht.“, meint Einer und der Andere verteilt gerade wieder Kurzenbecher an die Umstehenden und mit jeder Kurzenrunde kommen mehr zu unserer kleinen Runde dazu, bald sind es mir zu viele Menschen und mein kleiner Trick, ein bisschen Abstand zu gewinnen, indem ich raus gehe Rauchen, klappt gerade leider nicht, da wir ja draußen sind, deshalb bin ich einfach so unverschämt und rette mich mit jeder Zigarette aus dem Gelächter, den Gesprächen und den vielen neuen Eindrücken, indem ich zwei drei Schritte weg von den anderen Menschen mache und Abstand gewinne – kein Wunder, dass alle Welt glaubt, ich sei Autist; was eigentlich schon eine Beleidigung gegenüber Autisten ist, denn die haben es viel schwerer als ich.

„Wahrscheinlich musste er noch Becher suchen.“, stoße ich Michael in die Seite, denn Hendrick hatte ungefähr fünf Mal zur Vorbereitung in den Gruppenchat gefragt, ob wer Becher hat und ob er noch welche besorgen soll – wahrscheinlich war das wieder irgendeiner ihrer verfluchten Tricks mich darauf aufmerksam zu machen, dass es ganz schon dämlich war fünf oder sechsmal hintereinander in kurzer Zeit in sozialen Medien von der Patreon-Page anzufangen. (Weil es ja auch ein Verbrechen ist, gutes Geld für gute Arbeit zu verlangen.)

„Hey, da kommt Hendrik. – – Ob er wohl Becher dabei hat?“, wiederholt Michael meinen Witz für die Anderen und erhält die Lacher.

„Hendrik! Hendrik!“, rufen zwei Mädels, die am Pommesstand in der Nähe standen und ständig zu uns rüber guckten. „Wer sind denn die Beiden?“, fragt Arnold direkt und gibt Hendrik keine Chance uns gegenseitig vorzustellen. „Das sind meine Cousinnen.“ „Nur sie, ich nicht.“, lächelt die Eine und die Andere: „Ja, seine Oma ist meine Patentante.“ „Aha.“, „Aber dann seid ihr ja gar nicht.“, „Wait! What? – Also seid ihr gar nicht?“, reden sie durcheinander und lachen. „Hey, Stefan. Was meinst du, wie alt die sind?“ „Auf jeden Fall noch keine 18; die haben noch keine Sorgenfalten im Gesicht.“, antworte ich Michael, obwohl ich nicht weiß, worauf er hinaus will und weil er schon wieder so guckt: „Auch keine Lachfalten.“

„Hey. Wie geht es euch? – – Lange nicht mehr gesehen!“, schreit sie uns fast an, dass ich etwas zusammen zucke und meinen Kurzenbecher verschütte. Nach den üblichen Fragen was wer wie macht und als Arnold meint, dass sie ja wohl gerade privat hier sei und nicht dienstlich, wir also nichts zu befürchten hätten, nicht weggesperrt werden können, fragt sie mich doch allen ernstes, wie das denn mit dem Studium so geklappt hat und ob ich immer noch schreiben würde, ich habe damals ja schon so viel in der Schule geschrieben und nachdem ich etwas herumgestottert hatte, meine ich nur: „Ach, eigentlich ist es ganz simpel. Ich gehe zur Arbeit und schreibe in meiner Freizeit.“, da ist doch nichts großes dabei und weil sie davon irgendwie eingeschnappt war, frage ich sie nur noch, wie es denn ihren drei Katzen gehen würde, weil ich die damals nach dem Abitur mal am Ende eines feucht fröhlichen Abends gestreichelt hatte und dann meinte sie wie auf dem falschen Fuß erwischt sowas wie, ich habe nur zwei Katzen und wie durch einen Zufall spielt die Band gerade ein ziemlich gutes Cover von Arschloch von Die Ärzte.

Als sie anfängt von ihrem Freund zu schwärmen, dreh ich mich einfach um zu Hendrick und seinen zwei Cousinnen, die nicht seine Cousinnen sind und höre nur: „Willst du Fotos sehen, als Hendrick noch ein kleiner, süßer Fratz war?“, also sagte ich nur sowas wie: „Ist es unverschämt, wenn ich mich jetzt wieder zu der anderen Konversation umdrehe?“

Ein festes und entschlossenes Ja von Hendrik fesselte mich so lange an Ort und Stelle, bis Arnold wieder zur Pommesbude marschierte und mich bat mitzukommen. „Der hat gerade Musclephase, deshalb isst der ununterbrochen.“, erklärt Michael unserer alten Bekannten aus der Schule das viele zum Pommesbudenlaufen.

„Mega das Chaos hier.“, tuschelt Arnold mir zu, als sich zwei vorgedrängelt hatten zum Bestellen. „Ja, geht ja zu hier wie auf einem Punkrock-Festival.“, konterte ich nur.

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