Der Besuch

„Ich hab deine Bücher vergessen.“, werfe ich mit letzter Kraft meine Tasche auf’s Sofa. „Dann muss ich wohl nochmal wieder kommen.“, werfe ich mich erschöpft daneben ins Polster. „Ich erkenne so langsam ein Muster.“, setzt er sich ebenfalls und grinst, weil es jetzt schon mit Sicherheit das dritte Mal in Folge ist, dass ich seine Bücher vergessen habe.

„Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung mehr, welche Bücher du noch von mir hast.“ „Duh, gute Frage. – – Ich glaube das Baumbuch hast du schon zurück. Und Chomsky.“, überlege ich laut. „Echt? Chomsky hast du mir schon zurück gegeben?“, fragt er verwirrt. „Glaube schon. Wer beherrscht die Welt, hab ich auf jeden Fall schon gelesen.“ „Dann muss ich nochmal in meinem Bücherregal danach gucken. – – Fun fact: Den Film Network, den du mir empfohlen hast, da geht es ja auch darum, wer die Welt regiert und das es eigentlich schon lange keine Nationen mehr sind, sondern irgendwelche Unternehmen, die die Welt besitzen. Den Film hat mir damals einer in meiner Stammkneipe empfohlen, eben wegen dieser einen Wutrede, die du mir geschickt hattest.“ „Ja? Krass.“, stöhne ich wenig begeistert und entledige mich gekonnt meiner Jacke, indem ich wie wild mit meinen Armen wedele und dabei laut über meine eigene Unzulänglichkeit fluche. „Geht’s?“ „Ne, Mann. Ich brauch mal ’nen Moment, um zu verschnaufen.“ „War der Weg hierher so anstrengend?“, ist er auf einmal ganz fürsorglich. „Oder die Arbeit? Der Alltag zu viel für dich?“, macht er sich auch schon wieder lustig darüber. „Ach, lass mich einfach mal kurz“, beende ich den Satz nicht mehr und krame in meiner Umhängetasche nach Tabak und Blättchen, Filter und Feuerzeug.

„Hast du gut geschlafen? – – Willst du was essen? – – Kann ich dir irgendwas anbieten? – – Was zu trinken vielleicht? – – Wie war die Arbeit? – – Hast du irgendwas erlebt, was du mir unbedingt erzählen willst? – – Wie geht es dir denn heute?“, tut er auf interessierte, fürsorgliche Mutter. „Ich bin einfach froh Urlaub zu haben. Aber danke der Nachfrage.“ „Ich will nur nicht, dass du dich langweilst. Ich will nicht, dass du dich von mir vernachlässigt fühlst.“, tut er auf einmal auf Kommunikationsweltmeister. „Ich will auch nicht, dass du dich langweilst. Aber der Büroalltag und dann noch die Zugfahrt hierher, das hat mich einfach ausgepowert. Ich bin einfach erschöpft.“, gestehe ich.

„Du langweilst mich nicht. Schließlich hab ich meinen coolen Beruhigungstee. – – Willst du vielleicht einen Kaffee?“ „Ha. – – Ne, danke. Das ist nett gemeint, aber sonst spring ich nachher im Dreieck.“ „Willst du einen Kaffee und einen Beruhigungstee?“, rührt er vorsichtig seinen Tee um. „Dann springst du nicht, sondern tigerst nur.“, lacht er jetzt. „Ich dachte, du fragst nie!“, lache ich erleichtert, lehne aber ab: „Nein, danke. Wirklich nicht. Ich muss gleich noch Bus & Bahn fahren. Dann will ich nicht komplett weggetreten sein von deinem asiatischen Wundertee.“

„Ja, kann ich verstehen. – – Hast du die neue Serie Orville gesehen?“, will er ein neues Thema anstoßen, ganz so, als hätte ich ihm gerade nicht fünf Minuten lang versucht zu erklären, dass ich gerade nicht aufnahmefähig bin. „Ich hab ein paar Folgen gesehen, ja.“ „Ich finde ja, so vom ersten Eindruck her, dass sie, also wenn James Bond Archer ist, dann ist Star Trek Orville, verstehst du? Den Vergleich fand ich sehr treffend, hab ich irgendwo gelesen. Wenn du sie dir mal anguckst, dann ist Orville so eine Serie, die man genauso damals erfunden haben könnte, als man mit seinen Freunden betrunken auf dem Sofa saß und Star Trek gesehen hat. – – Zum Beispiel die Szene mit dem Roboter, der keine menschlichen Interaktionen versteht und nach einem Streit dem Typen einfach sein Bein amputiert; – ich meine, wenn du die Szene logisch weiter denkst, dann muss der ja dem Typen das Bein amputieren!“

„Aber genau da setzt doch meine Kritik an.“, unterbreche ich ihn, lehne mich dabei entschlossen vor. „Vorher, also die Folge hat ja angefangen mit einer Szene aus Seinfeld.“, verhaspele ich mich schon wieder. „Gott, ich …“, gehe ich mir durch die Haare, hab eigentlich so gar keine Lust auf lange Erklärungen, setze mich aber in den Schneidersitz und: „Das hab ich gar nicht mitgekriegt.“, gesteht er. „Wahrscheinlich warst du da wieder am kochen.“ „Mh, das kann gut möglich sein.“, rutscht er auf dem Sofa wieder in eine entspanntere Position, sodass ich weiter mache: „Da guckten sie die Folge Seinfeld, wo sie einer Operation beiwohnten und lange Rede kurzer Sinn, dank einer Handgreiflichkeit im Publikum fiel eine Rosine in die offene Operationswunde und das haben die dann in der Folge von Orville versucht weiterzuführen.“ „Das ist mir gar nicht aufgefallen.“, schüttelt er nachdenklich den Kopf. „Und natürlich hast du Recht, fängt der Roboter dann an, dass er das nicht versteht, warum das lustig sein soll und das so eine Operation doch sehr gefährlich war mit all den Infektionsrisiken damals und der Typ erklärte ihm dann, es sei ein practical joke. – – Natürlich hat er dann angefangen dem Typen als Revanche das Bein abzunehmen; als practical joke – nur solche Dinge. Ich meine, natürlich ist es lustig, etliche gute Ideen, die aber leider nicht gut umgesetzt wurden.“ „Mh. Ja, da hast du vermutlich Recht. – – Ich mag sie, weil sie zum Beispiel das Konzept eines Futter-Dispensers weiterentwickeln. Einer ist da, der voll den stressigen Tag hatte und der bestellt sich bei dem Food-Dispenser eine nahrungsbasierte Marihuana-Speise und natürlich kommt dann ein Brownie dabei raus. Die haben sich das Konzept von Star Trek mit dem Food-Dispenser angeguckt und ins wirkliche Leben übertragen. Ich meine, wenn du das Konzept von diesem Food-Dispenser weiterdenkst, natürlich kannst du dann einen Gras-Brownie bestellen, alles, was dein Herz begehrt!“, (insert random movement von ihm, um die Szene aufzulockern).

„Ja, das ist es doch auch, was ich letzte Woche meinte mit meinem Seinfeld und Futurama-Vergleich!“, bestätige ich ihn, obwohl ich jetzt genauso argumentieren könnte, dass sie bei Orville zwar diese üblichen Muster der Postmoderne verwenden, altbekannte Muster durchbrechen, alte Klischees untergraben, z.B.: in der einen Folge den langweiligen Alltag der Klingonen zeigen, sie nicht als Kriegerrasse darstellen, sondern als normale Menschen, die in die Kirche gehen und über ihre Angehörigen trauern; aber den Archer-Effekt erreichen sie nicht, weil sie eben vergessen den untergrabenen Klischees und alteingesessenen Bildern dann doch wieder Bedeutung zu verleihen, um eben Archer als Bond-Figur ernst nehmen zu können, wenn er die Welt rettet, dass er keine Lachnummer wird, muss man nicht nur die alteingesessenen Agenten-Klischees bloßstellen, sondern eben diesen auch wieder Pathos zusprechen; und das kann Orville nicht – aber ich halte mich zurück.

Seinfeld und Futurama?“, lehnt er sich nach vorne und stellt seinen Tee ab. „Na, die Sache mit Bender oder die Sache mit den 100 Kaffee?“, werde ich skeptisch, ob er mir überhaupt zugehört hat beim letzten Mal. „Na, Jerry redet mit der Freundin über einen Nebencharakter, dass dieser auf einem Bender war und Elaine fragt: „What do you do on a bender?“ „Probally get drunk and bend stuff.“, antwortet Jerry und ich wette mit dir, dass die Futurama-Macher da die Idee her haben für ihre Figur Bender. – – Und Kramer gewinnt irgendwann in einem gerichtlichen Vergleich so viel Kaffee, wie er trinken kann und geistert auf Koffein durch die Stadt, ob da die Futurama-Macher die Fry-trinkt-100-Kaffee-und-alles-bewegt-sich-für-ihn-in-Zeitlupe Idee herhaben?“, lasse ich mal wieder meine Theorien vom Band, dass er nur: „Mh. – Ja, gut möglich.“, kontert.

„Ich meine, dann hast du es wirklich geschafft. Wenn deine Witze als Basis benutzt werden und weiterentwickelt werden, um neue Witze zu erzählen.“ „Apropo geschafft, wie läuft es eigentlich an der Schriftsteller-Front?“, wird er auf einmal offen raus. „Ähm. Ganz gut. Ich blamiere mich täglich auf Twitter, sonst kann ich nicht“ „Warte – ist Twitter nicht das Medium, wo du nicht länger als zehn Sekunden Zeit hast, um zu antworten?“, unterbricht er mich.

„Und sonst?“, versucht er wieder ein Gespräch in Gang zu kriegen. „Ich überlege zwei weitere Figuren einzufügen in den Kosmos meiner Texte. Schließlich ist der ganze Mist mittlerweile so berühmt geworden, dass die Figuren an sich doch nur noch bloße Karikaturen geworden sind, wie bei jeder anderen Sitcom-Sendung auch.“ „Wir sind bloße Karikaturen?“, unterbricht er mich wieder, diesmal halte ich aber nicht an: „und wie wir alle wissen, spiegeln Sitcoms die gesellschaftlichen Veränderungen wieder, siehe Roseanne oder eben Seinfeld, wo du Schwule, Taubstumme und dieser ganze andere Mist auch realistisch dargestellt bekommen hast.“ „Und an welche Charaktere hast du gedacht?“ „Einen Kerl, der tindert und dann so Sprüche bringt wie: Du siehst auch so aus, als wäre Sex mit dir Arbeit, oder? – oder sowas zu seinen Freunden am Stammtisch sagt wie: Wenn ich schon mehr als ein Foto von der Schrulle angeboten bekomme und dann da Fotos drunter sind, wo sie mit Instagram-Filter Hundeohren oder mit ’nem Baby auf dem Arm gezeigt wird, dann wisch ich schon aus Prinzip nach links.“, stecke ich mir die inzwischen gedrehte Zigarette an und erzähle weiter: „Oder eine Figur wird Trans, wo dann immer alle total verwirrt sind, ob sie von ihm oder ihr reden sollen, wenn sie sich Geschichten aus der Zeit vor der Verwandlung erzählen. – – Für den Scheiß werde ich aber definitiv nicht genug bezahlt, um mich wieder angreifbar zu machen.“ „Du wirst gar nicht bezahlt!“, lacht er jetzt und verschüttet fast seinen Tee.

„Genau. – – Und das soll sich jetzt ändern unter www.patreon.com/StefanSchuerrer könnt ihr ab sofort euren Beitrag leisten! Wenn ihr bis jetzt bei wenigstens einem meiner Texte gedacht habt, der macht geilen Scheiß! Dem würd ich jetzt gerne ein Bier ausgeben, oder sowas in der Art, dann ist jetzt eure Chance. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich das mache, damit es für euch Leser und mich als kreativen Idiot nicht zu kompliziert wird, und bin auf Patreon gestoßen. Einfach mal vorbeischauen, wenn es euch gefällt, anmelden und mich unterstützen! Ich sag jetzt schon mal, fetten Dank für eure jahrelange Treue und freue mich auch in Zukunft auf euer Interesse an meiner Arbeit!“ „Mit wem redest du da, Stefan?“ „Hä? – Ach, nichts.“

Kurzgeschichte

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