Nothing Burns Like The Cold

„Hilf mir mal die Google Bewertungen für diesen Schuppen zu machen.“, vertrödeln wir unsere Zeit, bis der Rest kommt. „Kann man hier gut essen?“, liest er die erste Frage vor und liest auch gleich die Antwortmöglichkeiten mit. „Wenn Salzstangen als Essen zählen – oh, warte. Man kann ja auch von nebenan Pizza holen.“ „Ich wähle dann mal gut aus. – – Kann man hier auch gut alleine essen?“ „Weißt du, das ist eigentlich eine sehr gute Frage. Kann man überhaupt gut essen? Ich meine, was definiert gutes Essen? Und wenn wir das geklärt haben, kann man überhaupt alleine essen? Ist das physikalisch überhaupt möglich? Wenn dich niemand sieht, wie du isst, hast du dann gegessen?“, kratze ich mir sherlockhaft am Kinn. „Du meinst also, kann man überhaupt gut alleine essen?“, schlussfolgert er richtig. „Das ist des Pudels Kern; guck mal, da kommen auch schon die Anderen.“, zeige ich durch das Fenster auf die anderen Pappnasen die Straße runter.

„Ihr kommt viel zu selten vorbei, dass wisst ihr schon, ’ne? Also, was wollt ihr trinken?“, begrüßt uns die Kellnerin noch einmal, diesmal auch die neu dazugekommenen. „Und dabei flirte ich doch immer so gerne mit euch. Ihr müsst hier wirklich öfter vorbei schneien und was trinken.“, verschwindet sie mit einem Lächeln und unserer Bestellung in Richtung Theke, sodass ich einen Aufhänger habe für mein Anliegen, so als hätte sie geahnt, was mein Problem ist: „Letztens meinte wieder mal eine: Sie hätte ja keinen Freund, der ihr einen Glücksbringer für die Klausuren schenken könne und dann schaute die dabei wie herausfordernd in meine Richtung.“ „Ja, das ist wirklich platt.“ „Fühl dich doch geschmeichelt.“, wirft der Eine in die Runde. „Fühl dich doch geschmeichelt.“, mache ich seine Stimmlage nur albern nach.

„Hier, hört mal. – – Letztens habe ich darüber nachgedacht, wie es Superman eigentlich dabei geht, wenn er täglich, tagein tagaus, den Herzschlag seiner Mitmenschen mitkriegt, ob der langsam aber sicher wahnsinnig wird, wenn er ständig die Leute am Durchdrehen hört. – – Wisst ihr, was ich meine?“, fängt Einer wieder an. „Ach, man gewöhnt sich doch mit der Zeit an alles, oder?“, fragt der Eine den Anderen. „Ja, man gewöhnt sich an den Schmerz.“, wiederhole ich und zur gleichen Zeit setzt der Riff von Somebody ein, Dream Wife dröhnt klar und deutlich aus den Boxen der Kneipe. „Wir haben schon lange keine Cocktails mehr getrunken.“, zeigt der Erste auf die Kreidetafel mit dem Spezial des Tages. „Sex on the Beach. 4,50.“, „Aber 4,50 was?“, „4,50 Eier? 4,50 Zitronen?“, „Hast du nicht zufällig Kreide dabei? Dann können wir es korrigeren.“, „Du meinst, weil ich Lehrer bin, hab ich immer und überall Kreide dabei?“, reden sie durcheinander.

„Kann es sein, dass dich die ganze Aufmerksamkeit bitter werden lässt?“, das würde auch erklären, warum du in letzter Zeit über Leichen zu gehen scheinst, reicht er mir meine Zigarettenschachtel und nickt mit dem Kopf einladend nach draußen, sodass wir den restlichen Haufen drinnen zurück lassen.

Als ich meine Zigarette an seinem Feuer entzünde, fängt er wieder damit an, wie schädlich das doch sei, dass ich kein gutes Vorbild bin und wann ich endlich damit aufhören werde. „Weißt du, jedes Mal, wenn ich mir eine Zigarette anstecke, warte ich eigentlich nur darauf, dass Homer um die Ecke kommt.“ „Dein Bruder? – – Was will der denn hier?“ „Homer. H-O-M-E-R.“, mache ich das automatische Froschspielzeug nach, dass er auflacht. „Ich warte darauf, dass Homer um die Ecke kommt und mir die Zigarette aus der Hand schlägt, eine Waffe aus seiner Jacke zieht und auf die Zigarette schießt, mir dann eine Standpauke hält, wie ich nur rauchen könne und dass das doch eine Frechheit sei, wie leicht man hier an so tödliche Dinge kommen würde – und dann …“ „Stimmt, steckt er seine Waffe wieder weg zu den dutzenden anderen Waffen, die er in seiner Jacke trägt. Die Szene hatte ich fast schon wieder vergessen.“, lacht er nun wie die Hyäne aus König der Löwen, die immer über ihre eigenen Füße fällt.

„Danke, dass du mit nach draußen gekommen bist. Ich brauchte mal ein bisschen frische Luft. Da drin ist es immer so stickig.“, drückt er seine Zigarette im dreckigen Aschenbecher aus. „Was ist eigentlich aus dem guten, alten Lass uns mal einen Kaffee trinken gehen geworden?“, frage ich und halte ihm die Tür auf. „Keine Ahnung, wahrscheinlich funktioniert das im Zeitalter von Tinder nicht mehr. Ich bin einfach nur froh, dass ich Sylvia hab.“, lächelt er zufrieden.

„Hi, na wie geht’s?“, lächelt mich eine von der Theke an, während wir uns wieder an den Leuten vorbeidrängeln. „Mh.“, nicke ich ihr zu. „Hier ist deine Chance. Frag sie doch, ob sie mit dir einen Kaffee trinken gehen will.“ „Und wo ist da die Gleichberechtigung geblieben? Wieso muss ich das immer machen? – Zudem ich nicht so wirken will wie einer, der seinen beschissenen Ruhm dazu missbraucht Frauen aufzureißen. Was meinst du, wie schnell man so einen Ruf weg hat?“, setzen wir uns wieder an den Tisch. „Wir haben mal eine Runde Sex the bach bestellt.“, zeigt der Eine stolz auf die veränderte Kreidetafel. „450 Euro hab ich aber gar nicht dabei!“, fasst sich mein Raucherkollege an den Kopf. „Ist das nicht Lorde?“, zeige ich nach oben und meine die Musik. „Hard feelings.“ „Wird Lorde nicht auch bei South Park verarscht?“, sprudelt es wieder nur so aus mir raus. „Ist das nicht auch aus dem Soundtrack von The End of the World?“, meint einer. „The End of the fucking world.“, korrigiert ihn einer.

Am anderen Ende des Tisches tauschen sich die Anderen über ihren Joballtag aus, der eine meint: „Es ist wirklich frustrierend. Jedes Mal, wenn man eine Sache fertig hat und die präsentieren will, heißt es von denen, und was ist mit der anderen Sache? – – Die erwarten immer von dir, dass du schon bei der nächsten Sache bist. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte. Und dann immer das lange Fahren am Wochenende, jede Strecke 6 Stunden hin und zurück ist einfach eine mega Belastung.“ „Du siehst auch so aus, wie ich mich fühle.“, lache ich entschuldigend, dass er nach zwei weiteren Runden schließlich nach Hause geht.

„Wir trinken aber noch was, oder?“, schlägt mir einer auf die Schulter. „Mhm.“, „Eine Runde Kurzen?“, „Meinetwegen.“, summe ich die Melodie des Songs mit. People talking without speaking people hearing without listing people writing songs that voices never share and no one dare disturb the sound of silence … „Stefan, du musst nicht mitsingen.“, bewirft mich einer mit einem Bierdeckel. „Wusstet ihr, dass Paul Garfunkel den Song nach einem Konzert geschrieben hat? Er kam von einem Konzert wieder, saß auf dem kalten, dunklen Badezimmerboden und versuchte diese Stimmung einzufangen.“ „Aha.“ „Also ich mag ja diese Version besser.“, legt die Kellnerin ihren Arm um mich. „Echt? Ich finde die Version von Leonard Cohan immer noch am besten.“ „Die kenn ich gar nicht.“, lächelt sie mich an. „Dann musst du dir die unbedingt mal reinziehen. Er fängt auf einem Konzert an, dieses Lied wie ein Gedicht vorzutragen und du kriegst einfach nur Gänsehaut.“, nehme ich die Kurzen vom Tablett und verteile sie an die anderen Pappnasen. „Komm, ich trink einen mit.“, nimmt sie das letzte übriggebliebene Pinnchen und wir stoßen alle zusammen an.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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