Die Jam-Session Teil 2

„Und was wollt ihr jetzt hören?“ „Wie wär’s mit Tocotronic?“, erfülle ich meine Pflicht und stelle nebenbei noch meine Gitarre weg. „Ha! – Du hältst es nicht aus! Hat er dir davon also auch erzählt?“, haut sich Simon auf den Oberschenkel und Thomas kann es auch nicht mehr an sich halten. „Erzähl ihm, was du mir vorhin gesagt hast.“, verlangt Thomas.

„Sag mal, wie krass ist das denn? – – Also wirklich mal.“, setzt sich Simon in den Sessel und schüttelt nur den Kopf, sodass Thomas nur Kapituuulatiooooon in piepsiger Stimme singen kann.

„Eine Bekannte hatte mir letztens ein paar ihrer Gedichte vorgelesen und da ging es um den Phönix, der aus der Asche aufstieg und so’n Kram und sie fragte mich, was ich davon halte und wollte ernsthaft meine Meinung hören und ich hab nur gemeint: Sehr poetisch.„, imitiere ich fast unfreiwillig eine Mutter, die die ersten dreihundert Bilder ihres Nachwuchs mit immer neuen Ausdrücken loben muss.

„Weil es so schlecht war?“, fragt Thomas immer noch fassungslos, fasziniert, während er an seiner Plattensammlung hantiert und scheinbar nach etwas sucht. „Jo, Lyrik wie von einer 16-Jährigen. Die hat sich nicht weiter entwickelt in ihrem sprachlichen Ausdruck.“ „Ja, vermutlich, weil sie im Inneren immer noch eine 16-Jährige ist.“, übernimmt Simon wieder das Ruder und: „Ich frag mich wirklich, wie man auf sowas kommt – Kapituuulatiooooon.„, singen jetzt beide spöttisch, als hätte der Eine dem Anderen ein unsichtbares Signal zum Einsatz gegeben, sodass ich meine Hand mehr zur Ablenkung in der Chipstüte vergrabe und mir dazu noch einen Schluck Bier gönne. „Das scheint fast, als hätte er drei Tüten dieser Chips da und zu viel Wein-Gummi in sich reingeschaufelt und dann diesen Text ausgekotzt.“, pöbelt Simon und zeigt meiner Meinung nach so nur noch mehr von seinem eigenen Innenleben, als dass er den, der den Song geschrieben hat, kritisiert; aber mich fragt ja wieder keiner.

„Was hast du denn zur Auswahl?“, frage ich Thomas, um ihn in seiner ewigen Suche zu sabotieren. „Beziehungsweise, was hab ich noch nicht gehört? Was hast du an neuen Platten da?“, werde ich konkreter. „Oh, neue Platten.“, springt er direkt wie ein Aufziehmännchen auf und marschiert zu seinem CD-Regal. „Platten gar nicht mal so viele, aber CD’s – Mann. Einen Haufen.“, hat er anscheinend das passende gefunden und steht auch schon an seiner Anlage.

„DAS ist Poesie.“, lässt er sich schließlich ins Sofa fallen und gönnt sich auch eine Hand voll Chips. „Ist das nicht Kettcar?“, tönt es aus seiner Anlage: Gott, was sieht er bitter aus.

„Die sagen nicht zu wenig und nicht zu viel, lassen noch Platz für eigene Assoziationen, für eigene Bilder im Kopf – finde ich.“, reicht mir Simon ein neues Bier. „Ist das nicht auch die Band, die für Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun) so gefeiert wurde?“ „Das weiß“, „Ich glaub, dass ist“, „ich nicht“, „nicht auf dem Album drauf.“, antworten mir beide gleichzeitig und reden übereinander her. „Doch, doch. – – Es ist für die pure Literatur ausgezeichnet worden, weil dieser Song eben so super krass mega heftig ist und – fun fact: Zur Vorbereitung auf die Podiumsdiskussion mit den Donots damals hab ich von Kettcar dieses Zitat rausgesucht – ich weiß jetzt nicht, ob ich das noch haargenau voreinander kriege, aber es ging in etwa so: Man kann mit Songs keine heikle politische Lage beschreiben, irgendein Statemant damit machen kann man eigentlich vergessen. Man kann nur versuchen ein Gefühl zu vermitteln.“

„Habt ihr auch so Bock, einen Song zu machen?“, frage ich die beiden Pappnasen, weil sie gerade ziemlich bedröppelt aussehen. „Na? Was meint ihr?“, hebe ich einladend die Augenbrauen. „Ich hab da schon mal was vorbereitet.“, kichere ich, als sie schließlich zustimmend, nickend zu den Instrumenten greifen. „Spielt mal das Gleiche, was ihr gerade gespielt habt und stellt euch jetzt mal vor, ich hätte eine Sing-Stimme.“, sporne ich sie an und spreche im Singsang leise:

„Du kannst ruhig den Filter einschalten

und dich austoben

ich will sehen, was du kannst

jetzt sag bloß, du machst

hier Big Buisness“,

und meine zu Thomas: „Spiel mal kein Picking. Einen schnelleren Rhythmus. – – Ja, so! – – Schneller, so ist gut!“ und singe lauter, überzeugter, schief:

„amüsier dich

werf Konfetti in die Luft,

wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat,

lass Silvesterraketen steigen,

für alles,

was dein gutes Karma ausgleicht

und jetzt der Wechsel,

zieh ’ne Fraze,

wenn dir ’ne Beförderung droht,

falls er Ja, ich will antwortet,

nimm deine Beine in die Hand

und hör nicht mehr auf zu laufen,

bis deine Füße wund sind

Verdammt, amüsier dich!“,

und schreibe weiter, erst im Stehen, dann setz ich mich in den nächstbesten Sessel:

„Scheiß drauf,

was Mutter und Vater sagen,

fühl den Wind in den Haaren

im geklauten Cabriolet

mit 180 km/h

auf der Autobahn,

wenn die Bullen hinter dir

her sind und Straßensperren

errichten,

schalt den Filter ein

und mach ein Selfie!“

„Ich hätte da eine Bassspur, die vielleicht passen kann.“, kommt von Simon, während Thomas noch immer dabei ist, sein Gitarrenspiel anzupassen. „Und ich bin fertig. Der erste Entwurf steht.“, grinse ich über beide Ohren und kriege von Simon wieder die Gitarre hingehalten, sodass er auf den Bass wechseln kann und schließlich fange ich von vorne an, traue mich erst nicht, spiele ein verhaltenes Solo, singe dann dazu im Swing-Rhythmus der beiden Pappnasen und finde nach dem dritten Durchlauf einen guten Ausgleich zwischen der Betonung und den Pausen.

„Ich brauch mal eine Pause. Meine Hand verkrampft.“, schüttelt Thomas sich die Gitarre von den Schultern und gönnt sich das letzte Bier. „Oh, ich hol mal eben neues Bier.“, als er sieht, dass Simon auch nichts mehr hat.

Als ich vom Rauchen wieder reinkomme, unterhalten sich die beiden über Marcel’s Timing, dass er die versteckten Töne findet und es wirklich immer wieder etwas ganz besonderes sei mit ihm zu spielen, er schaffe es wie kein Anderer daraus ein Happening zu machen und all so einen Mist, dass ich kurz stutzig werde und die beiden Pappnasen misstrauisch anschaue und dann erzählt Simon Thomas von ihrem alten Lehrer, der einfach irgendwann mal in seiner Praxis auftauchte und dass du ungewollt eingeschüchtert wirst durch diese Präsenz und selbst in deiner eigenen Praxis schaffte es dieser alte Mann noch dir das Gefühl zu geben nichts zu bedeuten.

„Es ist wirklich gut, dass der in Rente ist.“, beendet Simon seine kleine Anekdote, sodass wir noch einmal mit dem Bier anstoßen. Ich hab ihm ehrlich gesagt nicht so richtig zugehört, war schon wieder bei der nächsten Sache.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr gerne den Song für eure Band benutzen.“, versuche ich mich wieder freundlich ins Gespräch einzubringen. „Danke, und falls du den Song selbst produzieren willst; meine Bass-Line kannst du auch gerne benutzen, wenn du den Song selber aufnehmen willst. – – Du musst nur wieder etwas mehr üben, dir ein bisschen Equitment zusammenschnorren und schon kannst du loslegen und deinen eigenen Kram aufnehmen.“ „Ja, aber alleine macht das doch keinen Spaß. Das war doch jetzt einfach ein bisschen Blödsinn, den ich mir da ausgedacht habe, weil wir hier zusammen abgehangen haben. Das hatte doch keinerlei Bedeutung.“, zucke ich mit den Schultern und frage ihn, was er für Musik hört, schreibe seine Antworten in mein kleines Notizbuch und überlege für mich, ob ich daraus nicht wieder einen neuen Blogartikel machen kann …

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

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