Die Jam-Session Teil 1

„Gleich wollte Simon noch kurz vorbei kommen. Er hatte gefragt, was wir heute so machen und ich hab ihm erzählt, ein paar Bier trinken und Platten hören. Da hat er gefragt, ob er vorbei kommen kann und ich hoffe, das ist kein Problem.“, reicht er mir das nächste Bier. „Ach, Quatsch. Wird bestimmt lustig – ah, wie ich sehe, hast du mir die Donots Platte doch noch besorgen können. – – Fetten Dank dafür! Wirklich krass, dass die die Platte so schnell ausverkauft hatten und nirgends mehr zu kriegen war. Meine Bestellung war nämlich für’n Arsch, ich musste dem Verkäufer nach ein paar Monaten schreiben: Hör mal, ich hab das Paket nie bekommen. Oh, sorry. Wir haben mehr Bestellungen gehabt, als Platten auf Lager waren; kam nur als Antwort zurück und haben es Gott sei Dank direkt storniert. Hab mich aber trotzdem geärgert. – – Deshalb danke!“, lass ich mich in seine Sofalandschaft fallen.

„Hast du dir die schon angehört? Schon ein Lieblingslied?“, werde ich nach der langen Zugfahrt endlich gesprächiger; ganz so, als wenn mein Körper vorgereist wäre und mein Geist noch eine gewisse Zeit braucht, um ihn einzuholen – dabei ist es eigentlich immer andersherum, immer sind meine Gedanken schon bei dem nächsten Ding, der nächsten Sache. Ich glaube ja, das liegt diesmal daran, dass ich mich voll und ganz in meine Arbeit am neuen Manuskript vertieft hatte und erst eine gewisse Zeit brauchte, um wieder aus den eigenen Welten klettern zu können.

Er hatte mich mal wieder mit Bad to the bone vom Bahnhof eingesammelt, hatte sich auch gewundert über den Menschenandrang vor dem Dorfbahnhof, ich hab noch meine abgebrannte Zigarette ausgetreten, meine Tasche hinten auf die Rückbank geworfen, um dann wieder mit ihm mit quietschenden Reifen davonzubrausen.

„Das ist immer so eine Sache. So ein Album muss in sich stimmen, finde ich. Beim letzten Album hatte ich auch mehr als ein Lieblingslied. Eigentlich solltest du doch alle super finden.“ „Ja, eigentlich. – – Ganz nach Barney Stinson’s Awesome Mix – ein Album muss nur Höhen haben!“, grinse ich. „Genau! Als würde man dich fragen, welches deiner Kinder du am besten fändest – eigentlich solltest du alle super finden.“, grinst er jetzt auch. „Dafür hab ich die aber noch zu wenig gehört – muss ich jetzt einfach ganz ehrlich sein.“, gesteht er und da es gerade klingelt, steht er wieder auf und geht zur Tür, bleibt aber nochmal im Türrahmen stehen, dreht sich um und hebt den Finger: „Vergiss nicht, ihn auf das Tocotronic-Album anzusprechen – achja, und er hatte Geburtstag.“, verschwindet er in Richtung Haustür.

Gerade hatten wir uns noch über potenzielle Lieder unterhalten, die er mit seiner neuen Band einspielen könnte und Take it easy von den Eagles steht auf jeden Fall auf der Liste, das stand schon mal fest, das ist ein sicheres Ja, hielt er mir die Lyrics davon unter die Nase und erzählte dann noch; vor ein paar Tagen hätte er im Rahmen des Nach-neuen-Songs-Suchen-Prozesses Simon noch einen Song vom Tocotronic-Album Kapitulation vorgespielt und beide hätten nachher den restlichen Tag spöttisch Kapitulation gesungen.

Mich hatte es spontan zu folgenden Zeilen inspiriert, nachdem er meinte, er hätte von dem Album nur zwei Lieder gehört und es direkt Scheiße gefunden, habe ich mich zu folgendem verpflichtet gefühlt zu schreiben und nicht ganz errnsthaft gemeint, jetzt bräuchte ich nur noch zwei andere Themen und schon hätte ich wieder einen neuen Text für meinen Blog: „Ich könnte mich jetzt auch gut und gerne einfach hier auf die Straße legen und nicht mehr weiter laufen, aber dann könnte ich genauso gut Tocotronic – Kapitulation auflegen und laut aufdrehen – es hätte denselben Effekt.“ – er fand das zum Schreien komisch, ich bin nicht so der Fan davon gewesen; immer dieselbe Schiene fahren, immer traurig provozierend – als ich mir in seiner Abwesenheit ein neues Bier öffne, geht mir dieses Ingeborg Bachmann-Zitat nicht mehr aus dem Kopf, dass ich letztens in Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden gelesen habe: „Ich hab aufgehört Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich >könne< jetzt Gedichte schreiben, auch wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe. Und es wird eben keine Gedichte mehr geben, eh‘ ich mich nicht überzeuge, dass es wieder Gedichte sein müssen und nur Gedichte, so neu, dass sie allem seither Erfahrenen wirklich entsprechen.“

„Oh, hi. – – Lange nicht mehr gesehen.“, bin ich deshalb überrascht. „Ja, gleichfalls. Wie geht’s?“, hat er immer noch seine Hand auf meiner Schulter. „Gut, gut. – – Bin nur etwas in Gedanken.“, bin ich mal wieder zu ehrlich. „Ja, hat Thomas schon erzählt. – – Mann, das tut mir leid mit …“, fängt er an auf mitleidig zu machen. „Da fällt mir ein, Herzlichen Glückwunsch nachträglich – hat Thomas erzählt.“, kontere ich deshalb direkt und als dieser mit weiterem Bier unter dem Arm ins Zimmer kommt, fragt Simon: „Und was macht ihr so? Wie ich sehe, habt ihr die Verstärker schon warmgespielt?“ „Jo, gerade schon etwas zur Gitarre gegriffen; aber ich hab gemerkt, ich bin nicht mehr so in Übung, deshalb haben wir eine Pause eingelegt und just in diesem Moment hast du auch schon geklingelt.“, erzählt Thomas und macht das dritte Bier auf, reicht es ihm und fragt ihn bezüglich des Proberaums: „Steht jetzt eigentlich schon alles? Ich hab Stefan gerade nämlich schon damit in den Ohren gelegen, dass er bald wieder auf der Gitarre fit sein muss, denn dann wird er als unser zweiter Gitarrist gebraucht und muss mitjammen.“

„Ja, Marcel ist schon fleißig dabei. – – Er spinnt schon rum, dass wir alle Eierkartons aufbewahren sollen, zum Schallabdichten und so’n Zeug. Den Strom würde er schon selber verlegen, hauptsache wir können direkt anfangen. – – Ist zwar ’ne Starkstromleitung, kann er gerne machen, wenn er will, aber ich hab keinen Bock nachher ’nen verkohlten Marcel aus dem Proberaum schleppen zu müssen.“, drehe ich mir eine Zigarette und lasse die beiden Pappnasen erst mal miteinander quatschen; ihr Gespräch driftet von Effektpedalen über anderes Equitment für die Band hin zum neuen Auto von Simon, einem neuen Cabriolet …

„Ich will dann auch gleich mal was sehen! Das ist euch schon klar, ’ne? – – Wenn ich schon die Chance hab, euch beide hier zu haben, will ich wenigstens mal eine Kostprobe bekommen.“, greift er aber direkt zur Gitarre und stimmt die Seiten; dabei hätte das direkt von mir kommen können – ich bin nämlich beinahe genauso gespannt, was Thomas mit seiner neuen Band so alles reißen kann.

„Ihr entschuldigt mich mal.“, gehe ich aber erst einmal mit meiner Zigarette auf den Balkon und lausche den Beiden von draußen, wie sie ein paar Tonleitern runter rattern und frage mich, ob ich noch gut genug bin auf der Gitarre, um vor Publikum zu spielen. Ich habe seit Monaten nicht mehr zur Gitarre gegriffen, hab schon angefangen die Musikecke abzubauen, um Platz für ein weiteres Bücherregal zu machen, als auf einmal Thomas hinter mir steht, nun ist nur noch sein Bandkollege dabei, an der Gitarre ein paar Töne runterzuschreddern, obwohl er eigentlich Bassist ist, sodass ich nur voller Ehrfurcht: „So spielt man also Gitarre.“, sagen kann.

„Ja, das ist eine Möglichkeit mit der Gitarre zu spielen. – Feuer?“, hält er mir seine Zigarette hin. „Hier – ich geh mal wieder rein.“, machen wir so den fliegenden Wechsel, was mir Zeit gibt, Simon auszufragen bezüglich ihres Bandprojekts. Ich finde sowas einfach immer faszinierend, anderen Leuten beim Erschaffen von Kunst über die Schulter zu schauen, und wenn es nur Cover-Songs sind; er erzählt mir, dass Marcel, ihr Schlagzeuger, zwar Bock hätte eigene Songs zu schreiben, aber da ihnen das Talent zu sowas fehle, würden sie sich begnügen Songs zu covern, was für mich immer noch eine große Sache ist, schließlich haben wir, also Thomas und ich, damals angefangen unsere eigenen Songs zu schreiben, weil ich mir einfach keine Songs merken konnte.

„Ihr habt eure Songs selber geschrieben?“, fragt er deshalb Thomas. „Ja, das meiste war seine Idee.“, zeigt er auf mich. „Und du hast dann den Rest dazu geleistet, dass es halbwegs wie ein Song klang.“, gebe ich das Lob zurück. „Ja, so ist das ja meistens. Das einer eine Idee hat und den Text liefert und der Andere ist dann dafür zuständig, die Melodien und den ganzen Rest abzuliefern.“, schlichtet Simon zwischen uns und scheint fasziniert.

Ich setz mich erst mal in die Sofalandschaft und lass die Beiden noch ein bisschen improvisieren und irgendwann steh ich auf und hol mein Notizbuch, setz mich wieder hin und beginne ihr Gelaber mitzuschreiben: „Du kannst ruhig den Effekt einschalten und dich austoben.“, meint Simon zu Thomas über ihre Improvisationen und zu mir: „Ich will gleich sehen, was du kannst. – – Jetzt sag bloß, du machst hier Big Buisness! Los, du solltest dich amüsieren!“

„Ich glaub, er schreibt eine neue Geschichte.“, kommentiert Thomas. „Ne, einen Song. Aber spielt ruhig weiter!“, kommt von mir nur kurz angebunden und schon schreibe ich weiter, in ihrem Ryhtmus:

„Du kannst ruhig den Filter einschalten

und dich austoben

ich will sehen, was du kannst

jetzt sag bloß, du machst

hier Big Buisness

amüsier dich

werf Konfetti in die Luft,

wenn die Bahn mal wieder Verspätung hat

lass Silvesterraketen steigen

für alles / jedes Mal

was dein gutes Karma ausgleicht

(und jetzt der Wechsel)“,

höre ich Simon ankündigen:

„zieh ’ne Fraze

wenn dir ’ne Beförderung droht

falls er Ja, ich will antwortet,

nimm deine Beine in die Hand

und hör nicht mehr auf zu laufen,

bis deine Füße wund sind

Verdammt, amüsier dich!“,

lege ich das Notizbuch zur Seite und geh pissen. Als ich wieder reinkomme, haben sie aufgehört zu spielen und reden darüber, dass es ganz schön doof wäre, es nicht auszunutzen und dass sie sowas dringend gebrauchen könnten und weil ich mit einem Bier in der Hand etwas ratlos da stehe, hängt mir Simon einfach die Gitarre um den Hals mit den Worten: „Los, spiel mit!“

Zaghaft schlage ich einen Akkord an, dass Thomas innehält und fragend die Augenbrauen hebt. „Ich kann das nicht mehr, ich hab keine Ahnung, was ich sonst immer gemacht habe.“ „Hier, spiel das nach.“, spielt er mir was bluesiges vor und ich spiele den Akkordwechsel nach, in der Zwischenzeit holt sich Simon ein neues Bier und wirft noch einen Blick in mein Notizbuch, bis Thomas ihm die Anweisung gibt, den Rhythmus mit den Bongos vorzugeben, weil ich keinen Viervierteltakt mehr einhalten kann, sodass es nur langsam an Fahrt aufnimmt und schließlich schaltet Thomas eine Verzerrung zwischen seine Gitarre und seinen Verstärker, beginnt mit einem Solo auf seiner Gitarre, dass ich mich an etwas orientieren kann, spiele selber mit den Effekten vor mir auf dem Boden und denke nicht mehr nach, werde lockerer in den Akkordwechseln, spüre wieder den alten Elan in den Fingern und folge dem Trommelrhythmus von Simon, achte nur noch wage auf meine Bewegungen und ahne fast, was Thomas gleich macht, passe meinen Anschlag an, werde härter, merke, er zieht mit, Simon wechselt von Bongos auf Shaker und variert im Tempo, alles nimmt Fahrt auf, wird härter, wird schneller, bis es in sich zusammenfällt und wir in der Stille des Raumes stehen und fassungslos sind, dass ging jetzt eine Viertelstunde so.

„Gott, wir haben schon viel zu lange nicht mehr so gut zusammen improvisiert.“, grinst Thomas und ich nicke, greife zum Bier und stoße mit den anderen Beiden an, gönne mir einen erfrischenden Schluck und kann den Rest der Welt für einen Augenblick vergessen.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

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