Die Busfahrt

Man könnte meinen, es hat etwas abartiges, wenn man sich erst die Performance von Spoken-Word Poet Rudy Francisco zu seinem Gedicht „Complainers“ in der Tonight Show Starring Jimmy Fallon anguckt, wo er mit dir und mir redet, uns weiß machen will, that we are still here, we are still alive and we should act like it, um dann einem Link zu einem MonopolMagazin-Artikel zu folgen, der sich mit einem lettischen Künstlerpaar beschäftigt, das sich in einem Performance-Stück Stücke aus dem eigenen Rücken schneiden lässt, sie anbrät und isst, aber so sind nun mal die Zeiten.

Dass der lettische Arturs Bērziņš mit seiner Aktion ein Statement gegen die sich selbst verschlingende Konsumgesellschaft setzen will, dass der Kannibalismus hier als Statement gegen eine sinnentleere Welt zu verstehen ist, arguemtiert der Artikel des Monopol-Magazins schon ganz richtig, ist meiner Meinung nach aber zu kurz gegriffen, denn …

„Meine Güte, hat der Busfahrer seine Lizenz im Lotto gewonnen?“, höre ich einige Heranwachsende neben mir im Gang meckern, als er eine scharfe Linkskurve macht und direkt danach wieder unbeholfen beschleunigt, sodass alle im Wageninneren herumgewirbelt werden; aber man verzeiht ihnen schnell diesen Kommentar, denn sie können wahrscheinlich einfach noch nicht verstehen, dass auch Busfahrer nur Menschen sind, die in der Nacht vielleicht zu wenig Schlaf bekommen haben, weil ihr Baby Fieber hat und alle zwei Stunden schreit oder die nächste Kurve so rasant nimmt, weil er mit den Gedanken woanders ist, Geldsorgen hat und nicht weiß, wie er die Geschenke zu Ostern bezahlen soll oder vielleicht hat er heute auch einfach mal einen schlechten Tag gehabt und der Lärm geht ihm so langsam an seine Substanz.

Vorne zwei Reihen hinter dem Busfahrer sitzt nämlich ein kleiner Junge und simuliert das Lenken und ruft aufgeregt in die Menge: „Guck mal, Mama! Ich fahre auch! Ich fahre! Ich fahre den Bus!“ , doch die hört ihn nicht, weil sie gerade mit einer anderen Mutter eine Sitzreihe vor ihr quatscht und nur ein Ja, ja mein Schatz; ganz toll! an ihren Sohn richtet, der wahrscheinlich den ganzen Tag solche Albernheiten macht und sie deshalb keinen Atem mehr hat, ihn auch dafür noch mit ihrer Aufmerksamkeit zu belohnen.

„Meiner war heute auf dem Spielplatz im Sandkasten, wir haben direkt die ersten Sonnenstrahlen ausgenutzt und sind raus an die frische Luft und als er da zwei Größeren dabei zugesehen hat, wie die sich mit Sand bewerfen, musste er natürlich direkt mitmachen.“, erzählt die eine Mutter der Anderen, sodass ich nochmal für einen kurzen Moment von meinen Notizen aufblicke und den Faden entgültig verloren habe; aber das macht nichts, dann schreibe ich halt wann anders weiter …

Kurzgeschichte

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