Die Hochzeit

„Manchmal glaube ich wirklich, du bist ein Psychopath.“, antwortet sie mir, als ich davon erzähle, was ich mache: In die Flamme eines Feuerzeuges blicken und mich fragen, wie lange es wohl dauert, bis meine Klamotten anfangen zu brennen.

„Genau – ich lege super gerne haufenweise Feuer und verletze absichtlich die Gefühle der Personen, die mir wichtig sind.“, stehe ich auf der Hochzeit draußen mit einer Zigarette in der Hand, während Ich war noch niemals in New York gespielt wird und die Meute wahrscheinlich ohne mich ausgelassen tanzt, versuche ich in der Einsamkeit einer Zigarettenpause wieder aufzuladen, der Kontakt zu Menschen ermüdet mich in letzter Zeit so krass extrem – Maren antwortet nicht mehr.

Wem kann man es ihr verübeln, den Zynismus konnte man sogar durch die Whatsapp-Nachricht Meilenweit gegen den Wind herauslesen; mit so einem traurig-in-der-Ecke-Sitzenden würde ich persönlich auch nichts anfangen wollen.

Letztens kamen mir zwei Gedanken. Erstens, Rauchen ist verdammt ungesund, wie ein Schlag in den Magen. Und zweitens, wenn ich mich selbst treffen würde, ich würde mich entweder für einen ziemlich eingebildeten Trottel halten oder für einen trotteligen Gebildeten, je nachdem, welche Tagesform ich und ich hätten; aber was diese Gedanken jetzt noch für eine Auswirkung auf mein weiteres Leben haben werden, dass weiß ich nicht.

Ihr wärt mit Sicherheit ebenfalls mit der Zeit verbittert und zynisch geworden, wenn jede gute Tat eurerseits falsch verstanden wird und sich jeder in eurer Umgebung auf den Schlips getreten fühlt; dabei wolltet ihr nur nett sein, aber was soll’s.

Vielleicht sollte ich das nett sein einfach komplett sein lassen, es hat mich nicht viel weiter gebracht als das Töten von Menschen, obwohl es da ja immer wieder Kollateralschäden gab, meistens unter Menschen, die ich sehr schätze.

„Hey, ich dachte, ich leiste dir mal Gesellschaft.“, kommt der erste Freund zu mir nach draußen in die Kälte. „Das ist nett, danke.“, „Sind aber nur noch wenige Raucher übrig auf Partys, oder?“, schlüpft die Schwester des Bräutigam noch schnell durch die Tür zu uns raus – ich denke mir nur, was für eine Überleitung! – denn der DJ wechselt jetzt einfach so auf Billy Idol – White Wedding, sodass drinnen alle mal wieder ausgelassen jubeln.

Während ich mir draußen meinen Schlag in den Magen abhole, gehe ich gedanklich nochmal alles durch und wundere mich immer noch, wie aus zwei vorher zurechtgelegten Sätzen „Das war wirklich schön!“ und „Was für ein Tag!“ in nervöser Hodoritis ein Glückwunsch an Braut und Bräutigam mit „Schön‘ Tag!“ werden konnte – es hätte nur noch ein „Noch!“ hinten dran gefehlt und ich hätte eigentlich direkt gehen können; aber schön, dass nicht alle Blicke auf mich gerichtet waren, sondern auf das schöne Brautpaar.

Es macht auf jeden Fall etwas mit dir, wenn du den Ersten aus deiner alten Schulclique heiraten siehst, denke ich mir noch; aber nicht, was es mit einem macht – denn der andere Schulfreund meint jetzt bibbernd: „Lass uns mal wieder rein gehen, mir wird kalt.“

„Wir können Sie doch nicht alleine lassen.“, spielt wieder der Retter der Alleingelassenen in mir die Karten aus, ich zeige mit einem Kopfnicken auf die Schwester des Bräutigam, die uns aber wieder bittet reinzugehen.

Wie heißt es noch so schön im Gedicht The loneliest sweet potato von Sabrina Benaim, … „Komm, tanz mit uns!“, werde ich aber schon wieder von meinen Freunden und ihrer Begleitung auf die Tanzfläche gezogen und kann nicht mal mein Jackett ausziehen.

For the first time in history it’s gonna start raining man …“, brüllt die Anlage und die Meute ebenso, sie werfen die Arme in die Luft und jubeln erneut, tanzen wie in einem Trommelkreis, hüpfen, werfen sich die Jacken vom Leib und die Frauen werfen die Haare von einer Seite auf die andere, der DJ geht Wasser lassen, Amy Winehouse übernimmt, „Stop making a fool out of me“, wirft sie ihre Blicke in meine Richtung, tanzt, als wäre diese Tanzfläche irgendwo im Hinterland von Deutschland ihre große Bühne und meine Augen ihr Scheinwerferlicht, meine Aufmerksamkeit hat sie auf jeden Fall, sie vollführt mit ihren Füßen eine Art Liebestanz, ihre linke Hacke wippt im Ryhtmus auf und ab, ihre Hüpfe wippt, ihr ganzer Körper wippt und ihr rechter Zeigefinger wandert am ausgestreckten Arm von einem Freund im Trommelkreis auf den Nächsten, als suche sie sich das nächste Opfer, sie wirft sich die verschwitzten Haare wieder in den Nacken, so als wolle sie Schwung holen, als werfe sie einen Motor an, Clap along if you feel like happiness is the truth“, meldet sich der DJ wieder zurück und sie macht im Takt zwei Schritte aus dem Trommelkreis und geht mit einem Anderen zur Candy-Bar.

„Candy-Bar, Curry-Wurst Brunnen und Mini-Burger – als hätten zwei Kinder die Hochzeit geplant.“, war heute Morgen noch der Running-Gag, jetzt sind wir froh um diesen Traditionsbruch.

„no offense to you don’t waste your time, here is why“, wippe ich selber mit dem Fuß und notiere mir alles, so schnell wie es eben geht, in mein kleines Notizbuch …

Kurzgeschichte

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