Der Junggesellenabschied

„Mach doch mal andere Musik!“, „Ich geh einfach irgendwann, wenn ich als Lehrer alles erreicht habe, in die Politik!“, „Wobei du ja nie Aufgaben mit nach Hause nehmen musst; ich finde das als Lehrer schon manchmal nervig.“, „Vielleicht sehen wir uns da ja, wenn ich Lobbyist geworden bin, um den Lobbyismus abzuschaffen!“, „43 mit Apfelsaft? – Das klau ich dir! – Das schmeckt ja wahnsinnig gut!“, „Bierkules betrunken! – Bierkules frei!“, „Dafür sag ich es dir ja! Weil ich will, dass es sich verbreitet!“, „Ich bezahl einfach Politiker, dass sie nicht mehr mit anderen Lobbyisten reden! – So schafft man den Lobbyismus ab!“, „Habt ihr das Poster: „Wille ist ein Muskel – trainiere ihn“ gesehen?“, „Ja, krass – und Arbeit macht frei! Ich hab doch nicht mal mehr Zeit, um ins Fitnessstudio zu gehen, wie soll ich da noch meinen Willen trainieren?“, peitschen mir die Sätze des Tages jetzt um meine Ohren; ich sehe sie auf dem Papier vor mir verschwimmen und kann keinen tieferen Sinn mehr erkennen, frage mich, warum ich diesen ganzen Mist überhaupt noch mache? – – Ich habe schon so viele Artikel und Texte geschrieben, dass ich auch diesen lustigen Abend wieder in tausend verschiedenen Varianten aufschreiben kann; wieso wähle ich also diese Variante?

Jason Bartsch singt gerade in einem kleinen Fenster auf dem Bildschirm, während ich an dem Text arbeite, dass er sich wünscht, dass Einsamkeit auch mal eine Tugend wär; aber irgendwie kann ich ihm nicht so wirklich glauben, dass er irgendwann dankbar sein wird – ich weiß nur so viel, man merkt erst, dass einem etwas fehlt, wenn man es wieder gekostet hat.

„Ja, genau! – – Erzähl uns doch einfach eine Geschichte.“, unterstützte der Eine den Vorschlag des Anderen sarkastisch und fragte die übrigen Betrunkenen, ob sie zum Ende des Abends auch noch eine Runde Kurzen vertragen könnten.

„Ähm, ok. – – Ich saß heute Morgen mit meinen Eltern am Frühstückstisch und habe mit ihnen über Abtreibungen geredet und“ „Cooles Thema für’n gemeinsames Frühstück.“, „Wie kamt ihr denn da drauf?“, „Bist du etwa wieder schwanger, Stefan?“, musste ich mir wohl wieder erst ihre absichtlich dämlichen Kommentare anhören, bis ich in Ruhe weiter erzählen durfte.

„Das stand in der Zeitung. In einem Kommentar, ob für Abtreibungen Werbung gemacht werden darf und ich hab ein bisschen mit Mutter darüber diskutiert, bis sie meinte: Ich sei ein Mann und hätte deshalb kein Mitspracherecht – ich meine, ja natürlich ist es der Körper der Frau und das sollte man respektieren, aber es wäre in so einem Fall auch zu einem gleichen Teil mein Problem, weil es ja auch mein potenzielles Kindsgedöns, Embryoding, wäre.“, beendete ich endlich meine kleine Geschichte ohne weitere Unterbrechungen und bezog Stellung, was ich in letzter Zeit wirklich selten tue; das haben selbst meine Freunde bemerkt, die ich heute zum ersten Mal seit Monaten wieder sah, dass ich alles nur noch ins Lächerliche ziehe, um vor der Verantwortung, der Fallhöhe zu fliehen und um mir das bisschen Würde zu bewahren, dass ich noch habe.

Aber was können sie dagegen tun, außer mir einen sicheren Ort zu geben, wo ich wieder so sein kann, wie ich will? Der Eine meinte heute nach dem Escape-Room, wie es wohl für die Frau, die uns die Einführung gegeben hatte und uns dann während unseres Ausbruchsversuchs überwachte, sei, wenn sie immer wieder die gleiche Geschichte erzählen müsse, Tag für Tag.

„Keine Ahnung, da musst du Musiker fragen – die stehen doch jeden Abend auf der Bühne und singen den immer gleichen Song; eigentlich wollte ich noch ein paar dumme Sprüche in ihrer auswendig gelernten Rede unterbringen, hab’s dann aber gelassen, als sie nach der ersten Unterbrechung von mir ins Stolpern kam.“ „Ja, krass oder?! Dabei sind es ja nur dumme Sprüche, die man bringt.“, lachte er der Eine der Anerkennung wegen, ich schwieg.

„Hast du das mitbekommen, dass sie darüber geredet haben, die Nationalhymne umzuschreiben, damit da nicht mehr Vaterland und Brüderlichkeit drin auftaucht, sondern eben andere Begriffe, die …“, suchte der Andere nun nach dem richtigen Wort. „Die gegendert wurden.“, half ich ihm auf die Sprünge und achtete nicht darauf, ob er es korrekt benutzte.

Ich hörte ihm auch schon nicht mehr zu, als er den Anderen das aktuelle Tagesproblem näher brachte, denen, die mittlerweile zu wenig Zeit hatten täglich Zeitung zu lesen, um sich dann über jeden Mist aufzuregen, weil sie Karriere machen, aus Berlin angereist kommen, gestern noch Klausuren korrigiert haben, noch an ihrer Master-Arbeit sitzen oder schon an Kinder denken und sich mit uns lieber über den Sinn oder Unsinn der Firmung für die eigenen Kinder unterhalten würden, unsere Meinung dazu nicht unbedingt hören möchten, aber froh sind um unseren Input, und es damit rechtfertigten, dass sie ja nicht unbedingt dem Fanatismus der Religionen verfallen müssen, sondern dass es mehr um den Zusammenhalt und dem Dazugehören geht, deshalb würden sie später ihre Kinder zum Firmunterricht bringen.

Ein paar meiner Kollegen und Kolleginnen sind ebenfalls in eine Diskussion über die Nationalhymne geraten, und da sind wir auch schon wieder an dem Punkt meiner Geschichte, wo ich ganze Absätze raus streichen könnte, weil ich mich nur wieder wiederhole und nicht mit der eigentlichen Geschichte vorankomme und bestimmt jeden Leser langeweile – naja, zurück zur Geschichte.

In Monty Python Filmen würde der nächste Teil bestimmt mit dem Öffnen eines roten Vorhangs und lauter Trompeten eingeleitet und ein Schriftzug würde mit: „End of intermission“ auftauchen und den restlichen Film ankündigen – aber wir sind nicht in einem Monty Python-Film; schade eigentlich.

Einer von den älteren Kollegen, mit zwei Töchtern und einer Frau zu Hause, meinte nur ziemlich genervt, ob man keine anderen Probleme hätte, da kann man ihn auch gerne zitieren, er fände diese Diskussion ein wenig überflüssig; – schon da hab ich mir gedacht, als sich die anderen Kollegen noch ein bisschen darüber stritten, aber keine eigene Meinung hatten, nur die gängigen Meinungen wiederholten, dass das doch irgendwie alles in die falsche Richtung geht.

Jetzt unterbrach ich den Anderen am Tisch aber in seiner Ausführung und fing auf dem Junggesellenabschied eine Grundsatzdiskussion über Nationenen an, die ich mich unter den Kollegen und Kolleginnen nicht getraut hatte, mich jetzt aber mit ein zwei Bierchen intus wohl genug fühlte meinen Sicherheitspanzer abzulegen und mal wieder eine Meinung zu vertreten, meine Rolle des schon lange nicht mehr lustigen Pausenclowns fallen zu lassen.

„Man sollte heutzutage einfach komplett auf Nationen und den ganzen Ballast davon verzichten; wisst ihr eigentlich, woher der Begriff Nation und die Probleme davon kommen, warum sich dumme Menschen schlecht fühlen, wenn jemand ihr Land beleidigt, warum sie sich selbst feiern, wenn ihre Mannschaft bei irgendeinem Sportsding gewinnt? Damals, im 18ten Jahrhundert, hat man anhand von Sprache, Abstammung und Gebietsdingsbums einen Mythos aufgebaut, der diese neue Machtstellung rechtfertigen sollte. Es sollte neben der Religion und dem Ständesystem mit König und Vasallen eine neue Größe sein, die das einfache Volk soweit vereinen kann, dass man unter einer Flagge in den Krieg zieht; viele Faktoren haben da zusammen gespielt, dass dieses Nationalgefühl wachsen konnte, zum einen die Industrialisierung mit ihrer massenhaften Völkerwanderung vom Land in die Stadt, dann die neuen aufkommenden Zeitungen, die Bahnlinien, Telegramme, das führte dazu, dass Staaten sich kleiner anfühlten und man sich innerhalb dieser Gemeinschaft verbundener war, Krieg wurde zu einem allumfassenden Ding, dass die Völker gegeneinander aufhetzen ließ; natürlich haben diese Dinge zu Revolutionen und schlussendlich zur Demokratie geführt, aber eben auch zu Militarismus, Führerkult und anderen idiotischen Dingen wie Deutschlandfahnen in der Fußballsaison an Autoscheiben; die Nation hat nie ihre Berechtigung von Gott, der Regierung oder einem König gehabt, sondern von den Menschen, die“ „sich so vereint gefühlt haben.“, tunkte der Eine seinen Zeigefinger ins Whisky-Glas, um einen Eiswürfel gedankenverloren darin hin und her zu schieben, als wollte er alleine mit seinem körperlichen Desinteresse aussagen, er habe verstanden.

„Und was, wenn wir die Nationen deiner Meinung nach abschaffen?“ „Mh. Keine Ahnung, werden wir doch alle Weltbürger oder für den Anfang Europabürger; Regierungen sollten nur noch verwaltend auftreten, Wissen wird untereinander frei geteilt und gehandelt, Entscheidungen werden gemeinsam beschlossen, jede Stimme eines jeden Bürgers hat dabei seine gleiche Wirkung – das wiederum verlangt natürlich totale Aufklärung und ein gutes System für Internetsicherheit, um Wahlen möglich zu machen – aber ich schwafele gerade nur wieder von einer schönen Zukunft für uns alle, in der jeder in der westlichen Welt die Zeit hat, sich mal hinzusetzen und über bestimmte Dinge nachzudenken, statt von der Außenwelt mit immer neuen Aufgaben bombadiert zu werden.“ „Befinden wir uns mit der EU nicht schon auf dem richtigen Weg?“, fragte der Eine, während sich mein anderer Sitznachbar mit seinem Kopf auf meiner Schulter ausruhte und leise Another one bites the dust mitsummte.

„Durchaus, doch. Klar. Ich hab nichts gegenteiliges behautpet, oder hab ich gerade irgendwas anderes gesagt?“, und weil ich gerade in die Küche gerufen wurde, um die Katzen zu füttern, lasse ich die anderen beiden weiter philosophieren und hörte nur in der Küche ihre Argumente leiser: „Obwohl Polen ja gerade einen anderen Weg nimmt.“, „Nicht nur Polen! Ungarn ja auch.“ „Aber wie stellst du dir das vor?“, war mir einer von den drei Musketieren in die Küche gefolgt. „Alter, ich wäre gleich schon wieder zu euch zurück gekommen, dann hätten wir weiter diskutieren können.“, füllte ich die Näpfchen der Katzen, während sie im Wohnzimmer weiter stritten.

„Einige Staaten des ehemaligen Ostblocks!“, „Man könnte meinen, sie befinden sich in der Entwicklung bezüglich ihrem Nationalismus sechszig Jahre hinter uns.“, „Man könnte fast meinen, sie wären jahrzehntelang von einem totalitären System unterdrückt worden, dass sie gar kein Nationalstolz entwickeln durften oder konnten – such dir eins davon aus.“, begrüßte ich das Wohnzimmer mit einer der Katzen auf dem Arm in meinem üblichen Zynismus.

„Und wie stellst du dir das vor?“ „Naja, die Automatisierung der Arbeit und die Abschaffung der Banken wären ein guter Schritt in so eine Zukunft.“, erwähnte ich nur nebensächlich, schließlich hatten wir heute Abend auch schon über die Kryptowährung geredet und ausführlich über ihrem Versuch die Monopolstellung der Banken zu untergraben.

Dass mir die Katze nicht aus dem Arm sprang, auf den Tisch und die vielen leeren Flaschen umwarf, war auch alles. Ich setzte sie nun lieber wieder auf den Boden, machte mir noch einen Whisky und hörte nur von oben den Rest der Jungs das letzte Spiel des Junggesellenabends vorbereiten: „Danke, dass du dich um die Katzen gekümmert hast – wir sind auch gleich wieder da!“

„Kennt ihr eigentlich die Serie Travelers? Da kommen Leute aus der Zukunft zurück und übernehmen die Körper von denen, die kurz davor sind zu sterben.“, begrüßte der Andere die anderen Beiden. „Meinst du Altered Carbon?“, konterte der Eine zum Verständnis. „Ach, vergesst es.“, prostete der Andere mir zu.

„Mega krass, hab letztens eine Reportage über einen gelesen, der hat Tinder benutzt und sich so durch ganz Europa geschlafen und sein Spruch war wortwörtlich: Das Gute an Tinder plus ist, dass man vortindern kann! – nur so habe er es von Stadt zu Stadt geschafft und immer einen Schlafplatz gefunden!“ „Krass! Ich wusste ja immer, ich bin ein Trendsetter!“, lachte der von oben kommende wenig überzeugt und setzte sich mit vier großen Bierdosen und einer Rolle Panzertape an den Tisch.

Kurzgeschichte

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