Die letzte Party

Im Wartezimmer notiere ich mir die Titelstory vom Spiegel KRISE, darunter ALLES GUT, SO WIE ES IST der Brigitte, SCHNELL SCHÖNE MUSKELN des Men’s Health und WUNDERBAR WEIBLICH der Donna für zukünftige Texte, als mich wieder ein trockener Hustenreiz erfasst und durchschüttelt.

Irgendwas haben die Gespräche im Wartezimmer an sich, dass ich mich an die letzte Party zurückerinnere und den ganzen Morgen begleitet mich schon die Melodie von Wir sind Helden – Die Zeit heilt alle Wunder als Ohrwurm; ich weiß auch nicht, woher ich diesen Ohrwurm schon wieder habe.

Zwei ältere Herren reden verschnupft über ihre Brut, die am Wochenende mal wieder die Fetzen fliegen lassen konnten und sich dabei derbe auf die Fresse gelegt haben – aber was soll man sagen, sie wären ja auch mal jung gewesen, konterte der Eine und der Andere nur: Ja schon, aber mit – was? – achtzehn oder fast neunzehn Jahren sollte man so langsam reif genug sein und mal ein bisschen aufpassen; das hätte auch gehörig nach hinten los gehen können.

Das Letzte, an das ich mich von der Party erinnerte, war das Gesicht eines schönen Engels, sie hatte mich zum Tanzen auffordern wollen; sie hatte mich vorher sogar schwafeln lassen, ohne Punkt und Komma, ich sagte ohne Punkt und Komma Danke und irgendwann unterbrach sie mich, sie sei schon ziemlich betrunken und redete da wahrscheinlich über mich und noch irgendwas, wahrscheinlich dass sie jetzt tanzen wolle und ob ich nicht mittanzen wolle, aber ich wusste zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr, was sie von mir wollte, deshalb sagte ich nur entschuldigend: „Tut mir leid, ich habe dir gerade nicht zugehört. Weißt du eigentlich, wie schön du bist? Das hat mich gerade ein bisschen abgelenkt.“, wahrscheinlich kam auch Daft Punk – Lose Yourself To Dance zu laut aus der schäbigen Anlage, als dass ich auch nur ein Wort von ihr verstehen konnte.

„So, was kann ich denn für Sie tun?“ „Sie hören es wahrscheinlich.“, näsele ich zur Begrüßung. „Da sind sie momentan aber in guter Gesellschaft.“, lacht die Ärztin.

Ich habe seltsam verschwommene Erinnerungen an die letzte Party, und ab einem gewissen Zeitpunkt sind diese verschwommenen Erinnerungen nur noch krackelige Striche, keine leserlichen Wörter mehr; wie bei einer Notiz, einem Gedanken, den man vor dem Schlafen gehen noch schnell im Halbdunkel ausformulieren wollte, und jetzt bei gutem Licht am nächsten Morgen nicht mehr entziffern kann.

„Drei Ballons? Ist das dein Kostüm?“, wurde ich fast fassungslos gefragt und musste mich mehrmals an diesem Abend erklären, das ich vorher einen wichtigen Termin hatte und nicht schon wieder mit großer Reisetasche durch die Gegend laufen wollte und bla bla bla; doch als ich mit F und L in der großen Shopping-Mall war, waren die drei Luftballons noch eine gute Idee und ein gutes Last-Minute-Kostüm, das viele lustige Sprüche produzierte, die ich unmöglich alle wiedergeben kann  – und wenn ihr jetzt schon nicht mehr folgen könnt und keine Lust mehr habt weiterzulesen, dann überlegt mal, wie es mir an diesem Abend ging.

„Kommst du heute auch zur Party?“, wurde ich beim Einkaufen von ein paar alten Bekannten gefragt und entgegnete trocken: „Ne, bin nur zufällig in der Gegend.“ – und für einen kurzen Moment blieben sie stehen, guckten mich irritiert an, wie ich da mit drei Ballons an meiner Schulter gebunden stand, und lachten dann: „Für einen Moment habe ich dir geglaubt.“, meinte einer von ihnen – aber ich war nur zufällig hier, hätte L mich nicht auf die Party hingewiesen, hätte ich nicht am gleichen Tag den Termin in der Stadt gehabt und hätten L und F nicht für mich Zeit gehabt, um die Zeit zu überbrücken zwischen dem Termin und der Party, dann wäre ich einfach wieder nach Hause gefahren – aber das interessiert euch sowieso nicht.

Und mich eigentlich auch nicht … schließlich bin ich zu der Party hingegangen und in der Straßenbahn dahin meinte ich noch, ich würde mich schon darauf freuen, bald auf den großen Literaturpartys rumzugeistern und nur so Blödsinn zu veranstalten, zum Beispiel einfach mit drei Ballons im Schlepptau aufzutauchen und so zu tun, als wäre es völlig normal.

L freudig dazu: „Wie Bill Murray!“ „Genau! – Ich werde der deutsche Bill Murray!“ – – Mir fiel noch das Interview mit Bill Murray ein, dass er letztens gab, als er für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde und das er natürlich nicht ernst nehmen konnte und deshalb sowas brachte wie: „Ich warte immer noch auf den Zeitpunkt, wo jemand meine Fassade durchschaut und die Welt realisiert, was für ein großes Schwein ich eigentlich bin.“

Und L kam noch mit der alten Geschichte, dass Bill Murray ja mal zu jemandem hin ist, dessen Dessert geklaut hat und zu der Person meinte: „Was willst du machen? Leuten sagen, dass Bill Murray dein Dessert geklaut hat? Dir wird niemand glauben!“ „Tja, heutzutage schon.“, lachten wir und unterhielten so mal wieder die ganze Bahn.

Auf der Party angekommen, stand ich erst mal draußen rauchen, da erzählten sich ein paar Leute, dass die und die gerade ihr erstes Kind gekriegt hat und einer der Jungs meinte, dass er das völlig widerlich findet und ob die Frauen das wissen, dass bei einer Geburt auch – um es nett auszudrücken – der komplette Darminhalt ausgepresst wird und was für Schmerzen man dabei hat und natürlich wissen sie das und dass man trotzdem noch ein zweites Kind kriegen will, würde bestimmt allein daran liegen, dass man direkt nach der Geburt mit einem natürlichen Glücksgefühl-Hormoncocktail vollgepumpt wird und so die ganzen Schmerzen vergisst und eine aus der Gruppe meinte dann: „Sie versucht auch schon wieder ihr nächstes Kind zu kriegen.“, worauf ich nur erwidern konnte: „In diesem Moment? Jetzt gerade? – Kann man dabei helfen?“

Tja, was soll ich da noch sagen, außer: Wie von sich selbst eingenommen kann man sein, dass man glaubt, jeder Spruch ist direkt eine Anmache.

Wir spielten Billard und während L ständig Kugeln einlochte, unterhielt ich mich mit einer: „Na, auch öfter hier?“, flirtete ich verspielt, natürlich ließ sie mich sofort dumm stehen, schließlich hatte sie einen Freund.

Beim Nächsten ging das Gespräch lockerer von der Hand, er fragte mich nach meiner Ausbildung in der Verwaltung, was man da so machen würde und ich entgegnete, im Moment sortiere ich Briefumschläge nach ihrer Größe; daraufhin kam er ins Stocken, guckte irritiert, wie so viele heute Abend irritiert gucken würden, und meinte deshalb nur: „Das war Spaß! – Wie so vieles, was ich sage.“

„Und was machst du hier?“, fragte ich ihn noch, um das Gespräch wieder in Gang zu kriegen. „Ich bin immer auf den Partys, wohne zwar nicht hier, komme aber immer gerne vorbei und naja, deshalb wurde ich auch eingeladen.“ „Hey, kann es sein, dass wir uns hier schon mal gesehen haben?“, hob ich eine Augenbraue, denn irgendwoher kam er mir wirklich bekannt vor. „Ja, ich glaube schon.“, lachte er, froh, dass ich ihn wieder erkannt hatte. „Tja, der Alkohol, Mann. Der Alkohol. – Ich freu mich dann schon auf die nächste Party, wenn ich dich wieder kennen lernen darf.“, übernahm ich den Queue und haute an der Billardkugel vorbei, sodass L wieder übernahm und eine weitere Kugel einlochte.

Ich lochte, als L nicht hinguckte, die restlichen drei verbliebenen Kugeln mit der Hand ein und ging mein Glas an der Theke auffüllen. Als ich wieder zurück zum Tisch kam, meinte L: „Gott sei Dank hast du die Ballons, so weiß ich immer, wo du bist – so kannst du mir nicht verloren gehen.“

Ich zeigte auf den Billardtisch und fragte die angehende Psychologin, ob wir gar nicht mehr spielen würden. Sie meinte nur vorsichtig, dass L wohl keine Lust mehr gehabt hätte und deshalb die restlichen Kugeln mit der Hand eingelocht hat. L meinte, er hätte ja eh schon gewonnen gehabt und deshalb hatte er einfach keine Lust mehr zu spielen; dabei hatte ich gerade erst angefangen zu spielen.

„Hey, sag mal. Kennen wir uns nicht von irgendwoher?“, fragte ich den gleichen Typen von gerade und er stieg voll drauf ein, machte den Blödsinn wieder mit.

„Na – wie geht’s?“, begrüßte ich zwei weitere Mädels und fragte, was sie so machen würden und versuchte sie kennen zu lernen oder zumindest eine Steilvorlage von ihnen zu bekommen, aber nichts. Als ich anfing, dass ich als Hobby schreibe und da meine ganze Freizeit reinstecke und deshalb nicht mehr so oft rauskomme, meinte die Eine von ihnen, dass sie als Hobby nicht arbeitslos werden will und ob man nicht die Musik wechseln könne, das nerve sie; da ließ ich die Beiden kurzerhand stehen und ging mir wieder mein Glas auffüllen.

Ich musste schon lange nicht mehr so um die Gunst eines Raumes kämpfen, but then again, ich komm ja auch so gut wie gar nicht mehr vor die Tür – warum ist das nochmal so? Achja, weil ich zu viel Zeit vor dem Laptop verbringe und schreibe und wenn ich dann mal vor die Tür gehe, sind immer Leute da, die mich unbedingt falsch verstehen wollen, mich nerven und prompt, als ich diesen Gedanken ausformuliert hatte, stellte sich die Psychologin neben mich, fing ein Gespräch an, dass sie ja jetzt bewiesen hätten, dass Demenz und die Alkoholkrankheit zusammen gehören wie Arsch auf Eimer.

„Aha – du, entschuldige mich mal eben.“, ging ich eine rauchen und ließ sie stehen. „Mit deinen drei Ballon kommst du mir vor, wie ein Charakter aus Mario Kart.“, begrüßte mich draußen jemand, dass ich nur etwas verbittert meinte: „Wenn du noch ein paar grüne Schildkrötenpanzer hast, immer her damit.“, scheinbar habe ich heute eine Zielscheibe auf dem Rücken.

Die versammelte Rauchergruppe lachte unsicher, ob das jetzt ein Witz war oder nicht und von einem aus der Gruppe kam: „Hey, sag mal. Kenne ich dich nicht irgendwoher? – Es kommt mir so vor, als würde ich dich von irgendwoher kennen.“ „Hey, stimmt. – – Kann es sein, dass wir uns hier schon mal gesehen haben?“, stießen wir noch einmal brüderlich zusammen an.

Ein bisschen hatte ich auch gehofft, etwas Material für Der Verlierer muss den Salat essen (3) sammeln zu können, aber leider war nichts gescheites dabei – wahrscheinlich nehme ich mich auch einfach wieder viel zu wichtig und die Leute interessiert es gar nicht, wie diese Trilogie zu Ende geht, wovon Jan denn jetzt überzeugt war, was der Titel zu bedeuten hat und überhaupt und sowieso, aber es hätte doch wenigstens mal einer fragen können, wie die Geschichte denn nun zu Ende geht …

Tagebuch

Stefan Schürrer View All →

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