Der Verlierer muss den Salat essen! (2)

„Ach, ich beschwere mich hier auch gerade auf einem ziemlich hohen Niveau, weißt du.“, mache ich noch einen Zug und schiebe eine Wand so, dass ich, wenn alles nach Plan verläuft, in zwei Zügen gewonnen habe. „Weißt du, ich bin ja kein Serien-Typ, hab mir aber jetzt The Man in the high castle runtergeladen und reingezogen, bis jetzt zwar nur die erste Folge, dann noch The Punisher und natürlich The Pinky and Brain Show!“, versucht er mich vielleicht gerade abzulenken.

„Oh, Steven Spielbergs beste Serie, der Pinky, der Pinky und der Brain, Brain, Brain! – Und wie fandest du die Anderen?“ „Wie gesagt, hab mir bis jetzt nur die erste Folge von The Man in the high castle reingezogen, aber die war super! – – Wirklich;  ich saß ja immer Dienstags und Donnerstags ein paar Stunden in der Uni und hab mir ganze Staffeln gezogen und währenddessen nebenbei gelernt. – – Mal gucken, wie ich das hier jetzt in Deutschland mache; aber mal was anderes, was zum Teufel machst du da? Du kannst doch nicht einfach hier einen Stein raus schieben, dann bringst du ja alles durcheinander!“, wirft er theatralisch seine Arme in die Luft.

„Sehe ich etwa aus wie einer mit einem Plan?“ „Das käme besser, wenn du jetzt noch eine dämliche Perücke auf dem Kopf und Schminke im Gesicht hättest.“, fängt er schon wieder an, dass ich nur seinen Schal nehme und ihn mir auf den Kopf lege, damit den Satz dann noch einmal wiederhole, dass er „Also jetzt bestimmt nicht mehr.“ grinst; nicht hämisch, sondern beinahe erleichtert würde ich sagen, so als sei er froh, dass ich endlich wieder Schabernack treiben kann.

Ich frage mich so langsam, ob er vielleicht auch davon überzeugt ist, dass … ach, nein …

„Alter, lass mal so spielen, dass du die Steine nicht direkt wieder da rein stecken kannst, wo sie vorher rausgezogen wurden, sonst ist das doch ein ewiges hin und her.“, muss ich ihm anscheinend die einfachsten Regeln erklären, als hätte er noch nie Das verrückte Labyrinth gespielt.

„Weißt du, ich hab mir jetzt Blade Runner 2049 bestellt, im Kino war ich schon sehr beeindruckt und saß wie gebannt im Kinosessel. Das Geile an dem Film ist ja sein künstlerischer Anspruch.“, mache ich einen unüberlegten Zug und befördere seine Spielfigur vom Spielfeld und meine Figur in eine Sackgasse, woher kommt auf einmal diese Musik, die im Laden läuft – sind das nicht … fuck, wie hießen die noch? Ist das nicht ein Song von Kings of Convenience von ihrem Album Declaration of Independence?

„Also ich kann dir gerade nicht folgen.“, schiebt er mich dafür jetzt einfach noch weiter in die Isolation mit seinem nächsten Move. „Nein, nein. Warte, kennst du die Band? – – Fuck, wie heißen die nochmal? Sind das nicht die Kings of Convenience?“ „Keine Ahnung, Mann. – – Erzählst du jetzt weiter?“ „Ja, lass mich nur noch, also, hier, ähm – so, warte. – – Jetzt hab ich’s!“, verschlucke ich mich an meiner Zunge.

„Hat auch lange genug gedauert.“, ignoriere ich seinen Sarkasmus und mache weiter: „Also. – – Im ersten Blade Runner geht es ja schon um die Frage, was macht einen Menschen aus und das haben sie wunderbar fortgeführt im zweiten Teil, wie ich finde. Jetzt geben sie den Blade Runnern Erinnerungen, damit sie etwas haben, worauf sie ihre Werte aufbauen können, wonach sie sich im alltäglichen Leben richten können und diese Erinnerungen werden alle von Leuten gemacht, von Leuten, die unterschiedlich gut sind. Und eine davon ist richtig gut, und … ich weiß jetzt nicht, inwieweit du schon mit dem Film vertraut bist und ob ich spoilern darf, aber die Eine ist so gut darin, auf jeden Fall kommen sie zu ihr und sie sagt halt, diese gemachten Erinnerungen sollten frei erfunden sein und nicht auf wahren Begebenheiten beruhen und nachher kommt halt raus, ihre Erinnerungen sind so gut, weil sie sie nicht erfindet, sie basieren zum Teil auf ihrem Leben.“ „Oh, wow – das wirft natürlich ein ganz anderes Licht auf die Sache.“, macht er noch einen Zug und hat den letzten Stein auf dem Spielbrett eingesammelt und damit gewonnen, kann sich aber nicht so richtig darüber freuen. „Nein, versteh doch – es ist eine wunderbare Metapher für die …“ „Nein, nein – ich versteh schon, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.“, gönnt er sich einen letzten Schluck, dann ist sein Bier leer.

„Wollen wir gehen? – Du willst ja noch Passfotos machen.“, frage ich mit einem Blick auf die Uhr. „Jo, ich geh nochmal eben pissen und du kannst ja schon mal bezahlen.“, verschwindet er eben und in der Zwischenzeit bestelle ich noch zwei Bier für unterwegs, obwohl mich so langsam das Gefühl beschleicht, ich bin zu so einem geworden, der in einer großen Gruppe noch einen Nachtisch bestellt, wenn alle Anderen schon lange aufgegessen haben und nach Hause wollen.

Dieses Bild kam mir die Tage, als ich vier ältere Damen in einem Café dabei beobachtete, wie sie in Erinnerungen schwelgten, sich über verstorbene Freunde, Weggefährten, Lehrer, Liebhaber, Männer und ihre Kinder unterhielten und alte Fotos austauschten, Briefe vorlasen und sich endlich in die heiklen Geschichten von damals einweihten; es war ein so herzliches Treffen, zu sehen, dass sie nach all den Jahren wieder zusammen saßen, hat mir das Herz erwärmt und zugleich einen Schlag verpasst.

Als eine der älteren Damen dann anfing von einer Online-Bekanntschaft zu erzählen, die als Job alte Frauen in Altersheimen befriedigt, packte ich meine Sachen zusammen und ging zu meinem nächsten Termin, nicht weil es mich anwiderte, sondern weil ich leider los musste; aber dieses Bild von der einen Person, die alle aufhält, weil sie noch einen Nachtisch verlangt, blieb einfach hängen.

„Können wir? – Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“, nimmt er mir das Bier aus der Hand, so als hätte er fast erwartet, dass ich uns noch Bier für Unterwegs bestelle. „Ach, schon gut. – – Das Interessante an der ganzen Sache ist doch, dass die Erinnerung, um die es in Blade Runner geht, auf einem Buch beruht.“, trete ich meine fast neue Zigarette auf der Straße aus. „Ja, Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick.“ „Nein, das meine ich nicht; ach – ist aber auch egal.“ „Dann war es wohl nicht so wichtig.“, marschiert er wieder in diesem Tempo die Straße lang, als wäre der Tod persönlich hinter ihm her.

„Jetzt renn doch nicht so, verdammt! – – Wusstest du, dass Philip K. Dick jahrelang erfolgreich mit geringen Dosen LSD und Ecstasy gegen seine Depressionen behandelt wurde.“ „Kein Wunder, dass er irgendwann dachte, Türen reden mit ihm.“ „Das ist nicht lustig, es ist wirklich schade, dass nach der Hippie-Bewegung und den 68igern alles erfolgsversprechende in dieser Richtung gegen die Wand gefahren wurde – aber es ist ja immer besser, alles erst einmal zu verbieten, zu verteufeln und zu kriminalisieren, statt sich mit einer Sache mal vernünftig auseinanderzusetzen; Gott, ich hasse diese Gesellschaft manchmal!“ „Hey. – – Vorsicht, nicht dass du gegen einen Pfosten läufst.“, berührt er mich an der Schulter und mir fällt auf einmal auf, wir stehen ja schon mitten auf dem Bahnhofsvorplatz.

„Ach, und wenn schon – dann lauf ich halt gegen einen Pfosten; darf ich nicht auch mal Feierabend haben und mich gehen lassen?“, schaue ich den Leuten in meiner Umgebung direkt in die Augen, dass sie in meinen Augen erschrocken zurückschrecken.

„Wolltest du nicht noch Passbilder machen?“, versuche ich wieder auf ein passenderes Thema zu kommen und hasse mich selbst dafür, in der Öffentlichkeit die Fassung verloren zu haben. „Ja, eigentlich schon – hier muss doch irgendwo noch ein Fotoautomat stehen, oder? – – Meinte jedenfalls meine Mutter.“ „Wahrscheinlich im Bahnhof – oh guck, Polizisten.“, zeige ich mit meiner Bierflasche in ihre Richtung. „In Budapest hab ich mich nie getraut vor ihren Augen zu trinken.“ „Ich weiß, deshalb sag ich das ja jetzt. – – Lass uns doch direkt vor sie stellen und was trinken, dann kannst du deinen Traum der letzten Monate verwirklichen, endlich wieder in der Öffentlichkeit trinken ohne Angst zu haben dafür ins Gefängnis geworfen zu werden – für mich gilt dann das Gleiche in den Niederlanden mit Gras!“, sprudelt es wieder aus mir raus.

„Da ist übrigens ein Automat.“, zeige ich drinnen in eine Richtung, dass er auflachen muss. „Ja, aber da krieg ich nur Fahrkarten – ich will Fotos.“ „Ach, wir hauen einfach so lange auf den Automaten drauf, bis wir verhaftet werden, am Ende des Abends hast du dann ein schönes Foto – ein Fahndungsfoto.“, versuche ich mich an einem neuen Insider, er kann aber nicht so richtig lachen, ist noch voll und ganz im Automaten-such-Modus.

„Da!“, ruft er endlich und verschwindet schon, drückt mir noch sein Bier, seinen Schal, seine Jacke und seinen Rucksack in die Hand und verschwindet in der Kabine. „Ich bin es so langsam leid.“, fange ich an, während drinnen der Automat mit ihm in verschiedenen Sprachen redet. „Was bist du leid?“, kommt nur von drinnen, während er auf verschiedenen Knöpfen rumdrückt.

„Ich habe bis jetzt immer geglaubt, in einer Zeit wie dieser, in der Trump und Rechtsradikale die Medien auf Trab halten und ihre eigene Wirklichkeit kreieren, Populisten ihre eigene Wahrheit verbreiten, ist es die Aufgabe des Künstlers, dem ganzen Chaos einen Spiegel vorzuhalten. Den Menschen zu zeigen, wie leicht man manipuliert werden kann und sie so ein wenig abzuhärten gegen die Machenschaften der Bösen.“ „Die Böäöähsen.“, wiederholt er albern, während die Maschine das erste Mal mit ihm redet und von ihm verlangt, still zu sitzen.

„Aber mittlerweile bin ich es leid, das eine zu sagen und zu machen und das andere zu schreiben; vielleicht ist es ja die Aufgabe des Künstlers, ganz nach Papst John Paul II’s – Letter to Artists, besser zu sein, als die Gesellschaft – – dem Menschen zu zeigen, dass Dostojevskis Beauty will save the World immer noch gilt.“

„Bitte schauen Sie in die Kamera.“, sagt der Automat zum dritten Mal, dass Jan von drinnen schon auf die Anzeige haut. „Hey, lass dir ruhig Zeit. – – Ich warte hier so lange auf dich, bis ich auch dein Bier auf habe, dann fahr ich nach Hause.“ „Alter, ich glaube, die Maschine ist kaputt. Die springt immer wieder ins Startmenü zurück.“, kommt er mit einem hochroten Kopf aus der Kabine.

Kurzgeschichte

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