Der Verlierer muss den Salat essen! (1)

„Ich brauch deine Regieanweisungen. Damit kann ich so ja noch nichts anfangen. Du hast ja noch nichts dagelassen, wonach wir handeln könnten. Ich brauche deine Regieanweisungen, dass du mir genau sagst, so und so.“, setzen sie sich in Hörreichweite von mir an einen der freien Tische, dass ich nicht anders kann als zuzuhören.

„Das wollt ich definitiv bis nächste Woche nachholen – hier steht aber zum Beispiel: Klappe halten!“, zeigt der Eine auf eine Stelle im Drehbuch, als die Kellnerin kommt und ihre Bestellung aufnimmt. „Mir fällt gerade auf, du hast da was im Haar.“, „Wäre ich jetzt ein Arschloch, hätte ich sowas gesagt wie: Du hast da was auf deiner Glatze.“, korrigiert sich der Andere noch und geht mit der Hand über die Glatze des Anderen, der liest aber unbeirrt im Drehbuch.

„Das Geilste ist ja, ein Kumpel von mir hat wirklich einen R2D2, wo du dann per Knopfdruck Prinzessin Leia erscheinen lassen kannst, in Pappmasché, muss ihn mal fragen, ob wir den haben können.“ „Oh, das wäre doch optimal!“ „Weißt du, ich finde, es gibt nur eine richtig gute Star Wars-Verarsche und das ist die von“ „Spaceballs!“, beenden sie die Sätze des jeweils anderen.

„Das Geilste an dem Film ist ja, wenn sie im Film des Films sind und einer so, … wie können wir denn jetzt eine Kassette haben, wenn der Film noch gedreht wird?Es gibt eine neue Erfindung auf dem Videomarkt, die nennt sich instant Kassetten, so können sie den Film schon im Laden kaufen, bevor der Film abgedreht ist! – drehen sie sich zum Fernseher und sehen sich tausendfach!“, lachen beide, dann fällt die Tür zu und ich stehe draußen in der kalten Nachmittagsluft unter dem Baugerüst, das die schöne Fassade des Gebäudes blockiert und stecke mir eine Zigarette an.

Einige Autos fahren an den Absperrungen auf der Straße vorbei und hupen, als ein Taxifahrer ranfährt, seinen Motor abstellt und an mir vorbei in einem Hauseingang verschwindet, um wenige Augenblicke später mit einer alten Dame am Arm zurück zu seinem Taxi zu gehen.

Als ich wieder an meinem Tisch Platz nehme, denke ich noch, eigentlich könnte ich da ja auch mal kurz Hallo sagen am Tisch, aber ich will nicht schon wieder verzweifelt wirken, mich anbiedern oder aufdrängen, also bestelle ich mir noch einen Drink und warte auf Jan.

In letzter Zeit bin ich auch einfach auf zu vielen Veranstaltungen gewesen, wo ich alleine im Publikum saß und sich irgendwelche netten Leute neben mich setzten, als wäre ich neu in der Klasse und vom Lehrer auf den einzigen, freien Platz im Klassenraum verwiesen worden, den Platz neben ihnen und jedes Mal habe ich das Gefühl, sie müssten sich jetzt erbarmen und ein Gespräch mit mir anfangen, weil ich ja ganz alleine da sitze.

Und dann weiß ich nie, was ich sagen soll; und dass, obwohl es so viele Sachen gibt, die ich mal jemandem erzählen könnte, dass Jan schon fünf Minuten nach der Begrüßung „Du siehst ziemlich fertig aus.“ und „Ich warte eigentlich auf deinen Monolog.“ raushaut, dass ich nur lachen kann.

Neben unserem Tisch fallen sich jetzt zwei Mädchen um den Hals und jubeln im Laden zusammen, dass man meinen könnte, sie hätten nie voneinander getrennt sein dürfen, um die Wette und lassen unsere Begrüßung alt aussehen, sodass wir uns nur angucken müssen und eigentlich direkt wissen, was der Andere denkt, obwohl wir uns die letzten Monate nur per Skype unterhalten haben.

„Müssen wir uns jetzt nochmal begrüßen? – das war ja wohl“ „Dann müssen wir die aber auch übertrumpfen!“, machen wir schon wieder Witze.

„Weißt du, einmal hab ich meinem Bruder zur Begrüßung durchs Gesicht geleckt und seine Freundin stand daneben und guckte mich nur mit weit aufgerissenen Augen an und meinte, mir leckst du jetzt aber nicht durchs Gesicht, oder? – Nein, nein, keine Panik, musste ich ihr zusichern.“ „Oh Mann.“, schüttelt er nur ungläubig den Kopf.

„Zwischendurch wurde es wirklich lächerlich, das sage ich dir – ich war letztens in Bielefeld, um mich versicherungstechnisch beraten zu lassen, danach in einer Kneipe und irgendwann meinten so zwei ältere Typen an der Theke, „Hey, sag mal, ist der das nicht?“ und zeigten in meine Richtung, zeigten sich gegenseitig Fotos auf ihrem Handy.“, fange ich ein neues Thema an, weil auch Jan die Blicke der Anwesenden nicht mehr ignorieren kann.

„Was? – Nein, das glaub ich nicht.“, gönnt er sich noch einen Schluck. „Kannst du aber, ich werde mittlerweile überall auf der Straße erkannt; bin zu einer beschissenen Figur des öffentlichen Lebens geworden.“ „Vielleicht waren es auch nur zwei Kopfgeldjäger.“, läuft gerade Bob Dylans – All along the Watchtower im Radio. „Ha! Genau! – Mit meinem Fahndungsfoto!“, schicken wir uns jetzt wieder gegenseitig Vorlagen zur Improvisation. „Wahrscheinlich waren es einfach nur zwei Kopfgeldjäger, die ihre Wanted- Dead or alive Fahndungsfotos verglichen haben und dann so: Ist der das? Nein, das ist der nicht, und der? – Nein, der ist es auch nicht.“, wischt er auf einem imaginären Smartphone nach links.

„Alter, aber wenn schon ein Besuch beim Versicherungsvertreter zur life-coach-Beratung wird, weil du keine Ahnung hast, was du mit deinem Leben anfangen willst, sollte dir das zu denken geben.“, fange ich wieder ein neues Thema an. „Wie meinst du das?“ „Na, da kamen so Fragen wie: Was wollen sie in fünfzig Jahren machen? Wovon träumen Sie? Was möchten Sie noch unbedingt in ihrem Leben machen? – Solche Fragen bringen einen schon zum nachdenken.“ „Ja, ok; das stimmt natürlich – sowas müssen die wissen bei einer guten Beratung.“ „Eben. Und ich so die ganze Zeit: Keine Ahnung, was ich mit meinem Leben machen will! – Vielleicht hin und wieder was trinken gehen.“ „Oh ja, die brauchen so Informationen natürlich.“, wirkt er nicht bei der Sache. „Vor allem, wenn sie mit mir meinen Lebensplan entwerfen!“, hänge ich noch an und nur langsam wird mir klar, er denkt bestimmt schon wieder, ich rede nur wieder in irgendeinem Code; aber endlich mal wieder mit jemandem reden zu können, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass es verzerrt und aus dem Zusammenhang gerissen über drei Ecken zu mir zurück kommt, ist eine Erleichterung, die er wohl nie verstehen wird, sodass ich jetzt mit ihm offen raus bin.

„Ich hab deinen Text übrigens noch nicht gelesen, den du mir die Tage geschickt hattest. Bin ich noch nicht zu gekommen.“ „Macht nichts, ist jetzt eh schon online. Hab ich schon veröffentlicht.“, lehne ich mich in meinem Stuhl nach vorne. „Hast du das mit Schulz mitgekriegt?“, „Was soll das heißen? Ein Fehler und du bist weg? – Ist das die Moral von der Geschicht‘?“, fragt er noch und weil ich nur mit den Schultern zucke, steht er auf und holt neues Bier.

Als er sich wieder setzt, atmet er schwer; zu schwer für die kurze Strecke von der Bar bis zum Tisch – manchmal frage ich mich, ob …

„Das ist doch mal wieder typisch, oder? – Auf meiner Abschiedsparty kam einer an und hat mir einen Joint in die Hand gedrückt, hab also wieder mal kurz vor’m Zelte-abbrechen eine neue Quelle aufgetan – oder darf man hier darüber nicht reden?“, fragt er mit seinem Blick entschuldigend. „Ach, ich bin seit Monaten so gut wie nüchtern.“, drehe ich mit meinem Zeigefinger und Daumen einen Zettel auf und spiele damit herum. „Was heißt das?“, fragt er deshalb vorsichtig. „Ich betrinke mich nicht mal mehr in der Öffentlichkeit.“, will ja ein gutes Vorbild sein. „Das glaub ich dir nicht – wie kannst du denn ohne deinen Kokain-Berg leben? Ich sehe dich noch immer mit deinem Gesicht in einem Berg von weißen Pulver liegen!“, lacht er. „Hey, bei uns ging es immer zivilisiert zu.“, bediene ich mich des aufgedrehten Zettels, ziehe mir eine imaginäre line of coke durch die Nase und bemerke erst jetzt, dass niemand mehr im Lokal redet.

„Hier, ich tu mir übrigens Improvisation an.“, zeige ich deshalb nun auf das Wochenvorschau-Programm hinten in der Speisekarte auf die nächsten Termine.

„Da bin ich leider nicht mehr da, ich hab dir doch von Maren erzählt, mit der wollte ich mich treffen.“ „Ja?“, würde ich ihm gerne noch vom Bushaltestellenerlebnis erzählen, wo ich mit einer Zigarette in der Hand auf einer Bank auf den Bus wartete und sich eine Mutter mit Kind im Kinderwagen neben mich gestellt hatte, ich deshalb zum Wohle des Kindes aufgestanden bin, zwei Schritte weg gemacht habe, bis ich fertig geraucht hatte und mich dann wieder gesetzt habe, nur um zu sehen, dass sie sich selbst eine Zigarette angesteckt hat – ich halte aber lieber mal meine Schnauze und versuche mich auf seine Geschichte zu konzentrieren, gestehe noch: „Tschuldigung, ich hab dir gerade nicht zugehört.“, deshalb wiederholt er: „Maren macht momentan ihren Master, ein Jahr dauert das und das System ist so beschissen, dass sie nur diese eine Sache in ihrem Master machen kann und sich sonst nicht in anderen Bereichen weiterbilden kann, das macht sie einfach depressiv, glaube ich. Das ist so ein beschissenes System, dass sie da so langsam die Nerven verliert, glaube ich. Ich meine, depressiv war sie zwar auch schon vorher, aber nach der Sache mit ihrem Ex-Freund, ich hab dir ja von ihrem Ex-Freund erzählt, oder? Dass sie erst durch Tonaufnahmen auf der Beerdigung mitkriegte, dass er sie die ganze Beziehung über betrogen hatte; also depressiv war sie zwar schon immer etwas, aber das hat sie aus der Bahn geworfen – seitdem bin ich etwas allergisch, was das Betrügen in Beziehungen angeht.“ „Aha.“

„Ja, jetzt weiß ich, dass das Leute ganz schön fertig machen kann.“ „Mhm, ich hab mich letztens übrigens mit meiner Ex-Freundin getroffen.“ „Mit welcher?“, fragt er noch zum Verständnis. „Mit der Ex! Der Königin aller Exen!“ „-menschen“, beendet er meinen Satz.

„Wir haben uns drei Tage getroffen und“ „warum drei Tage?“ „Weil wir wohl nichts besseres zu tun hatten, keine Ahnung! Hat sich einfach so ergeben – und haben über die Vergangenheit gequatscht und tja, lange Rede kurzer Sinn … seitdem reagiere ich wohl etwas allergisch auf die Wahrheit.“, zucke ich desinteressiert mit den Schultern, stehe auf und gehe eine rauchen.

Es wird so langsam dunkel und drinnen geht Jan gerade die Spielesammlung des Ladens durch und sucht eine Star Wars-Version von Das verrückte Labyrinth raus und winkt wie doof von drinnen, ob wir das noch eine Runde spielen sollen.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

Autorenseite:

https://de-de.facebook.com/StefanSchuerrer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: