Die übliche Ablenkung

Gott, eigentlich will ich endlich mal wieder Liebesgedichte schreiben; aber wenn es mir selbst meine Mutter ansehen kann und mich fragt, ob ich in der Vergangenheit nicht vielleicht doch mal eine Grippe verschleppt habe, wenn mich das bisschen schon fertig macht, sollte ich mal mein Herz überprüfen lassen, nicht dass das auf den Herzmuskel gezogen ist – ich weiß, sie meint es nur gut, aber … es fing wieder damit an, dass ich ein Video in ihrem Feed geliked hatte, Justin Baldoni What it Means to Be „Man Enough“, und daraufhin hatte sie mich einfach angeschrieben und gefragt, wie es mir geht und was ich so mache und dann hatte sie mich auch noch gefragt, ob sie vorbei kommen kann, sie sei gerade in der Gegend.

Gott, eigentlich will ich wirklich mal wieder Liebesgedichte schreiben, aber vielleicht bin ich einfach nicht mehr der, der ich einmal war. Damals, im Studium, hatte ich diese Tradition, dass ich nach einem langen Abend hinter der Theke, wenn alle Gäste schon lange nach Hause getorkelt sind, die Boxen ein letztes Mal aufgedreht habe, sodass beim Aufräumen Lou Reeds Perfekt Day durch die Teufelsanlage dröhnte und dann bin ich zu ihr ins Bett.

Wir haben im Bett geredet, bis die Sonne aufging und sie zu den ersten Vorlesungen musste; es war herrlich.

„Schreibblockade?“ – „Das hab ich nicht gesagt. Ich glaube nur, dass ich im Moment nur deprimierende Texte …“ – „Ich weiß genau, wie ich dir da helfen kann! – Ich krieg dich schon noch zum Schreiben.“, tanzte sie geschmeidig um meinen Tisch herum. „Ach ja?“, hob ich wohl misstrauisch eine Augenbraue, denn von ihr kam nun in voller Überzeugung: „Ja, klar!“

„Du wirst einfach so lange mit genügend Gras, Whiskey und einer Pistole in einen Raum gesperrt, bis du mit dem Manuskript fertig bist oder den Verstand verloren hast; so einfach ist das. – – Das Beste daran: Die Pistole, wo du glaubst, dass sie eine Kugel im Lauf hat, um dich irgendwann zu erlösen, schießt nur Platzpatronen.“, zwinkerte sie mir zu und nahm ein paar Bücher vorsichtig hoch, einen Gedichtband einer guten Freundin Von Morgenseelen und Eisbrecherfernen, zwei Bücher Das Genie und Although Of Course You End Becoming Yourself, die ich vorhin absichtlich so dort drapiert hatte, dass es so aussah, als ob ich sie heute Morgen lieblos auf den Tisch geworfen hätte.

Sie schaute sich die Bücher interessiert an, während ich The 1975 – i like it when you sleep, for you are so beautiful yet so unaware of it aus meiner Plattensammlung suchte und auf den zugestaubten Schallplattenspieler abspielte, lächelte sie schließlich, als erwarte sie etwas; wie ein Kind am Weihnachtsmorgen, dass die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum nicht findet, aber durchaus weiß, dass es welche kriegt und deshalb in voller Vorfreude ist, wann sie wohl die Gelegenheit bekommt, sie endlich auszupacken.

„Hast du gerade jemanden in deinem Leben?“, fragte sie offen raus. „Ähm, naja – wie soll ich das sagen?! Also, eigentlich nicht? Nein. – – Nein, noch nicht.“, redete ich mich um Kopf und Kragen. „Ähm, ok. – – Mann der Worte. Was wolltest du nochmal sein? Drückt sich so ein Schriftsteller aus?“, lachte sie. „Und du?“, fragte ich nur und setzte mich neben sie.

„Ich komm gerade aus einer ziemich abgefuckten Beziehung, mit Manipulation und sich selbst ständig Schuldgefühle einreden und den ganzen Mist – nicht schön, gar nicht schön; das sag ich dir.“, schüttelte sie nachdenklich den Kopf und erzählte dann von einem kleinen nächtlichen Abenteuer mit ihren Freundinnen, wahrscheinlich um sich selbst abzulenken und diese Geschichte spickte sie mit so vielen sinnlosen Details, dass ich mir ihre Geschichte nur fünf Minuten lang anhören konnte und sie dann unterbrechen musste.

„Also wirklich, die Sache mit der Straßenbahn hättest du auch komplett weglassen können. Die ist nicht relevant gewesen. Verkürz doch einfach deine Geschichte. Wir verschwenden heutzutage schon genug Wörter, dass macht mich richtig wuschig, wenn ich Leute sehe, die ohne Punkt und Komma reden und dabei nicht von der Stelle kommen.“ „Hä? Natürlich ist der Teil mit der Straßenbahn relevant gewesen! Das ich zur Straßenbahn rennen musste, war wichtig.“, guckte sie nur irritiert.

„Dann erzähl das auch so, verdammt! Du kannst doch nicht einfach sagen: Und dann bin ich morgens zum Briefkasten gegangen und habe meine Post rausgeholt, wenn du erzählen könntest, dass du an diesem speziellen Morgen im Briefkasten eine Briefbombe gefunden hast und sie dem scheiß Nazi-Nachbar in letzter Minute an den Kopf werfen konntest und so dein Leben gerettet hast! – – Verstehst du, was ich meine?“, fluchte ich fast.

„Ja, ok. – – Also ich sah die Straßenbahn schon von Weitem kommen und musste zum Sprint ansetzen, ich bin schon lange nicht mehr so schnell gerannt! Das hättest du sehen müssen, es war ein gottverdammter Staffellauf! Wer ist zuerst am Ziel? Die Straßenbahn oder ich?“, schoss sie übers Ziel hinaus, stand auf und machte sich einen Longdrink.

Ich ging an ihr vorbei, wie einer, der sich in einer Warteschlange unauffällig vordrängelt und setzte mich auf die Fensterbank. „Weißt du, trotz Feminismus und #Me too bin ich eine Frau, die nichts gegen einen Mann einzuwenden hätte, der sie erobert.“, grub sie ihr eigenes Grab.

Ich meine, fassen wir doch nochmal zusammen: Sie hatte mich heute nicht nur ein paar Mal beleidigt, nein, sie war auch frech, vorlaut und von sich selbst eingenommen, trotz meiner Komplimente hat sie mich nicht einmal wertgeschätzt, hatte nicht einmal ein nettes Wort über mich verloren, hat mich nicht ausreden lassen, hatte mich dafür mit ihren Geschichten vollgelabert und erwartete jetzt wohl auch noch von mir, dass ich sie auf Händen trage bzw. mich an sie ran mache? – Ja, natürlich; als ob ich es so nötig hätte.

„Witzig. Du bist schon die dritte Frau, die mir das sagt.“, erwiderte ich nur trocken. „Ist es zu viel verlangt, auch mal ein Kompliment zu erwarten? Ihr Frauen führt euch wie die größten Arschlöcher auf und erwartet trotzdem, dass wir euch auf Händen tragen; das sollte sich mal ein Mann rausnehmen. – – Vielleicht will ich auch mal Blumen bekommen?“, zog ich das ganze schließlich ins Lächerliche, denn wie es schien, hatte sich bei ihr irgendetwas aufgehängt, sie wirkte wie festgenagelt, als hätte ich soeben einem mittelalterlichem Bauern versucht das Smartphone zu erklären.

Gott, ich will doch eigentlich nur mal wieder Liebesgedichte schreiben …

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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