Besuch aus der Vergangenheit

„Hast du Öl-Sardinen da?“, ist seine erste Frage, die mich stutzen lässt – sowieso bringt er gerade wieder ziemliches Chaos in meinen Feierabend; wie er hier einfach mit dieser Selbstverständlichkeit hereinprescht, seine Sachen überall verteilt und dann meine Schubladen durchwühlt …

„Was ist los mit dir? Du stehst irgendwie neben dir, kann das sein?“, hat er die Dose gefunden, hält dann kurz inne, schaut mich besorgt an, um dann seine Suche nach einer kleinen Kuchengabel fortzuführen. „Ach, die letzten Tage nur geschrieben – jetzt brauche ich einfach ein bisschen, um wieder in die Wirklichkeit zurückzukommen.“, mache ich eine bestimmte Schublade auf und reiche ihm die noch fehlende Gabel. „Na, dann willkommen zurück in der Wirklichkeit!“, lacht er und gönnt sich die Öl-Sardinen pur.

„Witzig, du bist schon die dritte Person, die mir das sagt.“, setze ich mich an den Küchentisch. „Echt? – Und wer waren die anderen Beiden? – Hast du gerade wieder ein paar an der Angel? Weißt du, es würden ganz bestimmt noch mehr Schlange stehen, wenn du offen raus damit bist, dass du so ein Hecht bist.“, stopft er sich den Mund voll.

„Das waren beides die Partnerinnen von Freunden.“ „Was? Du treibst es mit den Freundinnen deiner Freunde?“, versteht er mich absichtlich falsch, dass ich nicht darauf eingehe; viel mehr räume ich jetzt schon so langsam seine Sauerei weg, denn er lässt die leere Öl-Sardinen-Dose auf dem Tisch stehen, hinterlässt Fettabdrücke auf der Tischplatte und überall da, wo er seine fettigen Hände hinpackt.

„Mann, du hast es wirklich gut, wenn selbst die Freundinnen deiner Freunde die Finger nicht von dir lassen können. Ich hatte mich letztens mit meiner Ex verabredet und …“ „Witzig, dass du das sagst. Ich hab erst gestern noch mit Jan bei einer Age of Empires-Partie darüber philosophiert, ob es eine pure Zeitverschwendung wäre ein Spiel ein zweites Mal durchzuspielen.“ „Und was meinte er?“ „Bei einem Spiel wie Borderlands lohnt es sich immer, die Story ein zweites Mal durchzuspielen, schließlich kann man beim zweiten Durchlauf eine andere Klasse ausprobieren.“ „Ja, eine klassische Jan-Antwort.“, geht er vor mir die Treppe hoch, inzwischen hat er auch seine fettigen Hände unter fließend Wasser gehalten und mit Zewa abgetrocknet.

„Ja, während ich gerade von einer gegnerischen Armee überrannt wurde, kamen wir noch auf das computergeschriebene Harry Potter Kapitel The Handsome One zu sprechen bzw. fragte er mich provozierend, weil ja jetzt die große Karriere mit meinen eigenem Blog bevorsteht …“ „Achja, wie läuft es eigentlich? – Läuft es überhaupt?“, bleibt er stehen, dass ich fast in ihn rein laufe. „Ja, ganz in Ordnung – Jan fragte mich, was ich davon halten würde, bald von einem Computer ersetzt zu werden, worauf ich das Erste konterte, was mir in den Kopf kam: They took our Jobs! und natürlich kam von ihm …“ „They take our jobs! – Der Klassiker!“, beendet er meine Story und lässt sich auf mein Bett fallen.

„well, when a person or in this scenario a computer, who can not write logically or has no connections in this country whatsoever, takes your job, than you should think – wie geht das Zitat noch mal?“, reiche ich ihm das erste Bier. „THAT IT’S TIME TO PARTEEEEEEY“, prostet er mir zu.

„Und heute in unserer Show Wie werden wir dem geistigen Eigentum Anderer gerecht? – Indem wir ihre Zitate verschandeln! eine Publikumsdiskussion darüber, ob der Titel unser Show zu lang ist.“, stoße ich mit ihm an.

„Weißt du, dass Krasse ist ja, mir fehlt gar nicht so sehr der Sex, mir fehlt viel mehr das gemeinsam im Bett liegen und kuscheln, das zusammen aufwachen. Dass jemand da ist. Dass da jemand an meiner Seite liegt.“, fängt er ein ernsthafteres Thema an. „Ich glaube,  wir kommen einfach in das gewisse Alter …“ „Jo, wahrscheinlich – und was geht bei dir so? Hast du wenigstens Eine, die du gerne mal …“, unterbricht er mich. „Ach, …“, unterbreche ich ihn deshalb auch. „Nichts: Ach, … – jetzt sag nicht, du hast schon wieder …“ „Nein, nein! Die Eine ist wirklich weltklasse, aber …“ „Du stellt dich wieder zu dumm an!“, lacht er und gönnt sich schon das nächste Bier.

„Ich mach so Sachen, dass ich sie frage Können wir uns mal eben unterhalten? und dann bin ich zu blöd, um einmal Ich mag dich, willst du einen Kaffee mit mir trinken gehen? zu sagen – die muss mich auch für völlig blöd halten; aber vielleicht habe ich auch einfach nur Angst erneut verletzt zu werden, und wenn sie nicht vollkommen auf den Kopf gefallen ist, weiß sie das auch. Oder ich frage zum Beispiel, ob sie am Wochenende was vor hat und wenn sie sagt, dass sie noch nichts vor hat, dann schaffe ich es nicht, sie zu fragen, ob …“ „Warte! Ich mach eben die passende Musik dazu an!“, springt er auf, macht die Bob Dylan Platte aus und Crawling von Linkin Park an. „Ach,  fick dich.“

„Und worüber denkst du in letzter Zeit so alles nach? Hast du wieder neue Erkenntnisse, die du mit der Welt teilen kannst? Du entwickelst doch bestimmt wieder bahnbrechende neue Thesen, die die Gesellschaft in Atem halten müssten!“ „Alter, fick dich doch einfach!“ „Nein, Digger. Das mein ich ernst.“, schiebt er mir ein neues Bier rüber.

„Ähm … lass mich überlegen … einmal, ob wirklich irgendwann Sex-Roboter den Geschlechtsverkehr ersetzen oder ob wir diese Entscheidung nicht schon längst auf dem Weg der Digitalisierung getroffen haben und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis wir diesen unausweichlichen Schritt in der Entwicklung der Menschheit machen, nachdem wir die Isolation des Individuums mit der fortschrittlicheren Technik möglich gemacht haben – und ab wann wir uns nicht mehr in einem Kampf der marktwirtschaftlichen Ideologien befinden, sondern in einem Kampf um die digitalen Interessen.“

„Haben wir noch Alkohol da?“, unterbricht er mich kurz, daraufhin zeige ich nur auf das Bücherregal: „Ich meine jetzt nicht den Streit um die Netzneutralität, sondern ob es irgendwann heißt: Gehen wir in die digitale Wirklichkeit, laden wir unser Bewusstsein in die virtuelle Welt hoch oder verbessern wir unseren Körper mit immer mehr Updates, biotechnischer Prothesen und Implantaten à la Deus Ex.“ „Wie meinst du das jetzt?“, unterbricht er mich, ich aber habe mich in Rage geredet: „Die gesellschaftliche Entwicklung wird nicht durch den technischen Fortschritt, sondern durch eine Lobby bestimmt, die, die die einflussreichsten Unterstützer auf ihrer Seite haben, werden gewinnen und das Gesicht der Welt für die nächsten Jahrhunderte prägen!“

„Hattest du nicht gesagt, du hast genug Alkohol da, um eine ganze Kompanie zu versorgen? Ich zähl hier nur noch eine Flasche.“ „Reicht die nicht? Noch hat der Laden auf, wir könnten nochmal los …“ „Ja, lass mal ein bisschen frische Luft schnappen.“, marschiert er vor mir her die Treppe runter.

„Also ich glaube, es war Ray Kurzweil, der gesagt hat, dass unsere Technologie exponentiell wächst und wenn sie mit dieser Geschwindigkeit wächst, werden wir in diesen Jahrhundert The Singularity haben, aber ob das so stimmt, ist eine andere Frage. Moore’s Law bezieht sich übrigens auf die Chips in Computern, dass wir immer bessere Prozessoren haben werden und leider wurde Moore’s Law schon widerlegt, also spricht erst einmal nichts für deine …“, fängt er an laut zu denken.

„Hey, wo willst du denn lang? – Der Weg hier ist doch viel schneller.“, bleibe ich an einer Abzweigung stehen. „Spinnst du? – Da geht es zum Friedhof! Es ist dunkel. Wir sind alleine. Weit und breit keine Menschenseele. Ich will nicht in einem beschissenen Horrorfilm enden!“, worauf ich kurz stutze, dann kommt von ihm im gewohnten Ton noch: „Dude, was ist das größte Klischee in einem Horror-Film? Die Schwarzen sterben zuerst, damit das Publikum weiß, dass da ein Killer on the run ist!“

„Oh, stimmt. Ich bin mit einer Risikogruppe unterwegs.“, lache ich. „Alter, Risikogruppe! Ich gib dir gleich mal Risikogruppe! – Wenn jetzt ein Axtmörder um die Ecke kommt und wir beide vor ihm wegrennen, könntest du sogar noch hinfallen und trotzdem wäre ich der Erste, der stirbt!“, läuft er weiter, weg vom Friedhof.

„Ja, gleich werde ich bestimmt auch noch auf die Nase fallen, wenn du weiter so rennst.“, hole ich ihn schließlich wieder ein. „Oh, ja! – Das wirst du!“, schupst er mich. „Hey!“ „Nichts da: Hey! – – Das mit den Sex-Robotern, ich muss mir aber keine Sorgen um dich machen, oder?“, haut er mir verspielt auf den Oberarm.

„Du verstehst auch gar nichts!“, belasse ich es dabei. „Ich bekomme so langsam Hunger.“ „Du hättest gerade auch was essen sollen, selber Schuld.“ „Öl-Sardinen zählen nicht als vollwertige Nahrung! – Das war einfach nur seltsam, dass weißt du aber schon, oder?“, haue ich ihn jetzt mal auf den Oberarm.

Kurzgeschichte

Stefan Schürrer View All →

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