Mein MenschMünsterMensch-Auftrittstext

Ich könnte euch heute Abend meine Geschichte aus drei Perspektiven erzählen. Einmal als der Student, der sein Studium vor die Wand gefahren hat, dann als der Schriftsteller, der sein Fehlen in der Universität damit rechtfertigte das nächste große Ding zu schreiben und zu guter Letzt als der körperlich Behinderte, dem sein ganzes Leben von Kleinauf gesagt wurde: Du kannst alles, was andere auch können – und der an den unausweichlichen Niederlagen im Leben schließlich verbittert ist.

Aber das wäre auch nur die halbe Wahrheit, denn eines haben alle drei Erzählperspektiven gemeinsam. Wie jedes Leben ist nämlich auch mein Leben geprägt von Niederlagen und Enttäuschungen mit einem Hoffnungsschimmer an glücklichen Momenten, die alles wieder erträglich machen.

Zum Beispiel erzähle ich auf Partys immer wieder gerne diese fabelhafte Geschichte aus meiner Studentenzeit von meinem Trip nach Amsterdam. Ich und zwei Studienkollegen hatten uns im ersten Semester diese Schnapsidee in den Kopf gesetzt nach Amsterdam zu trampen – weil man ja auch nicht einfacher nach Amsterdam kommt.

Wir sind also mit dem Zug nach Enschede und da dann auf die Autobahn, Daumen raus und alles was zu einem guten Road-Movie dazu gehört. Der erste Wagen, der für uns anhielt, war ein kleiner Golf, so ein Oma-Auto, mit Platzdeckchen auf den Sitzen, Duftbäumchen am Spiegel und WDR4 als Hintergrundrauschen. Wir quetschten uns bei dem älteren Pärchen mit unseren Rücksäcken auf die Rückbank, alle drei noch verkatert vom Vortag.

„Und, wo wollt ihr hin?“, fragten sie und wir erzählten brav, nach Amsterdam und das wir eigentlich studieren würden und – oh, sie hätten auch einen Sohn, der ungefähr in unserem Alter ist und ebenfalls studieren würde und dann kamen natürlich diese üblichen Sprüche, die wir die ganze Reise über hören würden.

Ob wir keine Angst hätten zu trampen? Das sei doch gefährlich. Und dann auch noch per Anhalter, was sagen denn unsere Eltern dazu? – Ach, die wissen davon nichts. Nach dem Motto: Was Mutter nicht weiß, macht Mutter nicht heiß!

Aber ihr hättet mal den Blick sehen müssen, den sich Mutter und Vater vorne auf dem Fahrer- und Beifahrersitz zugeworfen haben: Was wohl unser Sohn gerade macht, von dem wir nichts wissen?

Diese Geschichte habe ich schon so oft erzählt und in meinen Büchern verarbeitet, was ich aber noch nie erzählt habe und heute erzählen will, ist, dass wir in Amsterdam auch die halbe Nacht auf einer Parkbank verbracht haben, nicht etwa, weil wir zu high waren, – das vielleicht auch – sondern weil mich meine Beine nicht mehr tragen wollten.

Wenn ich nämlich erschöpft bin, hebe ich meine Füße nicht mehr vom Boden, sondern schleife sie hinter mir her wie Zementblöcke. Dann verliere ich schneller das Gleichgewicht, komme leichter ins Stolpern. Das wussten meine Studienkollegen, sie alberten deshalb auf der Straße mit Verkehrshütchen rum, jagten sich damit quer über die Straße, als wäre nichts außergewöhnliches an dieser ganzen Situation.

Während ich auf der Bank saß und die Beiden zu immer mehr Albernheiten anstachelte: „Und in dieser Ecke sehen wir den Titelverteidiger und dreifachen Champion, ein Schwergewicht in seiner Klasse! – Und er holt aus und Oh! Was für ein Schlag!“ – verfluchte ich meinen eigenen Körper.

Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, das habe ich wirklich – aber es gab Zeiten, da war ich so voller Wut! Wut auf die vielen Dinge, die ich nicht tun konnte!

Ich erinnere mich da an ein Familienfest, an dem wir mit den Nachbarskindern Twister gespielt hatten. Ich war vielleicht sechs oder sieben und aus irgendeinem Grund bin ich an diesem Tag völlig ausgerastet, habe die anderen Kinder tyrannisiert und so sehr rumgeschrien, dass meine Mutter mich schließlich, nach etlichen gescheiterten Versuchen mich zu beruhigen, in mein Zimmer sperren musste – ja, meine Eltern waren leicht überfordert mit der ganzen Situation; aber wer wäre das nicht gewesen?

Ich war so außer mir, weil ich zu der Erkenntnis kam, dass mir mein Körper mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte und ich nicht mit den anderen Kindern mithalten konnte.

Ich könnte euch jetzt mit Fachbegriffen langweilen wie Zerebrale Bewegungsstörung und leicht ausgeprägte Spastik, aber das würde nicht viel bringen, es wäre nur eine Liste von Krankheitsbildern, die zum Teil auf mich zutreffen, aber kein genaues Krankheitsbild liefern.

Ihr könnt es euch am besten so vorstellen, als würde man euch aus dem Blauen heraus in die Seite piksen. Dabei erschreckt ihr euch, zuckt zusammen, weil ihr damit nicht gerechnet habt. Bei mir kann dieses Piksen in jedem Muskel passieren, zu jeder Zeit, als wenn euch einer mit einem Zahnstocher in den Nackenmuskel pikst, als wenn euch einer mit dem Zahnstocher ins Zwerchfell, in den Bauch, in die Beine pikst, als wenn … ach, ihr versteht hoffentlich das Konzept.

Ich kann deshalb aus keinem Glas in Ruhe trinken ohne Angst zu haben was zu verschütten, mich an schlimmen Tagen in Ruhe rasieren oder einfach nur für fünf Minuten still sitzen bleiben, weil immer irgendwo ein Muskel von mir sein eigenes Bewusstsein hat und unter der Oberfläche meiner Haut droht um sich zu schlagen!

Und das schon seit meiner Geburt. Woher es kommt, weiß niemand. Als Kind war ich deshalb ein Versuchsobjekt. Ich wurde so oft auf den Kopf gestellt, dass ich bald nicht mehr wusste, wo oben und unten war.

Wenn ich nicht gerade in der Schule war oder draußen mit meinen Schulfreunden gespielt habe, wurde ich von allen möglichen Spezialisten untersucht, um herauszufinden, was mit mir nicht stimmt, aber keiner hatte eine Antwort für mich.

Ich habe so viele unnötige Untersuchungen, verschiedenste neumodische Therapieansätze und aufwendige Tests mit mir machen lassen müssen, damit es mir irgendwann besser gehen würde – ich kann diese Lügen nicht mehr hören; ich musste es einfach irgendwann einsehen, mir wird es niemals besser gehen.

Tja, aber was bleibt mir dann eigentlich noch?

Wer meinen Vater kennt oder mal bei uns zu Hause in seinem Hobbykeller war, der weiß, dass mein Vater für sein Leben gern Modellflugzeuge baut; Dioramen, also kleine Szenarien zum Beispiel aus den Weltkriegen nachbaut und irgendwann hat er meinen Bruder mit dieser Leidenschaft angesteckt und er hat es auch bei mir versucht – nur, ich konnte es nicht.

Mir fehlte das Feingefühl, jedes Mal, wenn ich versuchte ein Modell zusammen zu bauen, schlug ein Muskel von mir aus und zerstörte die ganze Arbeit – wieder könnte man sagen, wie dumm war das denn von meinen Eltern, dass man mir das nicht mit ausreichend Ruhe erklärt hat, sondern mich alleine daran verzweifeln ließ.

Heutzutage bin ich ihnen aber dankbar dafür, denn heute kann ich sagen, deshalb bin ich Schriftsteller geworden. Um meine eigenen kleinen Dioramen zu bauen. Verdichtete, detailgetreue Szenen vom alltäglichen Leben; denn, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und schreibe, ist es egal, wie sehr ich wackele.

Ich habe mein Leben lang wie in Amsterdam Menschen von der Ersatzbank aus zugesehen, wie sie die einfachsten Dinge, für mich die unmöglichsten Dinge, getan haben, nämlich zu leben, ohne im ständigen Kampf mit dem eigenen Körper zu sein.

Und wenn ich heute nachts den Tränen nahe bin, weil mich mein eigener Körper an ganz schlimmen Tagen nicht wieder schlafen lässt, dann schreibe ich und verschwinde in meine Welten, die ich kreiere und die geprägt sind von den Stunden auf der Ersatzbank – es ist mein einziger Trost in solchen Momenten.

Eine Geschichte zu erzählen, ist die einzige Möglichkeit, um mich für einen Moment zu vergessen. Eine Geschichte zu erzählen, ist das Einzige, was mir am Ende als Möglichkeit bleibt, den Beschränkungen meines eigenen Körpers zu entfliehen, … vielleicht ja eine Geschichte über meinen spontanen Trip nach Amsterdam, wie ich mit zwei meiner Studienkollegen auf der Autobahn von der niederländischen Autobahnpolizei aufgegabelt wurde und mein einziger Gedanke war, bitte macht keinen Drogentest – dabei sehen die sowas bestimmt jeden Tag … vielleicht ein andern Mal.

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Autorenseite:

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