Das Staffelfinale von MenschMünsterMensch

„Mann, das letzte Mal, als wir uns zu unserem Auftritt gesehen hatten, war krasser Sommer und jetzt herrscht tiefster Winter – kalt und heiß!“ „Ja, genau! – oder umgekehrt.“, lache ich, sehe mal über diesen holprigen Start hinweg und lasse mich in den Sessel neben ihn fallen. „Sag mal, wie ist das bei dir? Wirst du erkannt? Hast du das Problem auch? Überall heißt es jetzt: Bist du nicht der, der nicht schwimmen kann? – Ich find das schon irgendwie witzig.“, lacht er und erzählt weiter.

„Übrigens, was ich dir noch sagen wollte: Die Bücher von Knausgård könnten dir gefallen. – – Der schreibt so wunderbar poetisch.“ „Ist das nicht der Finne?“, frage ich. „Nein, er ist Norweger. – – Sterben ist sein erstes Buch und darin geht es um den Tod seines Vaters und wie er dessen Wohnung mit seinem Bruder ausräumt. Und das hat er so schön gemacht, es ist wirklich fantastisch mit anzusehen, wie er zum Beispiel die dutzenden leeren Farbeimer beschreibt, die der Vater in seiner Wohnung gesammelt hat, es ist eine verdammte Messie-Wohnung, aber er schafft es, dass es keine Abrechnung wird, sondern eine Liebeserklärung. – – Und letztens hat man seinen Bruder gefragt und der meinte nur: „Er ist Schriftsteller, natürlich ist das alles so nicht harrgenau passiert, aber man kann es trotzdem so stehen lassen. Ich könnte nichts anstreichen/wegstreichen, es ist nur poetisch verschönert.“ – – Ich versuche mich jetzt auch am Schreiben, natürlich nicht so professionell wie bei Sterben, aber doch regelmäßiger.“, rücke ich meinen Sessel näher zu ihm und mache in seinen Pausen nur noch ein Ah und Oh, lasse ihn sich ansonsten erst mal leer erzählen.

„Das klingt wirklich cool! Danke für den Tipp! Es stand auf jeden Fall schon auf meiner Liste der Bücher, die ich noch lesen werde, jetzt ist es ein ganzes Stück weiter nach oben gerutscht. – – Veröffentlichst bzw. stellst du auch einiges davon online, oder wie machst du das? Was ich meine: Kannst man das irgendwo lesen?“, bin ich natürlich interessiert und gebe ihm für einen weiteren Redeschwall Starthilfe. „Ne, noch nicht. Ich hab zwar einen eigenen Blog geplant, aber noch nichts davon umgesetzt. – – Wie machst du das denn?“, ist er ebenfalls interessiert, lehnt sich auf der Couch nach vorne, um mich besser in diesem Menschentrubel zu verstehen.

„Ach, ich mach das im Moment noch als Hobby und schreibe meine Texte noch in einem Online-Literaturclub-Verschnitt. Wir hatten uns damals auf zeitverdichtet zusammen gefunden mit der Absicht gute literarische Texte, sei es Prosa, Gedichte, Berichte etc.pp. zu sammeln, zu veröffentlichen und für die Ewigkeit aufzubewahren. Ich gehörte zu einem der Gründungsmitglieder, könnte man fast sagen. Sozusagen mit meinen 20 Jahren einer der Jüngsten unter ihnen gewesen – mh, stell dir nur mal vor, was ich alles schaffen könnte, wenn ich es nicht mehr nur als Hobby betreiben würde …“, um mich aus meinen Gedanken zu holen, fragt er schließlich: „Und wie schreibst du?“

„Ähm – was meinst du damit?“, bin ich erst einmal zurückhaltend. „Ich meine, wie und wie viel schreibst du?“, konkretisiert der Nichtschwimmer. „Achso, ja – ähm.“, gucke ich mich im restlichen Besucherpublikum um, sehe aber nur das übliche Publikum in ihren dicken Winterjacken.

Ältere Pärchen, aufgeweckte Studenten und alle möglichen Kunstinteressierten, die man auch in anderen Theaterstücken und Theatern der Stadt schon das eine oder andere Mal als aufgewecktes Publikum erlebt hat. „Abends, wenn ich zu nichts anderem mehr in der Lage bin, schreibe ich noch ein paar Stunden, um abzuschalten – aber genug von mir, wie schreibst du?“ „Ach. – – Immer mal, wenn mich was bedrückt, dann schreibe ich und – – “ „Ja, cool – so habe ich auch mal angefangen! Interessant wird es ja, wenn man traurig ist und einen lustigen Text schreiben kann.“, lasse ich ihm diesmal keine Kunstpause.

„Oder umgekehrt! Man ist fröhlich, kann aber einen traurigen Text schreiben.“, lacht er und hat sich meinem Rythmus angepasst. „Genau! – aber das wirklich Schwierige ist doch zu schreiben, auch wenn man gerade nicht will. Die wirklichen Profis setzen sich hin und schreiben jeden Tag ihre zehn Seiten runter, egal, ob sie gut gelaunt sind oder ihr Kind gerade Fieber hat.“ „Mh – ja, stimmt.“, schaut er sich nun auch um und bemerkt wahrscheinlich früher als ich, dass uns mittlerweile alle Anwesenden anstarren.

Ich tippe ihm ans Knie, um seine Aufmerksamkeit zurück zu kriegen, schließlich denke ich noch, es ist ein lustiger Plausch zwischen zwei Bekannten: „Weißt du, es gibt da diese Geschichte von Kafka, dass ihn seine Nachbarn immer lachen gehört haben, herzhaft lachen gehört haben, wenn er in seinem Kämmerchen saß, während er Das Urteil und Die Verwandlung geschrieben hat; das war einfach sein Humor, sowas hat er witzig gefunden – das war einfach sein Humor, verstehst’e?“

„Oh, ja. Dann muss das ein sehr spezieller Humor gewesen sein. – – Für mich ist das nichts.“, ist er auf einmal sehr zurückhaltend. „Ja, ist nicht jedermanns Ding.“, nehme ich den letzten Schluck aus meiner Bierflasche und bemerke endlich, dass es furchtbar still geworden ist. „Du – ich glaube, es geht gleich los.“, nickt er Richtung Vorstellungsraum.

„Ah, ich geh nochmal eben austreten. – – So viel Zeit muss noch sein, oder?“, stelle ich mich in die Schlange zum Klo. „Gute Idee, ich komm mit.“, höre ich ihn noch sagen, aber auf einmal steht einer zwischen uns gedrängt, der nachher das Prinzip des Abends Erzähl deine Geschichte! wörtlich nehmen wird, ein paar Gäste deshalb wirklich langweilen wird, weil er nicht zum Punkt und vom Hökschen aufs Stökschen kommt.

Er stupst mich an und fragt, als das Klo gerade frei wird: „Und, warum sind Sie hier?“ „… well, … ähm, heute als Publikum.“, antworte ich in der Aufregung erst mal perplex. „Ich meine, treibt Sie der Voyeurismus hierher?“, kontert der ältere Mann gestochen. „Ähm, nein – weil die Geschichten authentisch sind.“, verschwinde ich im Klo und als der ältere Herr schließlich nach der Heilpraktikerin auf der Bühne steht, meint der Nichtschwimmer zu mir: „Der ist ganz schön nervös, findest du nicht?“

Ich dachte aber echt für einen kurzen Moment, er hatte mich enttarnt, hatte mich entlarft; denn eigentlich geht es doch, und da waren wir uns am Ende des Abends alle einig, darum, in das Leben einer Person zu blicken, als würde man den ganzen Kennen-lernen-Scheiß überspringen und auf der Bühne an dem Moment einer Freundschaft kommen, wo man sich sagt: Fuck it – ich erzähl dir jetzt was ganz intimes oder auch was banales, was weltbewegendes, etwas, dass mich bewegte, was individuelles, was spezielles, was rudimentäres, was – es kann ja wirklich alles sein, dass ist ja gerade das Großartige an diesem Format.

Es kann etwas ganz banales sein, das ich hier erzähle. Man braucht keine große Tragödie erlebt haben, keinen großen Verlust erlebt haben, kein Lotto-Gewinner sein. Es kann auch eine Geschichte aus dem Alltag sein; ich als Münsteraner bin doch auch daran interessiert, was in Münster abgeht – meinte einer in der kleinen Pause.

Und ich erinnere mich nur an meinen Auftritt und wie genervt ich nach meinem Auftritt war, dass der, der dieselbe Krankheit hatte wie ich, nur von mir hören wollte, wie dankbar ich meinen Eltern bin – was doch selbstverständlich ist, oder? – für all ihre Opfer, die sie für mich erbracht haben und das ich dafür dankbar bin, dass sie für mich gekämpft haben, sich zum Beispiel dafür eingesetzt haben, mich auf eine Regelschule zu schicken, statt auf eine Förderschule, wie bei dem, der dieselbe Krankheit hatte wie ich und der sich deshalb sein Leben lang von dem Stikmata befreien musste, behindert zu sein – wie ich das hasse, alles bis ins Detail zu erklären, um dummen Menschen nicht die Möglichkeit zu lassen, dumme Schlüsse aus dem Erzählten zu ziehen; nicht, dass der, der dieselbe Krankheit wie ich hatte, dumm ist, ganz im Gegenteil, der hat … ach, eigentlich rede ich mich gerade doch eh um Kopf und Kragen – Fuck it!

„Und? Alles gut?“, fragt sie als Totbringerfrage zur Begrüßung; – ich hab gedacht, stelle ich mich mal zu ihr, fange mit ihr ein Gespräch an, schließlich gehört sie zu unserem Team, schließlich hat sie mit mir an demselben Abend vorgetragen wie ich – aber ich meine, was kann man in einer großen Menschenmenge anderes antworten als: Alles gut – um nicht direkt wieder das Gesprächsthema des ganzen Raumes zu sein.

„Gut, und selbst?“, schieße ich deshalb direkt zurück, worauf sie stutzt und nickt: „Auch gut.“ „Und heute also wieder hier am Erzählen gewesen? – man hat auch nie zu Ende erzählt, oder?“, will ich das Gespräch retten, denn eigentlich ist sie mir ganz sympathisch. „Genau – man erlebt ja auch immer wieder was neues.“, lacht sie, aber mir ist irgendwie nicht nach lachen. „Nur schade, dass sich so wenige Leute gemeldet haben und diese Gelegenheit wahrnehmen wollen – ich meine, wenn selbst du das geschaffst hast!“, lacht sie wieder – Strike Two.

„Ich hol mir mal was zu trinken.“, lasse ich sie lieber stehen, bevor sie bei mir für heute Abend komplett unten durch ist und an der Bar treffe ich auf zwei der Veranstalterinnen und komme mit ihnen ins Gespräch. Die meinen, dass sie das gar nicht erwartet hatten, dass sich die Erzähler direkt zu einer kleinen Gemeinschaft zusammen tun, sich sozusagen verschmelzen und eine geschworene Gemeinschaft bilden, die, wenn sie sich wieder treffen, sich wie alte Freunde verstehen.

Ich nutze noch die Gelegenheit und bedanke mich bei ihnen, schließlich hat mich der Auftritt im Frühjahr 2017 verändert, nicht nur im privaten Leben Veränderungen angestoßen, sondern mir auch gezeigt, was ich mit meinem Leben machen will, nämlich Geschichten erzählen.

Ich bekomme gerade noch so aus dem Augenwinkel mit, wie ein älterer Herr der anderen Geschichtenerzählerin einen Wein bringt und überhöre sie in meine Richtung sagen: „Danke, das ist aber echt nett von dir – so gentlemanhaft.“, und kann mir das Grinsen nicht verkneifen, – Strike 3 – als die zwei Veranstalterinnen ihre nächste Frage stellen, ob ich mich in irgendeiner Art entblößt gefühlt hätte nach meinem Auftritt, worauf ich nur antworte: „Befreit, nicht entblößt.“

Unterwegs

Stefan Schürrer View All →

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